Entlarvende Aussage: BVB-Saison muss gründlich aufgearbeitet werden
VonLars Pollmann
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Der BVB hat die Möglichkeit, eine Krisen-Saison doch noch auf Rang vier zu beenden. Ein „Weiter so“ darf es deshalb aber nicht geben.
Dortmund – Dieses Szenario hat sich niemand bei Borussia Dortmund ernsthaft zu erträumen gewagt!
Vor dem Bundesliga-Finale gegen das bereits abgestiegene Team von Holstein Kiel am Samstag (15.30 Uhr) hat der BVB die Chance, sich aus eigener Kraft für die Champions League zu qualifizieren. Ein Sieg mit drei Toren Unterschied reicht definitiv, bei zwei Toren Unterschied gäb es einige unrealistische Ergebnisse des Parallelspiels zwischen dem SC Freiburg und Eintracht Frankfurt, die Dortmund schaden können.
Natürlich muss die Pflichtaufgabe gegen Kiel erst erledigt werden – das weiß seit dem 27. Mai 2023 und dem vergebenen Meister-Matchball gegen Mainz niemand besser als die Fans des BVB –, dennoch ist die Chance riesig, die Saison mit einem blauen Auge zu beenden.
Wichtig wird dann aber sein, dass sie auch ordentlich aufgearbeitet wird!
Die Wende unter Niko Kovač seit der Länderspielpause Mitte März ist kaum zu fassen. 19 von 21 möglichen Punkten holte der BVB seit einer 0:2-Niederlage bei RB Leipzig, durch die Schwarzgelb nach dem 26. Spieltag auf Tabellenplatz elf abrutschte.
In diesem Zeitraum holte Dortmund sechs Punkte mehr als Freiburg, sieben mehr als Frankfurt, zehn mehr als Leipzig und sogar 13 mehr als der FSV Mainz 05. Würde man sich nur mit diesen nackten Zahlen befassen, käme einem Fußballwunder gleich, was der BVB am Samstagnachmittag vollenden kann.
Das wäre freilich zu kurz gegriffen. Schließlich steckt im Kader von Dortmund wesentlich mehr Qualität, die sich der Klub den zweithöchsten Personalaufwand in der Bundesliga nach dem FC Bayern kosten lässt. Wenn man so will, hat der BVB am 34. Spieltag also auch die Gelegenheit, die Verhältnisse noch halbwegs geradezurücken.
Kovač hat dem BVB buchstäblich Beine gemacht
Kovač ist die Wende dabei nicht durch besonders komplexe taktische Überlegungen gelungen, wobei man dem Trainer durchaus Unrecht tut, wenn man nicht anerkennt, dass er zuletzt auch oft in den Spielen wertvolle Umstellungen vorgenommen hat. Der Kroate hat vor allem einen anderen Geist entstehen lassen.
„Er hat uns in den Arsch getreten“, schmunzelte Nationalspieler Karim Adeyemi nach dem 4:2-Sieg in Leverkusen am Sonntag. „Er hat uns gesagt, dass wir laufen müssen, egal gegen wen, weil es dann mit unseren Qualitäten für die Gegner sehr schwer wird.“
In der Tat ist auffällig, wie intensiv der BVB in den letzten Wochen Fußball gearbeitet hat. In jedem der sieben Spiele seit der Länderspielpause hat Dortmund die Marke von 120 Kilometern Laufleistung übertroffen, die von Bundesliga-Trainern oft als magisch betrachtet wird.
Erfolg unter Kovač wirft kein gutes Licht auf BVB-Vorgänger
Allerdings: Dass die Mannschaft von einem neuen Trainer dazu animiert werden musste, Grundtugenden wie Laufbereitschaft und Zusammenhalt auf dem Platz abzurufen, wirft ein schlechtes Licht auf die Profis und den vorherigen Trainerstab um den unerfahrenen Nuri Şahin.
Die Aussage von Adeyemi, dass der BVB offenbar einen Tritt in den Hintern brauchte, ist entlarvend. Die Klubführung wird sie genau vernommen haben. Selbst wenn die Saison am Samstag glimpflich endet, muss sie schonungslos aufgearbeitet werden.
Dem Reflex, den starken Endspurt in der Bewertung zu hoch zu schätzen, muss der BVB widerstehen. Mit einem „Weiter so“ wäre die nächste Krise nur eine Frage der Zeit, weil grundlegende Probleme nicht innerhalb weniger Wochen durch Handauflegen von Kovač behoben werden können, dessen Leitspruch dieser Tage die „Kiss-Regel“ ist („Keep it simple and stupid“).
Dortmund-Keeper Kobel will sich die Serie „nicht zerreden lassen“
Wie groß ist die Gefahr, dass Dortmund sich die Saison verklärt? Da scheint es eine gewisse Diskrepanz zwischen den unmittelbar am Geschehen beteiligten Protagonisten und den Entscheidungsträgern mit etwas mehr Distanz zu geben.
Torhüter Gregor Kobel jedenfalls, in Leverkusen mehrfacher Retter des BVB, will sich die Fortschritte in der zweiten Halbserie „nicht zerreden lassen, auch wenn wir die Champions League nicht erreichen. Darauf lässt sich in der kommenden Spielzeit definitiv aufbauen“, meinte der Schweizer.
„Dass nicht alles gut war, ist ja offensichtlich. Wenn man zwischendurch Elfter war, war es keine gute Saison. Das war nicht in Ordnung“, sagte hingegen Klubchef Hans-Joachim Watzke Ende April im ZDF-Sportstudio.
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Watzke hatte bereits im Februar dadurch aufhorchen lassen, dass er ein mögliches Verpassen der Königsklasse vergleichsweise nonchalant einordnete. Schon damals behielt sich der im Herbst ausscheidende BVB-Boss aber auch vor, die Saison erst nach dem 34. Spieltag bewerten zu wollen.
Klar ist, dass ein Happyend nicht nur dem Prestige des BVB, sondern auch seinen Finanzen sehr zuträglich wäre. In der laufenden Spielzeit hat Dortmund über 100 Millionen Euro aus der Champions League generiert. In Europa League oder Conference League, in die es am Samstag theoretisch auch noch gehen könnte, wären die Umsätze um ein Vielfaches geringer.
Für das, was in den letzten Monaten, teils sogar Jahren, schiefgelaufen ist beim BVB, spielt der Ausgang der Partie gegen Holstein Kiel aber eigentlich keine große Rolle. Egal, ob die Saison auf Platz vier, fünf, sechs oder (sehr theoretisch) sieben endet: In Dortmund braucht es einen ehrlichen Blick vor allem auf den Kader.
Er steckt weiterhin voller Spieler, die ihr hohes Gehalt nur sporadisch wert sind. Die innerhalb einer Saison monatelang auf Tauchstation gehen und erst Leistung zeigen, wenn es mit dem Team insgesamt aufwärts geht. Die als ewige Talente gelten müssen. Kurzum: Spieler, mit denen konstant erfolgreicher Fußball für den BVB nur schwer möglich ist.