Long Covid: Wie Proteine im Gehirn den Weg zu neuen Therapien ebnen können
VonNatalie Hull-Deichsel
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Long Covid betrifft weltweit Millionen Menschen. Eine Studie der LMU und Helmholtz Munich liefert spannende Erkenntnisse, die wegweisend für Diagnostik und Therapie sein könnten.
In einer wegweisenden Studie haben Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in Zusammenarbeit mit Helmholtz Munich neue Erkenntnisse über die Ursachen neurologischer Symptome bei Long Covid gewonnen. Die Forscher identifizierten Proteine im Gehirn, die vermutlich eine zentrale Rolle spielen. Diese Entdeckung könnte den Weg für neue Therapiemöglichkeiten ebnen, um die Langzeitfolgen der Krankheit zu bekämpfen.
Folgen von Corona: das Spike-Protein als Schlüsselfaktor
Prof. Dr. Ali Ertürk, Direktor des Instituts für Intelligente Biotechnologien am Helmholtz Munich, und sein Team gehen im Rahmen der Studie den Ursachen von Long Covid auf den Grund. Gemeinsam mit Forschern der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) entdeckten sie, dass das SARS-CoV-2-Spike-Protein in den Hirnhäuten und im Knochenmark des Schädels bis zu vier Jahre nach einer Infektion verbleiben kann, wie es in einer Pressemitteilung der LMU lautet. Diese Erkenntnis ist von großer Bedeutung, da sie einen Mechanismus offenlegt, durch den das Virus langfristige neurologische Symptome verursachen könnte. „Unsere Daten deuten auch darauf hin, dass das persistierende Spike-Protein an den Grenzen des Gehirns zu den langfristigen neurologischen Effekten von Covid-19 und Long Covid beitragen könnte. Dazu gehört auch eine beschleunigte Gehirnalterung, die für Betroffene den Verlust von fünf bis zehn Jahren gesunder Gehirnfunktion bedeuten könnte“, erklärt Prof. Ertürk. Die Forscher nutzen eine neuartige, KI-gestützte Bildgebungstechnik, um diese Proteine sichtbar zu machen und ihre Auswirkungen auf das Gehirn zu untersuchen. Man geht davon aus, dass etwa 400 Millionen Menschen weltweit von Long Covid betroffen sind und größere Mengen an Spike-Proteinen in ihrem Körper tragen.
Long Covid/Post Covid: Wenn sich der Körper nach Corona nicht mehr erholt
Schätzungen zufolge leiden mindestens zehn Prozent der weltweit Infizierten an den Spätfolgen einer Corona-Infektion. Eine aktuelle Überblicksstudie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Nature Reviews Microbiology, zeigt, dass Long Covid mindestens zehn Prozent aller Infizierten betrifft. Das bedeutet, dass weltweit inzwischen rund 65 Millionen Menschen mit den Spätfolgen der Erkrankung zu kämpfen haben, wie tagesschau.de berichtet.
Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) und des National Institute for Health and Care Excellence (NICE) definiert „Long Covid“ als Beschwerden, die über die akute Krankheitsphase hinaus – also länger als vier Wochen nach einer SARS-CoV-2-Infektion – bestehen oder neu auftreten. Bleiben diese Symptome mehr als zwölf Wochen bestehen, spricht man auch vom „Post-Covid-Syndrom“.
KI-gestützte Bildgebung: Neue Einblicke in die Gehirnaktivität
Die innovative Bildgebungstechnik ermöglicht es, Organe und Gewebeproben dreidimensional zu visualisieren. Dadurch konnten die Forscher bisher unsichtbare Ablagerungen des Spike-Proteins in Gewebeproben von Covid-19-Patienten und Mäusen aufdecken. Diese Methode offenbart, dass das Spike-Protein an ACE2-Rezeptoren bindet, die in den betroffenen Regionen besonders häufig vorkommen, was die Anfälligkeit dieser Gewebe für langfristige Ansammlungen erhöht.
Impfung als möglicher Schutz: Reduzierung von Spike-Protein-Anreicherungen
Die Studie zeigt auch, dass mRNA-Impfstoffe, wie der von BioNTech/Pfizer, die Anreicherung des Spike-Proteins im Gehirn signifikant reduzieren können. Geimpfte Mäuse wiesen niedrigere Spike-Protein-Werte im Gehirn und im Schädelknochen auf. Diese Reduktion ist ein wichtiger Schritt, um das Risiko langfristiger neurologischer Schäden zu mindern, auch wenn ein Rest des Proteins weiterhin ein Risiko für chronische Entzündungen und neurodegenerative Erkrankungen darstellt.
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Grundlage für neue Long Covid-Therapien: Bedeutung und Ausblick der Studie
Die Entdeckung der Long Covid-Forscher ist ein bedeutender Fortschritt im Verständnis der Erkrankung und ihren neurologischen Auswirkungen. Weitere Studien sind notwendig, um die Ergebnisse zu verifizieren und in klinische Anwendungen zu überführen. Die Forschung könnte die Grundlage für neue Therapien schaffen, die Long-Covid-Patienten helfen, ihre Lebensqualität zu verbessern. Zukünftige Entwicklungen in der Behandlung von Long Covid könnten entscheidend von diesen Erkenntnissen profitieren.