BVB riskiert Mini-Kader bei Maxi-Belastung: Direkter Weg in die nächste Herbst-Krise
VonLars Pollmann
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Der BVB startet augenscheinlich ein gefährliches Experiment: Ein Mini-Kader soll die Maxi-Belastung bewältigen. Droht die nächste Herbst-Krise?
Dortmund – Mini-Kader für die Maxi-Belastung – so lautet offenbar die riskante Devise von Borussia Dortmund für die neue Saison.
Während der internationale Spielkalender die Profis der Spitzenklubs mit seiner aufgeblähten Champions League und der FIFA Klub-WM an ihre absoluten Grenzen treibt, herrscht bei den Westfalen auf der Zugangsseite ein auffälliger Transferstau. Und das, obwohl die Kassen beim BVB durch die Klub-WM-Teilnahme und beträchtliche Einnahmen aus den Verkäufen von Jamie Gittens, Soumaïla Coulibaly und Youssoufa Moukoko ordentlich gefüllt sein müssten.
Die laut Medienberichten ganz bewusst getroffene Entscheidung für einen schmalen Kader von angeblich nur 22 Vollprofis wirkt wie ein Vabanquespiel. Anstatt den Kader in der Spitze und vor allem in der Breite zu stärken, um für die kommenden Herausforderungen gewappnet zu sein, scheint man beim BVB mit wehenden Fahnen in die nächste, fast schon vorprogrammierte Herbst-Krise zu reiten.
Wer geht? Wer bleibt? – Die Vertragslaufzeiten der Stars von Borussia Dortmund
Fragt man die Verantwortlichen, ist die Sache klar. Der Kader ist gut genug, die Mittel sind begrenzt. „Den großen Umbruch hatten wir im letzten Sommer mit 25 Kaderbewegungen“, sagte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. „Das können wir auch ökonomisch nicht jedes Jahr machen.“
Die größte Gefahr dieser Strategie ist längst statistisch belegt und hat beim BVB immer wieder zugeschlagen: der „Herbstfluch“. Sobald im September die englischen Wochen beginnen, bricht über Dortmund regelmäßig eine Verletzungswelle herein. Die Daten sind alarmierend: In den letzten Jahren war der BVB mehrfach der unrühmliche „Ausfall-Meister“ der Liga. In manchen Spielzeiten verpasste ein Dortmunder Kicker im Schnitt über 40 Tage mehr als ein durchschnittlicher Bundesliga-Profi.
Daran sind auch schon Saisonziele zerbrochen. Erst im letzten Jahr musste der BVB mit einer durch Spieler aus der U23 aufgefüllten Rumpftruppe im DFB-Pokal beim Ligarivalen Wolfsburg antreten, weil eine Krankheits- und Verletzungswelle wütete. Dortmund kämpfte wacker, kassierte aber kurz vor dem Elfmeterschießen den Knockout.
Mit Blick auf die neue Saison ist derweil völlig unklar, wie die Spieler die Belastung der Klub-WM vertragen. Der BVB bereitet sich erst ab dem 26. Juli auf die neue Runde vor, zu diesem Zeitpunkt haben manche Teams in der Bundesliga schon vier Wochen in den Beinen.
Und die Belastung wird nicht geringer: In den letzten zehn Jahren hat Dortmund stets mindestens 45 Pflichtspiele absolviert, mehrfach auch die Marke von 50 Pflichtspielen geknackt. Zudem sind die meisten Kicker bei ihren Nationalmannschaften noch mehrfach im Jahr aktiv. Nun kamen fünf BVB-Spiele unter widrigen Bedingungen bei der Klub-WM in den USA hinzu.
Wenn die internationale Spielergewerkschaft FIFPRO von einer „Kannibalisierung des Wettbewerbskalenders“ spricht, können auch die Stars von Dortmund mitreden.
Ritt auf der Rasierklinge: Was, wenn das Glück den BVB verlässt?
In den vergangenen Spielzeiten konnte sich der BVB oft nur mit Ach und Krach das Minimalziel der Champions-League-Qualifikation sichern. Man ritt auf der Rasierklinge und hatte am Ende das nötige Glück. Doch die Konkurrenz schläft nicht. Die aktuelle Transferperiode liefert dafür bittere Beweise: Bayer Leverkusen hat die Wirtz-Millionen für mehrere Neuzugänge reinvestiert, im Werben um Johan Bakayoko hatte RB Leipzig das bessere Ende für sich.
Die Sachsen machten zuletzt an einem Tag sogar einen Transfer-Hattrick perfekt. Beim BVB ist neben Jobe Bellingham nur Ersatztorhüter Patrick Drewes neu dabei.
Kaum weniger ärgerlich für Fans: Gleichzeitig droht der Verlust der eigenen Identität als Top-Adresse für Talente. Junge Spieler wie Cole Campbell, der mit einem Wechsel zum VfB Stuttgart liebäugelt, verlieren die Geduld, weil sie keine Perspektive auf regelmäßige Einsätze sehen. Der Ruf als perfektes Sprungbrett erodiert beim BVB, wenn der Weg in die erste Mannschaft blockiert scheint.
Riskantes Spiel oder 4D-Schach der BVB-Bosse?
Die Fakten zeichnen das Bild eines Vereins, der ein enormes Risiko eingeht. Die Strategie des kleinen Kaders in Zeiten der Maxi-Belastung wirkt wie ein Anachronismus. Doch vielleicht steckt mehr dahinter als bloße Fahrlässigkeit. Spielt die Vereinsführung um Lars Ricken und Sebastian Kehl vielleicht 4D-Schach?
Es ist zumindest denkbar, dass sie bewusst pokert und darauf wartet, dass sich im Verlauf des Transferfensters neue, günstige Optionen ergeben, um den Kader doch noch in der Spitze und vor allem in der Breite zu verstärken.
Alles andere wäre ein riskanter Poker, bei dem der BVB sehenden Auges in eine Krise schlittern könnte, die diesmal vielleicht nicht mehr glimpflich ausgeht.