„Blinde Flecken“

EU plant Fahrtauglichkeitstests für Rentner: Experte sieht Gefahr durch schwindende Sehfähigkeit

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Sehschwäche kann für den Fahrer tückisch sein, für andere Verkehrsteilnehmer gefährlich. Mitunter überschätzen Ältere ihr Sehvermögen. Experten raten dringend zu Tests ab 60.

Brüssel – Die EU diskutiert unter anderem darüber, ob ältere Menschen sich künftig einer regelmäßigen Fahrtauglichkeitsprüfung unterziehen lassen sollten, um auch weiterhin Auto fahren zu dürfen. In Deutschland bekommen die Pläne der neuen Führerscheinrichtlinien Gegenwind von Politik und Lobby: Automobilverbände sehen darin eine Bevormundung der Autofahrer, der ADAC spricht sich für freiwillige Fahr-Fitness-Checks aus, anstatt „Verbotsprogramme“ installieren zu wollen. Die eigenen Fähigkeiten auf den Prüfstand zu stellen, halten Experten aus der Verkehrssicherheit dennoch für sinnvoll.

Fahrtauglichkeitstests für Rentner: Autofahren mit Grauem oder Grünem Star – Objekte tauchen erst plötzlich auf

Mit zunehmenden Alter nimmt die Reaktionsfähigkeit in der Regel ab. Und auch das Sehvermögen kann mit steigendem Alter schwinden – in der Kombination nicht die beste Voraussetzung, um ein Fahrzeug zu steuern. Besonders Grauer Star (Katarakt) und Grüner Star (Glaukom) können im Alter zu oftmals unbekannten und gefährlichen Einschränkungen beim Fahren werden.

Ab dem 50. Lebensjahr steigt das Risiko beider Augenerkrankungen, die meist schleichend und zeitversetzt bei beiden Augen auftritt. Etwa 20 von 100 Menschen zwischen 65 und 74 Jahren haben einen Grauen Star, bei den über 74-Jährigen sind es laut dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) mehr als 50 von 100. Rund acht Prozent der Menschen über 75 leiden dagegen unter Grünem Star.

Experten raten Autofahrern zu regelmäßigen augenärztlichen Untersuchungen mindestens ab dem 60. Lebensjahr.

Die Augenkrankheit ist heimtückisch: Zum einen nimmt die Sehschärfe stetig ab, Farben und Konturen verwischen immer mehr und Betroffene schauen durch eine Art Nebel (Grauer Star). Für Menschen mit Grünem Star können dagegen „blinde Flecken“ entstehen. Objekte im zentralen Sichtfeld sind zwar anfangs meist klar, im peripheren Blickwinkel können sie jedoch verschwinden. Beim Autofahren ist die Straße vor einem zwar in der Regel noch gut erkennbar. Personen, Fahrzeuge oder Straßenschilder rechts und links auf den Gehwegen dagegen nicht. Sie tauchen unerwartet wieder auf – meist, wenn es schon zu spät ist. 

Sehschwäche setzt schleichend ein – es kommt zur Selbstüberschätzung beim Autofahren

„Das Risiko von Unfällen mit lebensgefährlichem Ausgang steigt beim Glaukom immens an“, erklärt Frank Tost von der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) gegenüber dem Online-Magazin Forschung und Wissen. Typischew Anzeichen für Augenerkrankungen durch Grauen Star sei eine gestörte Wahrnehmung bei wechselnden Lichtverhältnissen, etwa wenn man aus der Dunkelheit ins Licht tritt oder bei Dämmerung. Das führe zu Unsicherheiten bei Nachtfahrten. „Betroffene fahren langsamer, sind schnell geblendet durch entgegenkommende Fahrzeuge oder bremsen zu spät, weil sie Stoppschilder nicht erkennen.“

Weil der Sehverlust durch Augenerkrankungen oftmals nur schleichend voranschreitet, nehmen Betroffene ihn oftmals lange Zeit selbst gar nicht wahr. Viele schätzen ihre Sehkraft besser ein als sie eigentlich ist, wie eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) aufzeigt. Nahezu alle Probanden (99,2 Prozent) waren der Meinung, dass ihre Sehkraft gut bis sehr gut sei. Ein Sehtest bewies das Gegenteil: Fast ein Fünftel (16,4 Prozent) fiel sogar durch.

Rätselhafte Verkehrszeichen: Zehn Schilder, deren Bedeutung nicht jedem klar ist

Ein Carsharing-Parkplatz-Verkehrsschild
Vier Personen stehen um ein halbiertes Auto – dieses Schild gibt vielen Verkehrsteilnehmern Rätsel auf. Betrachtet man das Fahrzeug allerdings als „geteilt“, wird die Sache schon deutlich klarer: Dieses Zeichen weist nämlich auf einen Carsharing-Parkplatz hin. © Stefan Sauer/dpa
Verkehrszeichen für autonomes Fahren
Es gibt Verkehrszeichen, die wirken wie aus einer anderen Welt – und in diesem Fall ist es tatsächlich auch so: Dieses schwarz-weiße Schild ist nämlich für die digitale Welt bestimmt – für den menschlichen Fahrer ist es bedeutungslos. Das Schild, das vor allem in Südbayern zu finden ist, ermöglicht es autonomen Fahrzeugen im Testbetrieb, exakt ihren Standort zu bestimmen.  © Future Image/Imago
Verkehrsschild Fahrradstraße
In einer Fahrradstraße dürfen grundsätzlich nur Fahrräder und E-Scooter fahren. Allerdings gibt es Ausnahmen, auf die durch Zusatzschilder hingewiesen wird. In diesem Beispiel sind (Klein-)Krafträder, Mofas sowie mehrspurige Kraftfahrzeuge – also auch Lkw – zugelassen. Es gilt jedoch eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h – und auf Radfahrer muss besondere Rücksicht genommen werden. © Gottfried Czepluch/Imago
Verkehrszeichen Radschnellweg
Ein grünes Schild mit einem weißen Fahrrad kennzeichnet sogenannte Radschnellwege – unabhängig von der Beschaffenheit der Straße. Auch bei sandigen Straßen beispielsweise, soll dadurch kenntlich gemacht werden, dass es sich um einen Radschnellweg handelt. © Panthermedia/Imago
Schild Sackgasse Durchgang für Radfahrer und Fußgänger
Das Sackgassen-Schild dürften die meisten Verkehrsteilnehmer kennen – doch es gibt auch eine besondere Variante, die nicht so oft zu sehen ist. Für Kraftfahrzeuge ist in diesem Fall Schluss – doch für Fußgänger und Radler gibt es in dieser Sackgasse einen Durchgang. © Christian Ohde/Imago
Verkehrsschild Spielstrasse
Verwechslungsgefahr! Wenn man Autofahrer fragt, welches Verkehrsschild an einer Spielstraße zu sehen ist, dürfte man wohl von nahezu jedem die gleiche Antwort bekommen: Ein blau-weißes Rechteck, auf dem ein Erwachsener und ein Kind abgebildet sind, die Fußball spielen – dazu ein sich näherndes Auto. Doch das ist falsch: Dieses Schild weist auf einen verkehrsberuhigten Bereich hin. Hier sind Fußgänger und andere Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt. Trotz des Gebots der gegenseitigen Rücksichtnahme müssen Autos und Radfahrer besonders vorsichtig fahren und notfalls auch anhalten. Zudem ist nur Schrittgeschwindigkeit erlaubt. Gerichten zufolge sind das zwischen 5 und 15 km/h. © Michael Gstettenbauer/Imago
Verkehrsschild Spielstrasse
Und hier ist das „echte“ Spielstraßen-Schild: Es besteht aus einem Verbotsschild für Fahrzeuge aller Art, darunter ist ein Zusatzschild mit einem Fußball spielenden Kind angebracht. „Hier dürfen weder motorisierte Fahrzeuge noch Fahrradfahrer fahren und parken. Die Spielstraße ist allein für spielende Kinder und Fußgänger gedacht“, erklärt der ADAC auf seiner Homepage. © Carsten Koall/dpa
Grünpfeil an roter Ampel
Der Grünpfeil (nicht: Grüner Pfeil) an Ampeln erlaubt allen Fahrzeugen das Abbiegen nach rechts trotz roten Lichtzeichens. Allerdings nur, wenn diese zuvor an der Haltelinie angehalten haben und wenn eine Behinderung oder Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer, insbesondere des Fußgänger- und Fahrzeugverkehrs der freigegebenen Verkehrsrichtung, ausgeschlossen ist. © Martin Müller/Imago
Verkehrsschild grüner Pfeil für Radfahrer
Vom Grünpfeil-Schild gibt es auch noch eine spezielle Variante: In diesem Fall ist es nur Radfahrern erlaubt, bei Rotlicht rechts abzubiegen. Natürlich nur unter den Voraussetzungen, die auch für den „normalen“ Grünpfeil gelten. © Rüdiger Wölk/Imago
Verkehrsschild Überholverbot von einspurigen Fahrzeugen
Das Verkehrszeichen für das „normale“ Überholverbot dürfte allen Autofahrern bekannt sein. Dieses Schild ist eine Abwandlung davon. Es schreibt explizit ein Überholverbot von einspurigen Fahrzeugen vor. Das bedeutet in Straßenabschnitten, die mit diesem Verkehrszeichen ausgeschildert sind, dürfen mehrspurige Fahrzeuge (Autos, LKWs) keine Motorräder oder Fahrräder überholen. © Michael Gstettenbauer/Imago

Daher sei es wichtig, die Sehkraft regelmäßig testen zu lassen, um die Anzeichen für eine Erkrankung frühzeitig zu erkennen. „Wir raten zu regelmäßigen augenärztlichen Untersuchungen mindestens ab dem 60. Lebensjahr“, so der DOG-Experte. Das läge in der Selbstverantwortung eines jeden Verkehrsteilnehmers, da in Deutschland – anders als in anderen EU-Ländern – ein Sehtest einzig vor der Führerscheinprüfung verpflichtend ist.

Viele Senioren befürchten Tost zufolge, den Führerschein durch Tests verlieren zu können. Begründet sei das aber nicht. Denn in den meisten Fällen könnten Defizite und Einschränkungen beim Fahren unkompliziert behoben werden; etwa durch operative Einschränkungen oder eine angepasste Sehhilfe. Auch könnte empfohlen werden, lediglich auf Nachtfahrten nach Sonnenuntergang zu verzichten. „In jedem Fall sollten Betroffene es ansprechen, wenn sich am Fahrverhalten etwas verändert hat“, so der Experte für Augenheilkunde.

Senioren hinterm Steuer machen oft Fehler beim Abbiegen und nehmen die Vorfahrt – aus Sehschwäche?

Zahlen des Deutschen Kraftfahrzeug-Überwachungs-Verein (DEKRA) untermauern die Einschätzung des Experten. Der Sicherheitsreport von 2021 zeigt, dass das Fehlverhalten unter den Autofahrern, die 75 Jahre oder älter sind, nahezu identisch mit dem der 18- bis 20-Jährigen ist. Zwar fuhren die Senioren zum einen deutlich langsamer. Zum anderen waren sie viel seltener als Jugendliche unter Alkoholeinfluss unterwegs und hielten größeren Abstand zu anderen Fahrzeugen. Doch missachten sie um ein Vielfaches mehr Vorfahrtsregeln und machen Fehler beim Abbiegen. Vor allem innerorts.

Unfälle mit Personenschäden nahmen dem Report zufolge in den vergangenen 15 Jahren in allen Altersgruppen zu. Von 2015 bis 2019 stiegen die durch über 65-jährige Autofahrer verursachten Unfälle aber ähnlich stark an, wie bei unter 20-Jährigen. Außerdem nahm die Anzahl der schwerverletzten Senioren im Straßenverkehr zu. Die Zahlen des Reports beziehen sich auf Auswertungen des Statistischen Bundesamtes von 2019.

Insgesamt liegt das Fehlverhalten bei jungen sowie älteren Autofahrern mit Abstand am höchsten im Vergleich zu restlichen Altersgruppen. Die neuen Führerscheinrichtlinien sehen neben den Fahrtauglichkeitstests für Senioren auch Einschränkungen für Fahranfänger vor. Etwa Geschwindigkeitsbegrenzungen und ein Verbot von SUVs. (rku)

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