Was es bedeutet, Kinder zu bekommen

Der schönste Tag im Leben oder einfach furchtbar: Drei Mütter über die Geburt ihres Babys, die alles veränderte

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Die Geburt eines Babys erlebt jede Mutter individuell. Für viele ist es ganz besonders, für andere nur schmerzhaft, für manche wie ein Trauma. Warum es wichtig ist, über die Erlebnisse offen zu sprechen.

Eine Geburt kann man sich erst vorstellen, wenn man sie erlebt hat – das ist wohl das Resümee vieler Mütter und auch Väter. Kein Buch, kein Ratgeber kann das vorhersehen und -sagen, was mit und nach der Geburt kommen wird. Zwar stehen alle Eltern vor der gleichen Aufgabe und Herausforderung, das neue Familienmitglied auf die Welt zu bringen, das Leben mit dem kleinen Menschen zu strukturieren und organisieren. Doch letztlich entwickelt es sich in jeder Familie anders, da jedes Baby individuell ist und Eltern – während sie in ihre neue Rolle hineinwachsen – entsprechend auf das Kind reagieren.

Mit dem positiven Schwangerschaftstest beginnt bereits der neue Lebensabschnitt und zunächst existiert nur eine Vorstellung der Geburt und dessen, was mit dem Baby alles kommen mag. Damit verbunden sind häufig Sorgen, Ängste und eine Ungewissheit sowie Fragen über Fragen: Was kommt auf mich, beziehungsweise uns zu? Wie wird die Geburt? Soll ich im Krankenhaus oder zu Hause entbinden? In welches Krankenhaus soll ich gehen? Was mache ich, wenn ich keine Hebamme finde? Möchte ich auf natürlichem Weg oder durch Kaiserschnitt entbinden? Kann ich die Schmerzen aushalten? Soll ich es ohne PDA versuchen?

Geburt als schönster Tag im Leben oder wie ein Trauma

Die Geburt eines Kindes ist für Mütter in der Regel ein unvergessliches Erlebnis, ob im positiven oder negativen Sinne.

Über die Geburt zu sprechen, ist für viele Mütter noch nicht selbstverständlich. Dabei ist es gerade dann wichtig, darüber zu reden, wenn die individuelle Erfahrung keine gute oder sogar belastende ist – sei es, weil das Kind zu früh auf die Welt kam oder weil die Geburt selbst als traumatisches Erlebnis empfunden wurde. Spiegel Online sprach mit drei Frauen über ihre ehrlichen Geburtserfahrungen.

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Mental Load, Stress, Schlafmangel, Einsamkeit: Dinge, die sich Eltern mit Kind anders vorgestellt haben

Mutter liegt mit Baby in der Wiese
Die Elternzeit wird schön, endlich Freizeit, wie Urlaub, abschalten und die Zeit mit dem Baby genießen, viel spazieren gehen, die angefangenen Bücher fertig lesen, neue Kochrezepte ausprobieren. Was sich gerade Mütter während der ersten Schwangerschaft ausmalen, entspricht in vielen Fällen nicht dem, wie es dann wird. Manche Mütter und Väter fühlen sich vom neuen Lebensabschnitt überrollt und trotz aller Vorbereitungen doch nicht genug vorbereitet. (Symbolbild) © Kzenon/Imago
Frau enttäuscht am Telefon
So sehr sich viele Mütter über den positiven Schwangerschaftstest und den Nachwuchs freuen, umso herausfordernder kann dann die Organisation rund um die Geburt werden. Je nachdem, in welcher Stadt sie leben, wird Eltern geraten, sich frühzeitig um einen Platz zur Entbindung in einer Klinik zu bemühen. 24vita.de sprach mit einer Mutter, die bereits in der 6. Woche der Frühschwangerschaft von Kliniken am Telefon abgewiesen wurde, weil sie zum errechneten Entbindungstermin keinen Platz ermöglichen konnten. „Das habe ich wirklich nicht erwartet“, berichtete die Mutter. (Symbolbild) © AntonioGuillem/Imago
Zwei Frauen mit Baby am Wickeltisch.
Ein für viele Mütter besonders frustrierender Umstand ist der Mangel an Hebammen in Deutschland, insbesondere zur Nachsorge. Ein Umstand, den sich so manche Eltern wohl anders vorgestellt haben. Die Hebamme kommt nach der Geburt zu den Müttern nach Hause – anfangs täglich, später wöchentlich – sieht nach dem Baby und ist auch wertvolle Ansprechpartnerin für die Mutter. Eltern brauchen speziell am Anfang Unterstützung und Kraft, um ihre nötige Kompetenz entwickeln zu können. Gerade nach der Geburt fühlen sich viele Mütter körperlich und mental erschöpft. Die Hebamme kontrolliert in der Nachsorge zudem die Rückbildung der Gebärmutter bei der betreffenden Mutter, den Wochenfluss sowie die Wundheilung von Riss- oder Operationswunden bei Dammriss oder -schnitt sowie Kaiserschnitt. Außerdem zeigt die Hebamme ihnen erste Übungen der Rückbildungsgymnastik. (Symbolbild) © Mareen Fischinger/Imago
Mutter sitzt erschöpft vor Babybett
Ein Baby bedeutet das pure Glück – so denken und hoffen es die meisten Eltern. Doch nicht immer stellt sich nach der Geburt das Gefühl von Glück und unendlicher Liebe ein. Bei etwa 710.000 Geburten pro Jahr in Deutschland zeigen über 70.000 Frauen und mit ihnen auch Männer pro Jahr Symptome einer postpartalen Depression. (Symbolbild) © Highwaystarz/LOOP IMAGES/Imago
Vater und Sohn schlafen im Sitzen
„Schlaf immer dann, wenn das Baby schläft.“ Ein gut gemeinter Rat von anderen Eltern, der nach der Geburt eine besondere Bedeutung einnehmen wird. Denn den schwierigen Umstand der veränderten Schlafqualität mit Schlafmangel haben sich viele Eltern definitiv anders vorgestellt. Nicht selten fühlen sich die übermüdeten Mütter und Väter dann über den ganzen Tag schläfrig-benommen, leiden unter Konzentrationsschwierigkeiten, Stimmungsschwankungen und sind stark reizbar. (Symbolbild) © Tanya Yatsenko/Imago
Mutter mit Baby erinnert sich
Zu dem neuen Leben mit Baby kommen auch jede Menge Aufgaben auf Mütter und Vater zu, angefangen vom neuen Tagesablauf, den oftmals kurzen Nächten, über das Stillen des Babys und Fläschchen geben bis hin zu Nachsorge- und Vorsorgeterminen. Gerade Mütter berichten, das Gefühl zu haben, an vieles denken zu müssen und machen dabei häufig die Erfahrung – auch wenn das Kind schon älter ist sowie, wenn Geschwister dazu kommen – Termine, Verabredungen oder Aufgaben zu vergessen. (Symbolbild) © Highwaystarz/LOOP IMAGES/Imago
Frau sortiert Wäsche in Waschmaschine
Mit dem Nachwuchs wird die Arbeit im Haushalt nicht weniger, ganz im Gegenteil. „Ich hätte es nie für möglich gehalten, so viel Wäsche pro Woche zu waschen“, erzählt eine Mutter 24vita.de im Gespräch. Mit dem Baby in der Familie fehlt es dann schlicht und ergreifend häufig an Zeit und vielen Eltern auch an Energie, Aufgaben zu erledigen, selbst wenn Eltern das Kind einbinden oder sich zur Erholung zum schlafenden Baby dazu legen. (Symbolbild) © YAY Images/Imago
Frau in der Dusche
Eine ausgiebige Dusche oder ein schönes, warmes Bad. Was für Menschen ohne Kinder meist selbstverständlich ist, muss von Eltern mit Baby nicht selten zeitlich eingeplant werden. „Ich habe anfangs immer nur ganz schnell duschen können, weil unser Kleiner nicht gerne abgelegt werden wollte und dann viel weinte“, beschreibt eine Mutter im Gespräch mit 24vita.de. Zwar mag es für die einen absurd klingen, doch ist dieser Umstand für so manche Mutter oder manchen Vater nach der Geburt des Babys blanke Realität, die vorher nicht in ihrer Vorstellung vorkam. (Symbolbild) © Ihar Ulashchyk/Imago
Mutter wiegt Baby im Arm
Über neun Monate warten Eltern darauf, ihr Baby in den Armen halten zu können. „Jeden Tag war das für mich ein besonderer Moment, wenn ich unser kleines Baby im Arm hielt, sie wiegte, an ihr roch“, so die Mutter einer jetzt 4-Jährigen. Die meisten Eltern freuen sich auf ihre Elternzeit mit Kind, doch es gibt auch die Mütter und Väter, die sich in dieser ersten Zeit mit Kind dennoch alleine fühlen, da ihnen beispielsweise die Ansprache mit anderen fehlt. (Symbolbild) © Monkey Business 2/Imago
Eltern mit kleinem Baby
Mit der Geburt des Babys werden aus zwei Menschen eine Familie. Wo sich vorher die Frau und der Mann voll auf ihre Partnerschaft konzentrieren konnten, stehen nun in der Regel vorrangig die Bedürfnisse des Nachwuchses im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein Baby verändert zwar eine Partnerschaft, kann sie aber auch bereichern. Mutter und Vater ist eine Rolle im Leben, in die Eltern zunächst hineinwachsen müssen, die auch mit Tücken, Hindernissen und verschiedenen Gefühlen verbunden ist, auch wenn es in der eigenen Vorstellung einfacher schien. (Symbolbild)  © Cavan Images/Imago

Geburtserlebnis: „Das war der schönste Tag in meinem Leben“ – Laura, 29

„Ich hätte vorher nie gedacht, dass eine Geburt so schön sein kann. Das war der schönste Tag in meinem Leben. Der Moment, wo sie aus dem Wasser aufgetaucht ist und mir auf die Brust gelegt wurde: Der war so schön, den kann ich gar nicht beschreiben. Von der ersten Wehe bis zur Geburt dauerte es vier Stunden. Das war sehr schnell und ziemlich überwältigend. Aber ich hatte eine gute Betreuung. Es war sehr selbstbestimmt: Ich durfte machen, womit ich mich wohlfühlte. Natürlich hatte ich Angst, aber ich versuchte eben, damit umzugehen. Das würde ich auch anderen raten: Sich vorher mit dem Schmerz zu beschäftigen – und damit, ihn positiver wahrzunehmen. Und dass man jemanden dabei hat, der sich im Notfall für die eigenen Interessen einsetzt.“

Geburtsbericht: „Ich war wütend, weil ich mich so fremdbestimmt fühlte“ – Julia, 28

„Schon bevor ich schwanger war, habe ich mich sehr ehrlich mit meiner Mutter über die Geburt unterhalten. Im eigenen Umfeld traut man sich ja eher zu fragen. Meine Mutter hatte einen Dammschnitt und war davon traumatisiert. Deshalb hatte ich Angst, dass es auch bei mir nötig sein würde. Ich stellte mir das so schrecklich vor: Weil ein anderer über die Unversehrtheit meines Körpers entscheiden würde. Mein Kind kam einen Tag nach dem errechneten Termin. Als die Wehen einsetzten, ging es mir zunächst echt gut. Ich fühlte mich stark. Als es trotzdem nicht schneller ging, machte die Hebamme ein sogenanntes Kristeller-Manöver. Dabei legte sie sich auf den Bauch. Das war ziemlich schmerzhaft. Der Kreißsaal war plötzlich voller Menschen und alle hatten Anweisungen: Wann ich pressen, stillhalten, die Luft anhalten sollte. Das war mir zu viel. Irgendwann sagte mein Mann: Jetzt spricht bitte nur einer! Und dann wurde doch ein Dammschnitt gemacht. Ich war wütend, weil ich mich so fremdbestimmt fühlte. Das war kein guter Auftakt für das Elternsein: Ich hatte Schwierigkeiten, mich auf die neue Situation einzustellen.“

Schwangerschaft und Geburt: „Ich würde anderen raten: Fragt ehrlich nach“ – Nele, 28

„Eigentlich war ich gut vorbereitet und hatte mich mit allem beschäftigt, was schiefgehen kann. Die Geburt setzte vor dem errechneten Termin ein. Ich hatte komisch geträumt, meine Fruchtblase wäre geplatzt. Ich wachte auf – das Bett war nass. Mein Mann sollte dann die Hebamme anrufen und war schon ganz panisch. Aber ich meinte: Chill mal, ich gehe erstmal auf Toilette. Ich bekam dann doch Wehen. Das war, als ob jemand ein Messer genommen hätte und mir in den Unterleib gestochen und darin rumgerührt hätte. Ich bekam einen Schmerztropf, weil ich es nicht mehr aushielt. Aber die Nadel war nicht richtig gesetzt und ich hatte einen einseitigen Wehensturm. Die Hebammen nahmen mich nicht ernst. Daran denke ich jetzt immer noch oft. Irgendwann gab der Arzt dann noch einmal Medikamente, dann wirkte die Betäubung plötzlich. Um zwei Uhr morgens war mein Sohn da. Danach entließ ich mich selbst aus dem Krankenhaus. Ich rede viel über meine Erlebnisse – und höre auch meinen Freundinnen zu, wenn sie von ihren Geburten erzählen. Ich finde das wichtig. Ich würde anderen raten: Fragt ehrlich nach. Besteht darauf, ehrliche Berichte zu hören.“

Folgen einer traumatischen Geburt: Jede fünfte Frau leidet unter postpartaler Depression

Über die Gefühle, ausgelöst durch die Geburt und das frische Elternleben, sollten Mütter und Väter offen sprechen können, um auch mögliche psychische Folgen wie depressive Phasen zu vermeiden. Warum manche Frauen eine Wochenbettdepression oder postpartale Depression entwickeln, hat tatsächlich verschiedene Ursachen: Nicht nur das Alter der Frau, eine psychische Vorbelastung und die Qualität der Bindung zum Partner spielen eine wichtige Rolle. Auch ein traumatisches Geburtserlebnis kann einschneidende Konsequenzen für die Mutter-Kind-Bindung haben und mit einer Depression verbunden sein. Anschließende starke Veränderungen des eigenen Lebens und der eigenen Identität können eine Depression nach der Geburt zudem begünstigen, wie die AOK berichtet. Insbesondere Erstgebärende sollen laut einer Studie ein höheres Risiko für eine postpartale Depression entwickeln.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unserer Redaktion nicht beantwortet werden.

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