Es geht an die Ersparnisse

Rente in Gefahr: Bürgergeld-Reform von Merz-Regierung „verlagert Armut in die Zukunft“

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Die geplante Bürgergeld-Reform könnte Millionen Deutsche treffen. Besonders ältere Arbeitnehmer müssen nun auch noch um ihre Altersvorsorge bangen.

Berlin – Es sollte ein „Herbst der Reformen“ werden. Nur wenige Wochen nach der Ankündigung wollen CDU und CSU nichts mehr davon hören. Fraktionschef Jens Spahn soll laut einem Bericht von Bild.de intern die Losung ausgeben haben, die Erwartungen herunterzuschrauben – und nicht mehr vom „Herbst der Reformen“ zu sprechen. Alle Hoffnung liegt nun auf dem Arbeitsministerium, das bereits einen ersten Gesetzentwurf zur geplanten Bürgergeld-Reform ausgearbeitet haben soll.

Die Bürgergeld-Reform sieht eine strengere Anrechnung von Ersparnissen vor Leistungsbezug vor – laut dem Sozialverband SoVD mit direkten Auswirkungen auf das spätere Leben in Rente. (Montage)

Laut Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) sei der Gesetzentwurf bereits fertig. Dieser sei „über die Sommerpause“ von ihren Beamten erarbeitet worden, schreibt Bild.de. Offiziell verabschiedet wurde das Gesetz bislang allerdings nicht. Unter anderem sind schärfere Sanktionen bei Pflichtverletzungen, Wohngeld und Bürgergeld-Missbrauch vorgesehen. Zudem soll es Sozialleistungsempfängern an die Ersparnisse gehen – zur Kritik der führenden deutschen Sozialverbände VdK und SoVD.

Details der Bürgergeld-Reform von Merz-Regierung: Karenzzeit droht das Aus

Demnach müssen erst alle Ersparnisse bis zu einem Schonvermögen aufgebraucht werden, bis die Sozialleistung ausgezahlt wird. Vermögen umfasst alles Geldwerte – etwa Bargeld, Wertpapiere, Lebensversicherungen, Fahrzeuge oder Immobilien – und wird für die gesamte Bedarfsgemeinschaft betrachtet, informiert die Bundesagentur für Arbeit (BA) auf ihrer Website.

Bisher greift in den ersten zwölf Monaten (Karenzzeit) die Prüfung nur bei „erheblichem“ Vermögen: über 40.000 Euro für die erste Person plus 15.000 Euro je weitere. Nach der Karenzzeit gilt ein Freibetrag von 15.000 Euro pro Person, darüber liegendes Vermögen wird angerechnet. Das soll sich bald ändern: Bereits im Koalitionsvertrag wurde sich darauf geeinigt, die Karenzzeit abzuschaffen. Außerdem soll die Höhe des Schonvermögens künftig an die Lebensleistung gekoppelt werden.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Erst Ersparnisse, dann Sozialleistung – „geraten schneller in eine finanzielle Notlage“

Sollte es wirklich eine strengere Anrechnung von Ersparnissen vor Leistungsbezug der Grundsicherung geben, seien deutliche soziale und wirtschaftliche Auswirkungen zu erwarten, warnt Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, gegenüber IPPEN.MEDIA und führt weiter aus: „Die Verschärfung trifft insbesondere Menschen mit mittleren Einkommen und geringeren Ersparnissen, die im Fall von Arbeitslosigkeit schneller in eine finanzielle Notlage geraten.“

Ein weiterer Aspekt, der die Regierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei der Bürgergeld-Reform ausgeklammert haben dürfte: „Gerade diejenigen mit langjähriger Erwerbstätigkeit, die für Notlagen und das Alter privat vorgesorgt haben, geraten dadurch verstärkt in Unsicherheit“, so Bentele. Diese Meinung teilt auch Michaela Engelmeier, Vorstandsvorsitzende des Sozialverbands Deutschland SoVD. Laut ihr sparen viele Menschen ihr Leben lang, um ihre Rente aufzubessern oder um Altersarmut vorzubeugen. Dabei zeigt sich, dass selbst Vollzeitbeschäftigte wohl nicht die Rente über der Armutsgrenze erreichen.

Kritik von Sozialverbänden: Merz-Regierung setzt Rotstift bei Bürgergeld an

Die Bürgergeld-Reform sei Engelmeier zufolge gerade für ältere Arbeitnehmer ein Problem, die plötzlich ihren Job verlieren. „Denn dann bricht ein wichtiger Teil ihrer privaten Altersvorsorge einfach weg und kann auch nicht mehr über Jahre kompensiert werden.“ Der SoVD habe daher die Einführung der Karenzzeit ausdrücklich begrüßt. „Dass sie nun gekippt werden soll, verlagert das Problem von Armut für die Betroffenen nur in die Zukunft. Wichtig ist es aus unserer Sicht, dass Altersvorsorgeleistungen im Bürgergeld weiterhin geschützt werden und nicht zum Vermögen zählen“, appelliert die SoVD-Vorstandsvorsitzende.

Dass sich die schwarz-rote Koalition noch von ihren Plänen abbringen lässt, scheint unwahrscheinlich. Merz kündigte in einem Interview mit SAT.1 an, er wolle beim Bürgergeld rund zehn Prozent der Kosten einsparen. Das entspricht fünf Milliarden Euro im Jahr. Ein Experte vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hält das Ziel für machbar – allerdings nicht durch Sanktionen. (Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Bild.de, IPPEN.MEDIA, Koalitionsvertrag, SAT.1) (cln)

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