Dachdecker befürwortet unter einer Bedingung Rente ab 70 Jahren
VonVivian Werg
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Arbeiten bis 70? Dachdeckermeister sehen das als unvermeidlich – fordern aber flexible Lösungen für körperlich belastende Berufe.
Hamm – Kaum ein politisches Thema wird derzeit so hitzig diskutiert wie das Rentenalter. Zwar steigt die Regelaltersgrenze bis 2029 schrittweise auf 67 Jahre, doch angesichts steigender Lebenserwartung, sinkender Geburtenzahlen und einer alternden Gesellschaft werden Forderungen nach einer Rente mit 70 wieder lauter. Doch ist ein höheres Ruhestandsalter für alle wirklich zumutbar?
Die Aussage schlug hohe Wellen bei Gewerkschaften, der SPD und selbst innerhalb der eigenen Partei. Rente mit 70? Für viele Beschäftigte, besonders im Handwerk, ist das kaum vorstellbar. Vor allem Dachdecker, Zimmerer, Gerüstbauer und andere körperlich belastete Berufsgruppen sehen das kritisch.
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Dachdeckermeister sieht Rente mit 70 als unausweichlich
Wie Focus berichtet, gibt es dennoch Stimmen aus dem Handwerk, die eine Erhöhung des Ruhestandsalters unter bestimmten Voraussetzungen befürworten. Einer von ihnen ist Jens-Norbert Schmidt, Dachdeckermeister und Innungs-Obermeister aus Sachsen-Anhalt. Er betreibt einen Betrieb mit 40 Mitarbeitern und hält eine Erhöhung des Rentenalters grundsätzlich für notwendig.
„Das Rentensystem haut nicht mehr hin“, so Schmidt gegenüber dem Portal. „Dass wir das Rentenalter auf 70 erhöhen müssen, und zwar für alle, ist ein Muss. Daran führt aus meiner Sicht überhaupt kein Weg vorbei. Das ist allein eine mathematische Frage, keine politische“. Und weiter: „Weniger Beitragszahler, mehr Rentner, längere Lebenszeit, weniger Geld.“
Gleichzeitig betont Schmidt, dass es mit einer pauschalen Anhebung des Rentenalters allein jedoch nicht getan sei. Ein höheres Rentenalter müsse mit „flexiblen Arbeitsmodellen“ verknüpft sein, vor allem für körperlich stark belastende Berufe. Als denkbares Modell nennt er eine reduzierte Wochenarbeitszeit ab 50, dafür aber eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit bis 75 – sofern gesundheitlich möglich.
Erhöhung der Altersgrenzen im Handwerk – „absolut utopisch“
Anders sieht das Otto Peetz, Inhaber eines Dachdeckerbetriebs in Tübingen. Auch er hält die Rente mit 70 für unvermeidlich, nennt sie für seine Branche jedoch „absolut utopisch“. Zu Focus sagt er: „Die wenigsten schaffen es in unserem Job, bis 65 durchzuarbeiten. Nach 40 Jahren ist man im Baugewerbe einfach körperlich kaputt“.
Peetz warnt, dass vorzeitiger Renteneintritt mit Abschlägen oft in Altersarmut mündet. Deshalb fordert er: „Wer 45 Jahre im Bauhauptgewerbe gearbeitet hat, sollte abschlagsfrei in Rente gehen können – unabhängig vom Alter. Das wäre fair.“ Zugleich zeigt er sich offen für neue Arbeitsmodelle, bei denen erfahrene Mitarbeiter in weniger belastende Tätigkeiten wechseln – bei reduzierter Arbeitszeit und entsprechend niedrigerem Lohn. Der Staat könnte den Differenzbetrag ausgleichen.
Auch Handwerkspräsident Jörg Dittrich fordert angesichts der demografischen Entwicklung ein grundlegendes Umdenken. „Wir brauchen endlich ein tragfähiges Gesamtkonzept und eine ehrliche Betrachtung“, sagte er der WirtschaftsWoche. „Eine immer kleinere Gruppe der Jüngeren kann nicht alleine dafür geradestehen, dass es zu wenig Kinder gab und nun zu viele Rentner.“
Arbeiten im Ruhestand kann eine finanzielle Entlastung sein
SPD-Chef Lars Klingbeil kritisierte bei RTL den Vorstoß von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche scharf. Er bezeichnete die Forderung nach einer Anhebung des Renteneintrittsalters als „Schlag ins Gesicht für viele“, insbesondere für Menschen in körperlich belastenden Berufen. Der SPD-Chef verwies im Interview auf die im Koalitionsvertrag vereinbarte Ablehnung einer Rentenalterserhöhung, stattdessen plädiert er für Maßnahmen, die das freiwillige Weiterarbeiten im Alter attraktiver machen, ohne das Renteneintrittsalter zu erhöhen.
Viele Menschen arbeiten auch nach Rentenbeginn weiter. Laut Tagesschau gingen Ende 2022 über 1,3 Millionen in Deutschland, trotz Rentenbezug, einer Tätigkeit nach – die Mehrheit davon in Minijobs. Ab 2026 soll sich der Mindestlohn erhöhen – was Rentner mit Minijobs aber unbedingt beachten sollten. (vw)