Guardiola am Rande des Scheiterns? Gründe für ManCitys Absturz
VonAdrian Kühnel
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Pep Guardiola steht mit Manchester City vor dem Aus in der Champions League. Ist die Zeit des einstigen Erfolgstrainers vorbei? Ein Blick auf die Krise.
Manchester – Mit Ausnahme seiner ersten Saison 2016/17, in der Pep Guardiola mit Manchester City im Achtelfinale der Champions League ausschied, erreichte der Katalane mit den Engländern in jedem Jahr mindestens das Viertelfinale, 2023 gewann der Klub zum ersten Mal den Henkelpott. Seit seiner Ankunft gewann der frühere Chefcoach des FC Bayern mit den Skyblues beeindruckende 15 Titel.
Doch nun steht Guardiola mit Manchester City vor dem frühen Aus in der Königsklasse. Die Citizens unterlagen Real Madrid im Playoff-Hinspiel vor heimischem Publikum mit 2:3. „Mit dem heutigen Spiel würde ich behaupten, ist dieser Zyklus Pep Guardiola/Manchester City zu Ende“, zeichnete Ex-ManCity-Profi Dietmar Hamann in seiner Rolle als TV-Experte bei Sky ein düsteres Bild.
„Sein großartiges Manchester City kommt zu einem Ende“
Real sei „die hungrigere, die reifere und die bessere Mannschaft“ gewesen. Das englischsprachige Online-Portal The Athletic wählte identische Worte: „Pep Guardiolas harsche Realität? Sein großartiges Manchester City kommt zu einem Ende.“ Und weiter: „Es besteht kein Zweifel daran, dass sich diese großartige Mannschaft ihrem Ende nähert.“
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Die Ausgangslage für Manchester City vor dem am kommenden Mittwoch (21 Uhr) auswärts im Estadio Santiago Bernabéu stattfindenden Rückspiel ist denkbar schlecht.
Als Cheftrainer von Manchester City konnte Guardiola auswärts gegen Real Madrid in drei Spielen noch keinen Sieg verbuchen. Die derzeitige Form spricht zudem für den aktuellen Tabellenführer in Spaniens LaLiga, zumal mit Antonio Rüdiger und David Alaba zwei erfahrene Innenverteidiger vor der Rückkehr stehen, die im Hinspiel noch fehlten.
Rodri als Dreh- und Angelpunkt wird vermisst
ManCity steckt indes in einer sportlichen Misere. In der Premier League rangiert Guardiola mit seiner Truppe nur auf Tabellenplatz fünf, der Rückstand auf Spitzenreiter FC Liverpool beträgt satte 16 Punkte. In der Trainerkarriere von Guardiola schien es stets nach oben zu gehen, inzwischen zeigt der Trend nach unten.
Bezeichnend: Seit Anfang November kassierte kein Team aus Europas Top-5-Ligen in allen Wettbewerben mehr Gegentore als ManCity (44 in 23 Spielen). Zum Vergleich: 2020/21 bekamen die Citizens in der gesamten Spielzeit lediglich 42. Der Mannschaft fehlt es an Ordnung und Stabilität, die Schwäche in der Defensive ist bemerkenswert.
Vor allem aber der Ausfall von Mittelfeldstratege Rodri, normalerweise Dreh- und Angelpunkt, schmerzt. Der amtierende Ballon-d‘Or-Sieger zog sich im September vergangenen Jahres einen Kreuzbandriss zu und wird noch ein paar Monate fehlen. „Sein Ausfall hat das Ganze auch ein Stück weit zum Einstürzen gebracht“, sagte DAZN-Kommentator Jan Platte zuletzt im Interview mit fussball.news, dem Fußball-Portal von IPPEN.MEDIA.
Auch Guardiola selbst wirkt zunehmend aufgebracht
Guardiola, der seit jeher für Ballbesitz-Fußball prädestiniert ist, scheint kein Kontermittel für die Krise zu haben. Stattdessen wirken seine Stars erschöpft, gegen Real Madrid fielen die Gegentore in Minute 86 und 92 erst spät im Spiel. Dabei spielt auch der psychologische Aspekt eine Rolle. Torhüter Ederson und Mittelfeldspieler Mateo Kovačić leiteten mit fatalen Aussetzern die späten Gegentore ein.
Dieses Muster hat sich bei Heimspielen schon häufiger wiederholt. Gegen Feyenoord fielen die Treffer zwei und drei in Minute 82 und 89 (3:3). Das Derby gegen Manchester United ging ebenfalls in den Schlussminuten verloren, die Red Devils drehten den Rückstand in den Minuten 88 und 90 zu einem 2:1-Sieg um. Stets gab es gravierende und unerklärliche individuelle Patzer.
Guardiola selbst wirkt zunehmend aufgebracht. Beim Remis gegen Rotterdam in der Ligaphase kratzte sich der 54-Jährige an Kopf und Nase auf und sorgte damit für aufsehenerregende Bilder, die im Netz viral gingen. Vor Kurzem wurde außerdem bekannt, dass sich der einstige Erfolgscoach von seiner langjährigen Ehefrau getrennt habe. Ob auch das auf die sportliche Lage abfärbt, bleibt spekulativ.
Daneben verfolgt den Verein weiterhin das anhaltende Rechtsverfahren der Premier League. Den Skyblues werden Finanzverstöße in 115 Fällen vorgeworfen. Bei einer Verurteilung droht der Zwangsabstieg. Kräftig investiert hat der Klub im vergangenen Wintertransferfenster dennoch: Knapp 220 Millionen Euro wurden für neue Stars ausgegeben, darunter Omar Marmoush (75 Millionen Euro/Eintracht Frankfurt) und Nico González (60 Millionen Euro/FC Porto).
Das Gefühl, Manchester City hätte im Winter einen Star verpflichtet, der in einem Champions-League-K.-o.-Spiel als Soforthilfe dient, hatte man gegen Real Madrid allerdings nicht. Von den Winter-Neuzugängen kam lediglich Marmoush zum Zug, das aber erst ab der 84. Minute.
Guardiola steht noch bis 2027 bei ManCity unter Vertrag
Findet Guardiola ein Weg aus der Krise oder ist der Zyklus bei Manchester City am Ende angekommen? Erst im November letzten Jahres verlängerte er seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag um zwei Jahre bis 2027. „Ich will ehrlich sein, ich habe gedacht, diese (Saison; Anm. d. Red.) wird die letzte sein“, erklärte er. Der Grund für das Umdenken sei schlicht gewesen, dass er „das Gefühl hatte, dass ich nicht gehen kann, so einfach ist das. Fragen Sie mich nicht, warum.“
Ob sich das Blatt für Guardiola und Manchester City wieder wenden wird? In der Premier League dürfte die Qualifikation für die Champions League als Mindestziel gelten, aktuell liegt Manchester City einen Punkt hinter dem Tabellenvierten FC Chelsea. Ob auswärts im Bernabéu bei Real Madrid noch die Wende gelingt, bleibt indes fraglich. Ein Ausrufezeichen wäre es inmitten der prekären Lage allemal.