Spar-Stromer oder Mogelpackung?

Tesla ohne Schnickschnack: So schlägt sich das Billig-Model-Y auf der ersten Ausfahrt

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Tesla streicht beim Model Y Standard an vielen Ecken – sogar das Glasdach verschwindet. Unser Fahrbericht zeigt, ob sich der Verzicht lohnt oder nervt.

München – Gerüchte um einen Billig-Tesla gibt es seit vielen Jahren. Doch auf ein „Model 2“ oder etwas Ähnliches warten die Fans der Marke bis heute. Der kalifornische E-Autobauer, der in Europa aktuell mit schweren Absatzeinbußen kämpft, hat sich zuletzt zu einem anderen Schritt entschieden: Vom Tesla-Bestseller Model Y gibt es jetzt eine Spar-Version namens Standard. Die startet bei 39.900 Euro und ist damit rund 5.000 Euro billiger als die bisher günstigste Variante des Model Y. Doch wo haben die Tesla-Ingenieure den Rotstift angesetzt? Ist das Günstig-Model-Y deutlich schlechter als seine „normalen“ Brüder? Einer Handvoll Journalisten hat Tesla nun die Schlüsselkarte zum Spar-Model-Y ausgehändigt – für eine erste ausgiebige Testfahrt. Ich habe mich für den Münchner Merkur von Ippen.Media hinters Lenkrad der Billig-Version gesetzt.

Hätten Sie es gleich erkannt? Dem Billig-Model-Y fehlt an der Front das durchgezogene Leuchtenband der teureren Brüder.

Wer sich ein wenig mit Teslas auskennt, kann die Standard-Variante von außen relativ leicht erkennen. Im Gegensatz zu den teureren Versionen fehlt an der Front das durchgezogene Leuchtenband und am Heck die indirekte Beleuchtung, die ein echter Hingucker ist. Doch natürlich kommt es – wie auch sonst so oft im Leben – vor allem auf die inneren Werte an. Batteriekapazitäten gibt Tesla grundsätzlich nicht an, stattdessen Reichweiten. Beim Billig-Model-Y sind es laut Hersteller 534 Kilometer nach WLTP. Zum Vergleich: Bei der 10.000 Euro teureren Variante „Maximale Reichweite Hinterradantrieb“ sind es 622 Kilometer. Die Beschleunigung von 0 auf 100 liegt laut Tesla bei 7,2 Sekunden.

Erste Ausfahrt im Tesla Model Y Standard: Durchzug und Verbrauch

Ist das Standard-Model-Y also eine lahme Gurke? Aus meiner Sicht absolut nicht. Der Durchzug des Günstig-Tesla – bei dem ausschließlich die Hinterräder angetrieben werden – ist mehr als ausreichend. Klar, gibt es schnellere Stromer – aber das Dargebotene reicht im Alltag locker aus, wenn man kein Speed-Junkie ist. Ein flotter Überholvorgang auf der Landstraße ist auf jeden Fall drin. Den Normverbrauch (WLTP) für das Standard-Modell gibt Tesla mit 13.1 kWh/100 Kilometer an. Auf meiner gut zweistündigen Testfahrt bei etwa drei Grad Minus zeigte der Bordcomputer am Ende 17,6 kWh. Vornehmlich ging es über Landstraßen und durch kleine Orte – mit einem kurzen Autobahn-Abstecher.

Am Heck vermissen Design-Fans die indirekte Beleuchtung quer über die Kofferraum-Haube.

Passive Stoßdämpfer im Billig-Model-Y: Kaum Einbußen im Alltag

Gespart wurde unter anderem auch am Fahrwerk: statt der aktiven gibt es im Standard-Modell nun passive Stoßdämpfer. Auf meiner Ausfahrt gab es daran – zumindest auf der Landstraße – nichts zu kritisieren. Auf der Autobahn verleitet das Fahrwerk aber nicht unbedingt zum Rasen: Ab etwa 170/180 km/h begann der Tesla mit einem leichten „tänzeln“, die Höchstgeschwindigkeit von 201 km/h muss man nicht zwangsweise anpeilen. Standardmäßig rollt das Spar-Model-Y übrigens mit 18-Zoll Aperture-Felgen zu den Kunden – mein Testwagen hatte allerdings Winterreifen auf den 19-Zoll Crossflow-Felgen montiert.

Elektrische Sitzverstellung? Im Standard-Model-Y nur über das Display

Abstriche müssen die Standard-Käufer vor allem im Innenraum machen: Dass die Musikanlage nur 7 Lautsprecher statt wie in den teureren Versionen 9 beziehungsweise 15 hat, lässt sich meiner Meinung nach leicht verschmerzen. Auch das kleine Display für die Mitfahrer im Fond zwischen den Vordersitzen ist verzichtbar – schließlich hat die Spar-Version ohnehin keine Sitzheizung hinten, die man damit aktivieren könnte. Und zum Filmegucken ist der Bildschirm eigentlich zu klein und zu weit unten. Eher etwas nervig werden könnte die fehlende elektrische Verstellung der Vordersitze an den Seiten. Selbstverständlich lässt sich das Gestühl nach wie vor justieren, aber nun eben über das zentrale Display vorne. Hat man seine passende Sitzposition gefunden, kann man die immerhin abspeichern – und spart sich das Touchscreen-Gefummel beim nächsten Mal. Sollten die Fahrer öfter wechseln, könnte die fehlende Verstellung an den Sitzseiten aber stören. Das Lenkrad muss im Standard-Model-Y manuell eingestellt werden.

Die zehn hässlichsten Autos aller Zeiten: Design-Sünden der Hersteller

Die erste Generation der Mercedes A-Klasse.
Platz 10: Mercedes-Benz A-Klasse. Die ersten Generationen der A-Klasse waren alles andere als eine Schönheit. Seit 2012 kann sich der Kompaktwagen jedoch sehen lassen. Dennoch fliegt die A-Klasse bald aus dem Programm. © Mercedes-Benz AG
Audi A2
Platz 9: Audi A2. Natürlich darf auch der A2 in diesem Ranking nicht fehlen. Hier ging der Nutzen klar vor Design. Mit einem cw-Wert von 0,252 kann der Kompaktwagen locker mit modernen Stromern mithalten. Und auch sonst war der Audi A2 seiner Zeit weit voraus. Vermutlich etwas zu weit, denn 2005 wurde die Produktion nach sechs Jahren eingestellt. Inzwischen genießt der Ingolstädter einen Kult-Status. © Heritage Images/Imago
Ein Chrysler PT Cruiser von 2009 auf der San Diego International Auto Show
Platz 8: Chrysler PT Cruiser. Den Kompatkwagen gab es alternativ auch als Cabrio. Optisch erinnert der PT Cruiser durch seine lange Motorhaube etwas an die Autos der 20er oder 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. 2010 war nach zehn Jahren Bauzeit und einem Facelift dann Schluss. © UPI Photo/Imago
Ford Edsel Villager
Platz 7: Ford Edsel Villager. Ende der 1950er-Jahre führte die Ford Motor Company die Tochtermarke Edsel ein. Ab 1958 ging diese unter anderem mit dem Villager auf Kundenfang. Wirklich beliebt waren die Marke und ihre Modelle damals jedoch nicht. Das lag aber viel mehr an dem ungewöhnlich hohen ovalen Kühlergrill, der so manchen Kritiker an einen Toilettensitz erinnerte. Nach drei Jahren war dann Schluss mit Edsel und dem Villager. Für Ford ein teurer Flop, der fast für den Ruin des US-Autogiganten gesorgt hätte. © Chromorange/Imago
Ein Alfa Romeo SZ.
Platz 6: Alfa Romeo SZ. Nicht schön, dafür aber teuer. Der Alfa Romeo SZ kostete Anfang der 1990er-Jahre sagenhafte 100.000 DM (ca. 51.129 Euro). Der Sportwagen war zudem auf 1.000 Exemplare limitiert. Ob die Italiener wussten, dass der Sportwagen nicht besonders gelungen ist? © Alfa Romeo
Pontiac Aztek
Platz 5: Pontiac Aztek. Von 2001 bis 2005 baute Pontiac diese „Schönheit“. Der Crossover-SUV verkaufte sich immerhin rund 1115.000 Mal. Zu besonderem Ruhm kam der Aztek zudem durch die TV-Serie „Breaking Bad“, in der er von der Hauptfigur Walter White gefahren wird. Allerdings wird der SUV in jeder Episode beschädigt. © Daniel Lippitt/AFP
SsangYong Rodius
Platz 4: SsangYong Rodius. Für einen Platz auf dem Podium hat es für den Koreaner nicht ganz gereicht. Gleiches gilt aber auch für ein eigenständiges Design. Der Kühler erinnert etwas an den PT Cruiser, das Heck hingegen hat man sich bei Mercedes geborgt. Eine Idee, die man womöglich erst hatte, als das Auto schon fertig war, denn es wirkt wie nachträglich aufgesetzt. Trotzdem wurde der Van in zwei Generationen von 2004 bis 2019 gebaut. © SsangYong
Nissan S-Cargo
Platz 3: Nissan S-Cargo. Was aussieht wie ein Modellauto für Kinder, wurde von Nissan tatsächlich von 1989 bis 1992 gebaut. Warum genau wissen wohl nur die Designer und Manager des asiatischen Autobauers. © Nissan
Ein Commuter Tango T600.
Platz 2: Nein, das ist keine optische Täuschung. Der Tang T600 von Commuter Cars ist in der Tat nur 99 Zentimeter breit. Was bei der Parkplatzsuche helfen mag, wirkt optisch, als hätte man einen Smart zu heiß gewaschen oder einen Minivan aus der Schrottpresse gerettet. Doch das Design ist nicht das einzige Problem des Tango T600. Für das kleine Elektroauto werden schwindelerregende 121.000 US-Dollar fällig. Dafür bekommt man aber auch 600 kW Leistung.  © Commuter Cars
Fiat Multipla
Platz 1: Fiat Multiple. Der Sieg geht ganz klar an den Italiener. Zwar versuchte Fiat das Modell mit einem Facelift zu retten, doch wirklich schöner wurde der Van dadurch nicht. 2010 wurde der Multipla nach elf Jahren wieder eingestellt. Bleibt die Frage: Wie konnte dieses Design jemals auf die Straße kommen? © Fiat

Sitze mit Textilbezug, „halbierte“ Mittelkonsole

Wer viel Wert auf Ästhetik legt, mag vielleicht die Sitz-Optik bemängeln, die nun größtenteils einen Textilbezug haben. Mich persönlich hat das allerdings eigentlich nicht gestört. Etwas lieblos wirkt dagegen die Mittelkonsole: Die wurde sozusagen „halbiert“. Statt der durchgehenden Ablage mit schließbaren Fächern gibt es jetzt eine Art Plastikwanne auf Knöchelhöhe, darüber schweben zwei Cupholder. Weggefallen ist auch das Panorama-Glasdach. Das kuriose: Offenbar hat man dieses nicht durch Blech ersetzt, sondern nur verkleidet. Wieso man sich zu diesem Schritt entschieden hat, oder was man damit spart, ist etwas rätselhaft. An der gesamten Verarbeitungsqualität des Spar-Modells gab es in meinem Testwagen nichts auszusetzen.

Sitze mit Stoffbezug – und keine elektrische Sitzverstellung an den Seiten. Ein paar Abstriche müssen Käufer des Tesla Model Y Standard machen.

Auch im Billig-Model-Y dabei: Acht Kameras mit tollem Bild

Ein Hauch von Komfort fällt auch bei der zweiten Sitzreihe weg: Während diese sich in den teureren Versionen elektrisch umklappen lässt, müssen Standard-Fahrer selbst Hand anlegen. Viele Funktionen hat der „Billige“ aber genauso wie die teureren Brüder an Bord. Zum Beispiel die acht Außenkameras, die beim Rangieren ein wirklich gutes Bild liefern. Dass es bei der Auflösung auch deutlich schlechter geht, zeigt unser Test des Renault 5 E-Tech. Außerdem ermöglichen die Kameras den Basic-Autopilot. Ich habe ihn auf der Testfahrt nicht ausprobiert, weil ich in der Vergangenheit – wie auch andere – schon mehrere Phantombremsungen mit Teslas hatte. Nach meiner Erfahrung lässt man zumindest auf Landstraßen besser die Finger davon.

Sitzheizung gibt es im Model Y Standard nur vorne – die Sitzbelüftung wurde eingespart

Gute Dienste lieferte auf meiner Ausfahrt bei leichten Minusgraden die dreistufige Sitzheizung auf den Vordersitzen – eine Sitzbelüftung für heiße Sommertage gibt es dagegen im Standard-Modell nicht. Ein echtes Plus an kalten Wintertagen ist die Lenkradheizung, die auch im Billig-Model-Y mit an Bord ist. Nicht verzichten müssen Standard-Käufer zudem auf die üblichen Tesla-Sperenzchen wie beispielsweise den Santa-Mode (Statt des Autos fährt nun Weihnachtsschlitten im Display, erkannte Fußgänger werden zu Elfen) oder die vielen verschiedenen Furz-Töne, mit denen man Mitfahrer foppen kann – vor allem zur Freude von mitfahrenden Kindern.

Tolle Aussicht beim Einparken: Die acht Außenkameras des Tesla Model Y Standard bieten ein richtig gutes Bild. Links oben auf dem Zentraldisplay wird übrigens per Finger-Wisch zwischen Parken und Vorwärts- und Rückwärtsgang gewechselt.

Die gelungene Steuerung per Tesla-App gibt es ebenfalls im Günstig-Model-Y: Damit lässt sich der Wagen bequem vorheizen, kühlen – oder der Wächtermodus aktivieren, der verdächtige Aktivitäten rund um das geparkte Fahrzeug aufzeichnet.

Erste Ausfahrt im Tesla Model Y Standard: Mein Fazit

Ist das Modell Y nun ein Verzichtsmodell? Nein. Aus meiner Sicht ist viel verzichtbares weggefallen. Ob das Fahrzeug dadurch insgesamt vielleicht noch etwas günstiger hätte werden können, ist sicherlich diskutabel. Selbstverständlich beschleunigt es nicht wie beispielsweise das Model 3 Performance – ist aber eben auch deutlich günstiger. Weder das kleine Display im Fond, noch die elektrisch umklappbare zweite Sitzreihe dürften von den meisten vermisst werden. Als Alltags-Stromer macht das Billig-Model-Y einen gelungenen Eindruck. Was spricht dagegen? Der aktuelle TÜV-Report: Dort landete das Model Y bei den 2-3-Jährigen Fahrzeugen auf dem letzten Platz. Die Hauptprobleme lagen laut den TÜV-Experten bei Achsaufhängungen, Bremsscheiben und der Beleuchtung. Aber zumindest von letzterem hat das Spar-Model-Y ja weniger – vielleicht etwas Positives. (sop)

Rubriklistenbild: © Oppenheimer

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