VonIngo Durstewitzschließen
Der Eintracht-Baumeister Markus Krösche steht kurz davor, seinen 2025 auslaufenden Vertrag zu verlängern – er hat noch viel vor beim Traditionsklub.
Markus Krösche, 43 Jahre alt, in Hannover geboren und fußballerisch in Paderborn sozialisiert (Stichwort Jahrhundertspieler), ist ein klarer Überzeugungstäter. Von Stimmungen und Schwingungen lässt sich der Sportvorstand der Frankfurter Eintracht nicht leiten, das geht ja in diesem Job gar nicht. Als Manager gilt es, Entscheidungen zu treffen, die auch mal wehtun können, die zuweilen unverständlich wirken oder es vielleicht wirklich sind – so genau weiß man es meistens erst hinterher.
„Ich kann keine Rücksicht darauf nehmen, was die Leute sagen“, betont er selbst. Er könne als Verantwortlicher nicht das Ziel haben, „von allen geliebt zu werden.“ Sein Credo: „Ich treffe Entscheidungen aus Überzeugung.“ So wie die, sich von dem beliebten Europapokalsieger-Trainer Oliver Glasner zu trennen. Damals, im Mai 2023, war Krösche über Nacht zum Buhmann avanciert und musste einen wahren Shitstorm über sich ergehen lassen. Er hat das weggesteckt, professionell und abgeklärt. Auch wenn beißende Kritik, zumal nahe an der Gürtellinie, nichts ist, was einen per se kalt lässt. Selbst einen ausgebufften Manager nicht. Auch die Benennung des vergleichsweise unerfahrenen Dino Toppmöller zum neuen Chefcoach konnte nicht jeder verstehen; merkwürdig, dass der fleißige und kompetente Fußballlehrer so wenig Kredit hat.
Nein, Everybody’s Darling ist Markus Krösche nicht, auch wenn er leutselig und smart rüberkommt. Der frühere Leipziger Sportdirektor ist kein Typ, dem die Herzen zufliegen, weil er nicht hemdsärmlig und kein Kumpeltyp ist. Er ist ein Macher der neuen Generation, manche würden ihn als glatt bezeichnen. Ist er aber nicht. Man muss eine gewisse Härte mitbringen in der Milliarden schweren Branche, in der die Bundesligisten zu potenten Unternehmen mutiert sind, die Eintracht wird am Ende der Saison rund 370 Millionen Euro umsetzen. Krösches Aufgabe ist, den Klub in dem unbarmherzigen Verdrängungswettbewerb so aufzustellen, dass er gesund und modern in die Zukunft gehen kann, konkurrenzfähig auf hohem Niveau ist, europäische Ambitionen verfolgt und dennoch seine Wurzeln nicht vergisst, die Tradition wahrt. Das ist manchmal gar nicht so leicht.
Krösche weckt Begehrlichkeiten
Krösche hat seit seiner Amtsübernahme im Sommer 2021 einen guten Job gemacht. Das klingt erst mal nach einem flachen, pauschalen Urteil, das dem Werken nicht gerecht wird. Krösche, studierter Betriebswirt, hat gepunktet mit seiner Philosophie, seinem ganzheitlichen Ansatz (zu dem explizit die Jugendarbeit zählt) – und seinen Transfers, Transfers, die – anders als beim vormaligen Chefeinkäufer Ben Manga, eher datenorientiert gestützt sind. Er hat damit Erfolg, nicht immer, aber oft genug.
Und genau deshalb ist er für andere Klubs interessant geworden, die Bayern hatten mal ein Auge auf ihn geworfen, „guter Mann“, urteilte Uli Hoeneß. Jetzt war Borussia Dortmund im Gespräch. Die Eintracht steht dem Werben um ihren Sportboss ganz cool gegenüber, Aufsichtsratschef Philip Holzer umschrieb das mal so: „Dass sein Name in Verbindung mit anderen Topklubs gebracht wird, zeigt, dass die sehr gute Arbeit bei Eintracht Frankfurt national und international zur Kenntnis genommen wird.“
Holzer ist es auch, der sich aktuell um eine Vertragsverlängerung des Sportvorstandes verdient macht. Krösche soll zeitnah einen neuen Kontrakt unterschreiben, sein altes Arbeitspapier läuft 2025 ab. Er selbst hatte Gespräche in der durch die Länderspiele bedingte Bundesligapause angekündigt. „Jeder weiß, wie wohl ich mich fühle und wie gerne ich hier arbeite. Wir haben viel vor mit der Eintracht und eine spannende Mannschaft.“
Bei der Eintracht redet Krösche niemand rein
Die angestrebte Verlängerung ist zwar nicht nur Formsache, es geht um Zukunftsfragen, die Ausrichtung, das Budget, die Kompetenzen, den Verdienst. Aber die Fortsetzung der Zusammenarbeit ist nur logisch, alles andere würde die Glaubwürdigkeit des Managers erschüttern und das ganze Projekt konterkarieren. Denn Krösche hat die neue Saison bereits geplant oder die Umsetzung im Kopf. Es ist sein Kader, seine Mannschaft, sein Trainer, sein Sportdirektor, sein Projekt. Hier kann er sich verwirklichen – und das bei einem Verein mit dieser Wucht und dieser Strahlkraft, fast 150 000 Mitglieder stark. Auf dem sportlichen Sektor redet ihm niemand rein, auch nicht Axel Hellmann, bei dem sonst alle Fäden zusammenlaufen. Doch die Eintracht arbeitet nach dem Prinzip, dass die Fachkräfte in ihren Bereichen autark walten können, Entscheidungsgewalt haben, aber auch entsprechend Verantwortung tragen. Mit der Anerkennung von Kompetenzen ist der Klub gut gefahren. Andererseits ist er so aufgestellt, dass die Sportliche Leitung auch ausgetauscht werden könnte, ohne dass das ganze Konstrukt wackelt oder zusammenbricht.
Unter Markus Krösche hat die Eintracht ihre Herangehensweise noch einmal verschärft, den Weg, den Fredi Bobic eingeschlagen hat, geht der amtierende Sportboss konsequent weiter. Noch kompromissloser sogar. Das Prinzip, oft beschrieben: Spieler holen, sie weiterentwickeln, teuer verkaufen. Das klappt häufig, das Paradebeispiel ist natürlich Randal Kolo Muani, der für fast 100 Millionen zu Paris Saint-Germain ging, aber auch Jesper Lindström, der 35 Millionen einbrachte. Manchmal funktioniert es nicht, auch hier gibt es genügend Beispiele von Jens Petter Hauge über Sam Lammers bis hin zu Lucas Alario. Um nur einige zu nennen. Garantien gibt es in dem Geschäft eben nicht.
Auch wegen dieses Frankfurter Weges ist die Fluktuation so hoch, ist der Verein zu einer Art Durchlauferhitzer geworden, mehr als 100 Transfers hat Krösche abgewickelt. Identifikation bleibt da auf der Strecke, und auch die Figuren. Sebastian Rode hört im Sommer auf, wahrscheinlich auch Makoto Hasebe, und wie sehr die Menschen nach solchen Ikonen lechzen, für die der Verein weit mehr ist als eine Durchgangsstation, sieht man nun immer, wenn Timothy Chandler für ein paar Minuten mitspielen darf – das Stadion bebt dann förmlich.
Markus Krösche ist klug genug, das alles zu wissen. Und er sucht zu den vielen jungen Nachrückern nach gestandenen Spielern, die einiges erlebt haben und etwas darstellen und die nicht in 18 Monaten wieder Reißaus nehmen. Gar nicht so leicht.
In jedem Fall, das hat Krösche schon angekündigt, soll es im Sommer keinen radikalen Umbruch geben, sondern eher Veränderungen mit Augenmaß. Die Mannschaft soll zusammenbleiben und wachsen. Dazu müssten der Verein und die Spieler mal Verlockungen widerstehen, eben nicht darauf pochen, dass sie sofort wieder transferiert werden, um irgendwo den nächsten Schritt zu machen – und deutlich mehr Kohle abzustauben.
Aktuell begehrt sind Profis, die Krösche vor der Saison nach Frankfurt lotste: Hugo Larsson (der gerade mit Oberschenkelproblemen von der schwedischen Nationalelf abgereist ist), Willian Pacho, vor allem aber Omar Marmoush. Da schwirren schon wieder schwindelerregende Zahlen durch die Weiten der Fußballwelt, Zahlen, bei denen man schwach werden kann, vielleicht aber nicht immer sollte.
Wie schnelllebig nicht nur das Geschäft, sondern auch die Bewertungen sind, sieht man auch an den Winteraktivitäten der Eintracht. Da wurde der Klub erst für seine vier Transfers gefeiert, auch von der FR, der „Kicker“ bezeichnete die Eintracht als „eine der spannendsten Aktien im deutschen Fußball“. Inzwischen hat sich das ins Gegenteil verkehrt. Am letzten Spieltag etwa kam nur Stürmer Hugo Ekitiké auf eine gute Viertelstunde Spielzeit. Ganz fair ist diese Sichtweise nicht, der junge Franzose, inzwischen für insgesamt rund 20 Millionen Euro fest verpflichtet, ist – genau wie Jean-Matteo Bahoya – eher als Vorgriff auf die Zukunft zu sehen, hat sein Potenzial aber schon angedeutet. Sasa Kalajdzics Kreuzbandriss konnte niemand vorhersehen. Bleibt: Donny van de Beek, bei dem man tatsächlich fragen kann: Was sollte denn das bitte schön?
Und so bleibt diese Saison eine, die mit dem aktuellen Platz sechs besser ist als man erwarten konnte, fußballerisch aber oft genug schwächer war als gedacht. Eine Übergangssaison ist sie allemal, aber Übergang wird kein Dauerzustand bleiben können, will man eine andere Performance zeigen und sich dauerhaft unter den ersten Sechs etablieren. Markus Krösche weiß das nur zu gut.
