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Lars Ricken wollte die BVB-Talente wieder stärker fördern. Nun steht ein Juwel vor dem Absprung. Das wäre ein Verrat an der eigenen Philosophie.
Dortmund – Mehr als ein Jahr ist Lars Ricken nun als Geschäftsführer Sport bei Borussia Dortmund im Amt. Er ist angetreten mit dem klaren Versprechen, die Talentförderung wieder zur Chefsache zu machen.
Jetzt, im Sommer 2025, steht er vor einer Zerreißprobe für seine Glaubwürdigkeit. Eines der größten Offensiv-Juwele des Vereins, der 19-jährige Cole Campbell, strebt einen Abschied an. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge zeigt vor allem der VfB Stuttgart starkes Interesse, die Ruhr Nachrichten melden sogar ein Treffen mit den Schwaben.
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Stuttgart und Frankfurt haben BVB-Juwel auf dem Zettel
Auch Eintracht Frankfurt, wo Sportdirektor Timmo Hardung das Werben um englischsprachige Talente gezielt vorantreibt und ihnen den Eintracht-Weg aufzeigt, hat Campbell auf dem Wunschzettel.
Der mögliche Abgang des US-Juniorennationalspielers ist beim BVB mehr als nur eine weitere Transfer-Posse. Er wäre ein fatales Zeichen für die Amtszeit von Lars Ricken.
Der Mann, der selbst als Eigengewächs zum Jungstar wurde und nach der aktiven Karriere als langjähriger Nachwuchschef die DNA des BVB wie kaum ein Zweiter kennt, ist angetreten, um die Durchlässigkeit von der Jugend zu den Profis zu stärken. Der Fall Campbell droht nun, dieses zentrale Versprechen als leere Worthülse zu entlarven.
BVB-Talent vom „Unterschiedsspieler“ zum Verkaufskandidaten
Um die Brisanz der Personalie zu verstehen, muss man nur ein Jahr zurückblicken. Im Sommer 2024 feierte der BVB die Vertragsverlängerung mit Campbell bis 2028. Damals lobte Ricken persönlich die Qualitäten des Youngsters: „Cole ist ein Unterschiedsspieler in unserer U19. Sein Tempo, sein Dribbling, sein Abschluss und seine Mentalität sind Qualitäten, die ihn besonders machen.“
Mit der Vertragsverlängerung ging eine Beförderung einher, Campbell durfte die Vorbereitung mit den Profis machen, absolvierte Testspiele und feierte unter Nuri Şahin im Herbst in einer personellen Notsituation sein Debüt in der ersten Mannschaft.
Auch Sportdirektor Sebastian Kehl zeichnete einen klaren Weg vor, sprach davon, Campbells Entwicklung „weiter fördern“ und ihn „an die Profimannschaft heranführen“ zu wollen.
Ein hausgemachtes Problem beim BVB
Die Realität nach einem Jahr unter der sportlichen Gesamtverantwortung von Ricken unter den Trainern Şahin, Mike Tullberg und Niko Kovač: Homöopathische 19 Minuten in der Bundesliga und keine sofort erkennbare Perspektive.
Dass der Verein nun eine Ablöse von deutlich mehr als fünf Millionen Euro fordern soll, zeigt, dass weiter an das Potenzial von Campbell geglaubt wird. Doch mit einem Verkauf würde der BVB einen Wert monetarisieren, den der Klub sportlich nicht zu heben vermochte.
Campbells Wechselwunsch ist die logische Konsequenz der vergangenen Saison. Der entscheidende Baustein in seiner Entwicklung sollte die U23 in der 3. Liga sein. Mit dem Abstieg der Zweitvertretung in die viertklassige Regionalliga West ist dieser Weg aber kollabiert. Für ein Talent von Campbells Format ist die vierte Liga ein sportlicher Rückschritt – den er Berichten zufolge nicht mitgehen will. Und weil es eben keine Profi-Perspektive gibt, scheint ein Abschied unausweichlich. Die Spielerseite handelt im eigenen besten Interesse.
Ein beunruhigendes Muster: Der BVB und seine Talente
Hier schließt sich der Kreis zu Lars Ricken. In seinen 14 Monaten als Geschäftsführer Sport ist es noch nicht gelungen, die wichtigste Brücke zwischen Jugend und Profis zu stabilisieren. Im Gegenteil: Sie scheint eher einsturzgefährdet. Der Fall Campbell legt ein strukturelles Problem offen, das direkt in Rickens Verantwortungsbereich fällt und weit über eine einzelne Personalie hinausgeht.
Die Causa Campbell weckt zudem unangenehme Erinnerungen an eine ganze Reihe von Talenten, die unter ähnlichen Umständen scheiterten. Kritiker sehen Parallelen zu früheren Fällen, in denen der BVB talentierte Spieler nicht zu eigenen Stars reifen lassen konnte.
Der Abgang von Abwehrtalent Nnamdi Collins zum Konkurrenten Eintracht Frankfurt passt besonders gut in dieses beunruhigende Muster. Collins hat nach dem Durchbruch bei der SGE Chancen, auf den WM-Zug aufzuspringen. In Dortmund muss man sich jeden Tag mehr über die nur 700.000 Euro Ablöse für den vielseitigen Abwehrmann ärgern.
Eigene Dortmunder Talente haben es schwer
Es entsteht der Eindruck, dass der BVB zwar exzellent darin ist, Talente zu identifizieren, im entscheidenden Übergangsbereich zum Profi aber wiederholt Schwächen offenbart. Den Durchbruch haben zuletzt fast nur die Top-Talente geschafft, die spät im Nachwuchsbereich von außen geholt wurden, etwa Jamie Gittens. Genau diesen Übergang wollte Ricken zur Chefsache machen.
Ein Verkauf von Campbell würde das ad absurdum führen und die Frage aufwerfen, ob Dortmund aus den Fehlern der Vergangenheit nicht lernen kann.
Verliert der BVB seinen Ruf als Talentschmiede?
Ein Abgang von Cole Campbell wäre für Borussia Dortmund ein schwerer Schlag, obwohl der Spieler noch Entwicklungsschritte gehen muss, um zur vollwertigen Profi-Alternative zu werden.
Es wäre nicht weniger als ein Verrat an der postulierten Philosophie und würde die Glaubwürdigkeit der sportlichen Führung empfindlich treffen. In einer Zeit, in der das Alleinstellungsmerkmal als „Ausbildungsverein“ auf dem Transfermarkt längst verloren gegangen ist, weil Klubs wie Eintracht und Stuttgart, aber auch RB Leipzig oder gar Branchenriesen wie der FC Bayern und Real Madrid aggressiv um die besten Talente werben, wäre es ein weiteres problematisches Zeichen.
Der BVB hat sich seinen Ruf als Top-Adresse für junge Spieler über Jahrzehnte hart erarbeitet. Wenn nun ein Spieler, den man vor einem Jahr noch als künftigen Star gefeiert hat, aus Mangel an Perspektive die Flucht ergreift, stellt sich eine fundamentale Frage: Verspielt Borussia Dortmund diesen Status ausgerechnet unter der Führung von Lars Ricken?
Rubriklistenbild: © IMAGO/Maximilian Koch

