Während die Konkurrenz shoppen geht

BVB im Transfer-Dilemma: Warum Dortmund ein brandgefährliches Spiel betreibt

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Der BVB erscheint auf dem Transfermarkt wie gelähmt. Doch das Zögern ist kein Zufall, sondern ein gefährliches Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren.

Dortmund – Die Nachricht schlägt in diesen Tagen bei vielen BVB-Fans ein wie ein Nackenschlag: Johan Bakayoko, der schon als designierter Nachfolger für Jamie Gittens galt, wird sich wohl für RB Leipzig entscheiden, wie am Montag von mehreren Transferexperten vermeldet wurde.

Während Borussia Dortmund um Geduld wirbt, macht die Konkurrenz Nägel mit Köpfen. Es ist ein einzelner Vorgang, der jedoch sinnbildlich für eine besorgniserregende Entwicklung steht.

Denn die Personaldecke auf den offensiven Flügeln wird nach dem Gittens-Verkauf und der langwierigen Verletzung von Toptalent Julien Duranville bedrohlich dünn. Die allgemeine Ungeduld vieler Fans wächst ohnehin, doch seit der Verpflichtung von Jobe Bellingham herrscht auf der Zugangsseite gespenstische Ruhe. Die Gründe dafür sind komplex, doch die Analyse offenbart ein riskantes Spiel, das die Ziele des BVB akut gefährden könnte.

Kehls kurze Nächte und die Spar-Doktrin des BVB

„Ich war noch nicht ein einziges Mal am Strand hier“, verriet Sportdirektor Sebastian Kehl Mitte Juni während der USA-Reise zur FIFA Klub-WM. „Mein Wecker klingelt sehr früh am Tag“, erklärte er zu seinem Arbeitspensum. Er habe „ein paar Hausaufgaben zu machen“. Doch passiert ist seither nichts.

Kehls Andeutung, dass „in den nächsten Tagen vielleicht noch was passiert“, ist einen knappen Monat später von der Realität überholt worden und unterstreicht die zentrale These: Der BVB muss auf Zeit spielen.

Ein Hauptgrund ist die finanzielle Realität, die von vielen Fans falsch eingeschätzt wird. Die rund 65 Millionen Euro für Gittens, sowie 7,5 Millionen Euro für Soumaïla Coulibaly und fünf Millionen Euro für Youssoufa Moukoko landeten nicht einfach auf einem prall gefüllten Festgeldkonto.

BVB ging bei Transfers in Vorleistung

Sie waren auch eine Notwendigkeit, um die bereits getätigten, Investitionen in Jobe Bellingham (30,5 Mio.), Yan Couto (20 Mio.) und Daniel Svensson (6,5 Mio.) zu refinanzieren. Das reale, verbleibende Budget liegt damit schätzungsweise noch bei höchstens 30 bis 40 Millionen Euro.

Unter dem neuen Geschäftsführer Sport, Lars Ricken, weht zudem ein klarer Wind. Seine Maxime lautet: „Wir können und wollen uns nicht jedes Jahr ein so großes Transferdefizit wie im letzten Jahr leisten“, sagte Ricken in den USA. Die fiskalische Vernunft verbietet riskante Schnellschüsse, schränkt aber den Handlungsspielraum von Kehl naturgemäß ein.

BVB-Sportdirektor Sebastian Kehl hat viele Baustellen und wenig Baustoff.

Der Status bröckelt: Der BVB ist nicht mehr die erste Wahl

Die Causa Bakayoko ist indes ein weiterer schmerzhafter Beweis für eine Realität, die schon gar nicht mehr so neu ist: Borussia Dortmund hat sein Monopol als Europas Top-Adresse für den nächsten Karriereschritt längst verloren. Früher wäre der BVB für ein Talent aus der Eredivisie die logische und fast automatische Wahl gewesen. Heute können nationale Rivalen wie Bayer Leverkusen und das finanzstarke Leipzig sportlich und finanziell absolut mithalten.

Der BVB ist nur noch eine Option von vielen. Das zeigt sich auch im Werben um andere Talente wie James McAtee von Manchester City, wo mit Eintracht Frankfurt ein Konkurrent auf Augenhöhe agiert, der ebenfalls mit der Champions League werben kann und sich sportlich beeindruckend entwickelt. Der Name Borussia Dortmund allein reicht nicht mehr. Der Kampf um die besten Talente ist härter, langwieriger und teurer geworden, zumal immer öfter auch die Top-Klubs mitmischen und Zwischenschritte ausbleiben.

Zu viele Baustellen, zu wenig Geld: Das strategische Dilemma des BVB

Diese schwierige Marktlage trifft auf eine komplexe Kadersituation. Mit den offensiven Flügeln, der Innenverteidigung nach der langen Verletzung von Nico Schlotterbeck, dem defensiven und offensiven Mittelfeld sowie einem benötigten Backup für Serhou Guirassy im Sturm gibt es mindestens fünf kritische Baustellen. Es ist ein strategisches Dilemma für die sportliche Leitung.

Mit dem begrenzten Budget ist es unmöglich, alle Problemzonen mit Top-Qualität zu füllen. Setzt man alles auf eine Karte, wie einen teuren Flügelspieler? Oder verteilt man das Risiko auf mehrere günstigere, aber unsichere Wetten? Dieser Zwang zur Effizienz verlangsamt den Prozess und erklärt Kehls Suche nach den oft zitierten „kreativen Lösungen“, zu denen letztlich auch Leihgeschäfte zählen könnten. Jeder Transfer muss sitzen, ein teurer Fehler wäre fatal.

Der BVB muss ein gefährliches Spiel mit der Zukunft eingehen

Die Zurückhaltung des BVB ist also kein Zeichen von Untätigkeit, sondern die Folge einer dreifachen Zwangslage: die Finanzdoktrin, ein härterer Transfermarkt und zu viele Kader-Baustellen. Doch bei allem Verständnis für die Hintergründe entpuppt sich diese Strategie der Geduld zunehmend als ein hochriskantes Spiel, das den Anschluss an die Spitze kosten könnte.

Während Kehl und Ricken den Markt sondieren, schafft die Konkurrenz Fakten. Leverkusen hat Florian Wirtz gefühlt schon doppelt ersetzt, RB Leipzig will nach einer enttäuschenden Saison nicht nur mit Bakayoko angreifen.

Die Qualifikation für die Champions League ist das absolute Minimum beim BVB und mit einem derart unausgewogenen Kader bereits jetzt in Gefahr. Der Statusverlust, vor dem viele warnen, ist eigentlich längst im Gange.

Die Einnahmen aus der Klub-WM waren für diesen Sommer überlebenswichtig. Die Frage, die sich bei diesem Zögern stellt, ist jedoch eine viel düsterere: Wer garantiert eigentlich, dass der BVB bei der nächsten Klub-WM überhaupt noch dabei ist?

Rubriklistenbild: © IMAGO/Maximilian Koch

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