Erdbeben in Istanbul: Auswärtiges Amt reagiert mit Warnhinweis für Türkei-Urlauber
VonLennart Schwenck
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Kai Hartwig
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Ein Erdbeben erschüttert Istanbul: Das Auswärtige Amt verschärft seinen Reisehinweis für die Türkei. Urlauber sollen Vorsicht walten lassen.
Berlin/Istanbul – Am 23. April wurde Istanbul, mit knapp 16 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Stadt der Türkei, von einem Erdbeben der Stärke 6,2 erschüttert. Über 200 Menschen wurden verletzt – rund 170 davon allein in Istanbul. Bereits vor zwei Wochen warnten Experten vor diesem möglichen Erdbeben-Szenario. Trotz der hohen Zahl an Verletzten blieben größere Schäden bislang aus. Nach Angaben des Istanbuler Gouverneursamts liegen keine Berichte über eingestürzte Gebäude vor. Doch auch für Türkei-Urlauber hat das jüngste Erdbeben Auswirkungen, wie dem aktuellen Reisehinweis des Auswärtigen Amts zu entnehmen ist.
Und die Sorgen bleiben: Experten warnen vor weiteren, möglicherweise verheerenden Beben. Das Helmholtz-Zentrum für Geoforschung (GFZ) spricht von einem „hohen Spannungszustand“ südlich von Istanbul. Dieser könne sich in absehbarer Zukunft in einem noch stärkeren Erdbeben mit einer möglichen Magnitude von bis zu 7,4 entladen. Die aktuellen Erschütterungen hätten ein solches Szenario wahrscheinlicher gemacht.
Warnung vor Tsunami in der Türkei: Reisehinweis des Auswärtigen Amts nach Erdbeben in Istanbul
Der japanische Erdbebenexperte Yoshinori Moriwaki äußerte sich gegenüber dem türkischen Sender Haber Türk besonders besorgt: 50 Prozent der Gebäude in Istanbul wären bei einem sehr starken Erdbeben gefährdet. Zudem bestehe im Falle eines Bebens mit einer Magnitude über 7,0 die Gefahr eines Tsunamis mit Wellen bis zu drei Metern Höhe. Auch das GFZ hält ein solches Szenario nicht für ausgeschlossen.
Das Auswärtige Amt hat als Reaktion auf die aktuelle Lage seine Reise- und Sicherheitshinweise für die Türkei angepasst. Grundsätzlich liegt keine generelle Reisewarnung für das Land vor, doch von Reisen in bestimmte Regionen wird „dringend abgeraten“ – allerdings nicht aufgrund des Erdbebens, sondern wegen Terrorismusgefahr und der innenpolitischen Lage. Dazu zählen die Provinzen Şanlıurfa und Mardin an der Grenze zu Syrien und dem Irak sowie die Provinzen Sırnak und Hakkâri.
Zudem weist das Amt auf die Erdbebengefahr in weiten Teilen der Türkei hin – auch in Großstädten wie Istanbul. Dort könne es „zu vielen kleineren, aber auch schwereren Erdbeben kommen“. Reisende müssten mit „Erdrutschen, erheblichen Verkehrsbeeinträchtigungen und lange andauernden Nachbeben“ rechnen. Auf IPPEN.MEDIA-Nachfrage hieß es aus dem Auswärtigen Amt, dass man „die Reise- und Sicherheitshinweise für die Türkei zuletzt am 24. April aktualisiert“ habe. Und weiter: „Unter dem Punkt Natur und Klima weisen wir ausdrücklich darauf hin, dass große Teile der Türkei, auch Großstädte wie Istanbul, in einer seismisch sehr aktiven Zone liegen. Wir fordern in den Reise- und Sicherheitshinweisen dazu auf, sich mit den Verhaltenshinweisen bei Erdbeben vertraut zu machen und die Hinweise des türkischen Präsidiums für Katastrophenschutz und Notfallmanagement zu beachten.“
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Reisewarnung für mehrere Regionen: Politische Unruhen und Demonstrationen
Neben den geologischen Risiken sorgen auch politische Unruhen für Verunsicherung. Nach der Inhaftierung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoğlu kommt es in mehreren Städten zu Massenprotesten. Der Chef der Oppositionspartei CHP, Özgür Özel, kündigte gegenüber der BBC an: „In jede Stadt, in die wir kommen, werden wir die größten Kundgebungen in ihrer Geschichte abhalten.“ Proteste sollen jeden Samstag im ganzen Land sowie mittwochs in Istanbul stattfinden.
Laut ADAC sind insbesondere Istanbul, Ankara und Izmir von den Demonstrationen betroffen. Es kommt zu Straßensperrungen, Ausfällen im Nahverkehr und Einschränkungen im öffentlichen Leben. Das Auswärtige Amt rät Türkei-Urlaubern, die sich in diesen Städten aufhalten: „Meiden Sie Demonstrationen und größere Menschenansammlungen und seien Sie in deren Umfeld äußerst vorsichtig.“
Reisen in die Türkei: Urlaubsregionen bisher wenig betroffen – aber wachsam bleiben
Sowohl das Auswärtige Amt als auch das GFZ raten dringend, sich vor der Reise mit Verhaltensregeln im Falle eines Erdbebens vertraut zu machen. Diese finden sich in Merkblättern des Forschungszentrums. Zudem empfiehlt das Auswärtige Amt, Hinweise des türkischen Katastrophenschutzes AFADzu beachten. Auch Moriwaki mahnte bei Haber Türk zur Vorsicht: „Wir müssen im öffentlichen Leben, in Schulen, zu Hause vorbereitet sein, dann können wir die Schäden um 70 Prozent verringern.“ Er verweist dabei auf Erfahrungen aus Japan, das ähnlich wie die Türkei regelmäßig von Erdbeben betroffen ist.
Urlaubsziele an der türkischen Riviera wie Antalya oder Side sind laut ADAC bislang kaum von den Unruhen oder den Erdbeben betroffen. Der Flugverkehr läuft bislang störungsfrei, auch Autobahnen außerhalb der Metropolen sind befahrbar. Dennoch wird empfohlen, sich regelmäßig über Medien, Hotels oder Reiseleiter über die aktuelle Lage zu informieren. Der ADACbetont zudem, dass eine kostenfreie Stornierung von Pauschalreisen derzeit nur in Ausnahmefällen möglich sei. „Die bloße Angst vor Unruhen reicht für eine kostenfreie Stornierung meist nicht“, heißt es. Wer Einzelleistungen wie Flüge oder Hotels gebucht hat, sollte die jeweiligen Vertragsbedingungen prüfen. (ls)