Zwischen Pazifismus und Dienst: Wie junge Frauen über die Wehrpflicht denken
VonJens Kiffmeier
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Friedrich Merz schließt eine Wehrpflicht für Frauen nicht aus. Von der SPD kommt Unterstützung. Doch was denkt die Generation Z in Deutschland von der Idee?
Berlin – Israel hat sie schon gefühlt immer, Schweden hat sie 2017 teilweise wieder eingeführt und in Dänemark kommt sie ab dem kommenden Jahr: die Wehrpflicht für Frauen. Es gilt nicht als völlig ausgeschlossen, dass Deutschland irgendwann nachzieht. Angesichts des Ukraine-Krieges und der russischen Bedrohung hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die Debatte nun befeuert und zumindest nicht ausgeschlossen, dass junge Frauen auch hierzulande vielleicht zum Dienst an der Waffe herangezogen werden könnten. Die SPD signalisierte bereits Zustimmung. Doch was denken die jüngeren Frauen eigentlich darüber?
Die Debatte um eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland läuft bereits seit Wochen. Am vergangenen Mittwoch hatte die Bundesregierung ein Gesetz von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) verabschiedet, das ein neues Freiwilligenmodell initiieren soll. Doch ob es dabei bleibt, ist weiter unklar. Sollten sich nicht genügend junge Männer zum Dienst in der Bundeswehr bereit erklären, behält sich die Bundesregierung die Rückkehr zum alten Wehrdienst offen.
Wehrpflicht für Frauen: Kanzler Merz befeuert Debatte in Deutschland
Sollte das neue, auf Freiwilligkeit beruhende Wehrdienst-Modell nicht ausreichen, werde es „einen Mechanismus geben müssen, auch zur Wehrpflicht zurückzukehren“, hatte der Kanzler am Freitag dem französischen Fernsehsender TF1 gesagt und hinzugefügt: Diese müsse dann „eigentlich“ auch für Frauen gelten.
Wehrpflicht ausgesetzt – das ist jetzt in Deutschland geplant
Die allgemeine Wehrpflicht in Deutschland wurde am 1. Juli 2011 nach 55 Jahren ausgesetzt. Sie kann jederzeit nach Artikel 12a des Grundgesetzes vom Bundestag mit einfacher Mehrheit wieder eingeführt werden, für eine erstmalige Verpflichtung von Frauen wäre eine Änderung des Artikels mit Zweidrittelmehrheit nötig.
Derzeit dienen gut 182.000 Soldatinnen und Soldaten bei der Bundeswehr, wegen der neuen sicherheitspolitischen Herausforderung soll die Zahl aber auf 260.000 steigen. Da sich in den vergangenen Jahren zu wenig Freiwillige gemeldet haben, hat Verteidigungsminister Boris Pistorius jetzt das schwedische Modell eingeführt.
Das neue Wehrpflicht-Modell sieht für Deutschland vor, dass ab 2026 alle jungen Männer einen verpflichtenden Fragebogen zu Motivation und Interesse am Wehrdienst ausfüllen müssen, während dies für Frauen freiwillig bleibt. Geeignete Kandidaten werden dann zur Musterung eingeladen und können sich freiwillig für den sechsmonatigen Grundwehrdienst (mit Option auf weitere 17 Monate) entscheiden. Falls jedoch nicht genügend Freiwillige gefunden werden, enthält das Modell eine „eingebaute Pflicht-Option“: Die Bundesregierung kann per Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundestags eine verpflichtende Einberufung beschließen.
Wehrdienst für Frauen in Deutschland? SPD signalisiert Zustimmung zum Merz-Vorstoß
Damit hat die Diskussion am Wochenende eine neue Wendung genommen. Erstmals fand der Kanzler-Vorschlag parteiübergreifende Unterstützung. So signalisierte der SPD-Koalitionspartner bereits Zustimmung. „Wenn wir Gleichberechtigung ernst nehmen, müssen wir auch über die Wehrpflicht für Frauen sprechen“, erklärte die stellvertretende SPD-Fraktionschefin Siemtje Möller dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Die frühere Verteidigungsstaatssekretärin wies jedoch gleichzeitig auf die hohen verfassungsrechtlichen Hürden hin: „Dafür wäre allerdings eine Grundgesetzänderung mit Zweidrittelmehrheit im Bundestag notwendig, die derzeit nicht absehbar ist.“
Vom Schützen bis zum General: Das sind die Dienstgrade der Bundeswehr
Wehrpflicht ja, aber für Frauen? Das denkt die Generation Z laut Umfragen über die Idee
Doch was denken die Deutschen darüber? Während die Gesamtbevölkerung laut Umfragen mehrheitlich für eine Wiedereinführung der Wehrpflicht für Söhne, Töchter und Enkel ist, zeigt sich vor allem bei Frauenein anderes Bild: Eine Ipsos-Umfrage vom Juli 2025 ergab, dass nur ein Drittel der weiblichen Befragten (33 Prozent) eine Wehrpflicht für beide Geschlechter befürwortet. Besonders drastisch wird die Ablehnung bei der Frage nach der Verteidigungsbereitschaft: 72 Prozent der Frauen sagten in einer Forsa-Umfrage klar „Nein“ auf die Frage, ob sie Deutschland mit der Waffe verteidigen würden, wie das rbb-Inforadio kürzlich berichtete.
„Persönliche Freiheit und Selbstbestimmung waren in den Interviews die mit Abstand häufigsten Gründe der Generation Z gegen einen Wehrdienst – nach dem Motto: Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, was ich mit meinem Leben mache“, erklärte Studienleiter Rüdiger Maas vom Institut für Generationenforschung die Haltung der jungen Generation gegenüber dem Berliner Tagesspiegel.
Paradox erscheint dabei ein weiterer Befund: Viele der jungen Menschen erklärten laut dem Bericht, dass sie sich durch einen Wehrdienst zwar sicherer fühlen würden, gleichzeitig jedoch Angst hätten, selbst dazu verpflichtet zu werden. Eine große Mehrheit (71 Prozent) stimmte zudem der Aussage zu, dass Deutschland eine starke Bundeswehr brauche, um weiterhin Sicherheit zu gewährleisten.
Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland: Linke kündigt Widerstand gegen Pistorius-Pläne an
Damit stimmen sie zumindest grundsätzlich mit der Linie der Bundesregierung überein, die angesichts der Bedrohung der Nato durch Russland und durch die wackelige Bündnisfähigkeit der USA unter Donald Trump die Bundeswehr wieder schlagkräftiger gestalten will. Doch ob es zu einer Wiedereinführung der Wehrpflicht kommen wird, bleibt abzuwarten. Denn zumindest gegen eine Wehrpflicht für Frauen formiert sich bereits heftiger Widerstand in der Linksfraktion.
Die Linken-Verteidigungsexpertin Desiree Becker kündigte am Sonntag (31. August) an, eine entsprechende Grundgesetzänderung nicht mitzutragen. Frauen an die Waffe zu zwingen, sei „kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt“, sagte sie dem RND. Becker stellte die praktische Umsetzbarkeit infrage: „Da dafür eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag nötig wäre, stellt sich die Frage, wie Merz diese erreichen will.“
Die Linken-Politikerin übte scharfe Kritik an dem Vorschlag: Frauen „mit einem Zwangsdienst ein weiteres Jahr ihrer selbstständigen Lebensgestaltung rauben zu wollen, hat nichts mit einer echten Bemühung um Gleichstellung zu tun und ist an Zynismus kaum zu übertreffen“. (jek)