Mainz 05: Attacke der Arbeitsbienen von Trainer Bo Henriksen
VonJan Christian Müller
schließen
Mainz 05 hat nach seiner Überfliegersaison mit Jonathan Burkardt den besten Mann verloren, aber viel an Beliebtheit gewonnen - und Anführer Amiri ist geblieben.
Mainz – Es herrscht eine beispiellose Mainz-05-Begeisterung in jener Stadt, die den ortsansässigen Klub selbst zu Zeiten der Großmeister Jürgen Klopp und Thomas Tuchel mitunter mit einer erstaunlichen Reserviertheit wahrgenommen hat. Platz sechs wurde im Mai gefeiert wie verrückt. Aber Obacht: Die Nullfünfer müssen am 21. und 28. August erst die Playoffs der Conference League überstehen, damit das mühsam Erreichte nicht mit dem Hintern wieder umgestoßen wird. Sie sind gewarnt: Denn sie haben sowohl 2011 unter Tuchel als auch 2014 unter Kasper Hjulmand bittere Enttäuschungen erlebt, als sie in der Vorschlussrunde zur Europa League gegen die Zwerge Gaz Metan Medias aus Rumänien und Asteras Tripolis aus Griechenland jeweils scheiterten.
Diese deutschen Nationalspieler feierten ihr Debüt unter Julian Nagelsmann
Erst einmal natürlich schwächer als im vergangenen Überfliegerspieljahr, weil der beste Spieler weg ist. Jonathan Burkardt, ab nach Frankfurt. Ein herber Verlust nicht nur für den 05-Angriff, sondern auch fürs Innenleben. Aber alle anderen, die bleiben sollten, konnten gehalten werden. Und: Mit Sota Kawasaki wurde der bereits der vierte Japaner in der Geschichte von Mainz 05 geholt - nach Shinji Okazaki, Yoshinori Muto und Kaishu Sano. Die Arbeitsbienen aus Mainz haben immer gute Erfahrungen mit den Arbeitsbienen aus Nippon gemacht und hoffen, dass auch der 23-Jährige einschlagen wird. „Er liebt es, seine Gegner unermüdlich zu attackieren – das passt hervorragend zu unserem Spiel“, sagt 05-Sportdirektor Niko Bungert. Viel und schnell rennen tut auch Angreifer Benedict Hollerbach, den sich die Nullfünfer zehn Millionen Euro kosten ließen, um ihn bei Union Berlin auszulösen. Ergo: Der Kader ist gut. Sollte die Qualifikation zur Conference League gelingen, wird er kurzfristig aufgerüstet, weil dann mehr Spiele im kurzen Rhythmus zu absolvieren sind.
Vor allem auf seine Mannschaft. Bo Henriksen bringt es so auf den Punkt: „Wir haben nicht das meiste Geld, aber wir haben Kultur. Wir müssen laufen, kämpfen und Gas geben in jedem Spiel.“ Und natürlich steht der hochemotionale Däne nicht nur auf seine Profis, sondern auch auf die Fans, die er stets eine Stunde vor Spielbeginn heiß macht wie Frittenfett.
Woran hapert es noch?
Hapern würde es vor allem, wenn die Qualifikation für Europa misslingen sollte. Das wäre ein Stimmungskiller. Sollte alles glatt gehen, muss man schauen, wie gut das Mainzer Perpetuum mobile auch unter Dreifachbelastung funktioniert. Die Gegner zweimal wöchentlich in Grund und Boden zu rennen, ist etwas ganz anderes als nach sechs Tagen Pause nur am Wochenende.
Wer sticht heraus?
Nadiem Amiri, die zentrale Figur, der auf der 6 genauso gut ist wie auf der 8 und auf dem Trikot jetzt die 10 tragen darf. Das hat der ebenso pfiffige wie erfahrene Sportvorstand Christian Heidel sich schlau ausgedacht. Amiri braucht diese hohe Anerkennung. Daraus saugt er Kraft, so hat er es zurück in die Nationalmannschaft geschafft. In Mainz ist der Deutsch-Afghane Aufräumarbeiter (6), Verbindungsspieler (8) und Spielmacher (10) zugleich. Jetzt muss er aber erstmal wieder richtig fit werden, nachdem er im Mai wegen Adduktorenproblemen vom DFB-Team abreisen musste. Außerdem zuletzt überragend: die kleinen Irrwische Paul Nebel und Kaishu Sano. Mal sehen, ob vor allem Nebel das Topniveau der vergangenen Saison und der U21-EM halten kann.
Was ist drin?
Normalerweise weniger als in der super Saison 2024/25, die die Mainzer zwischendurch sogar von der Champions League träumen ließ, nachdem sie sich ein paar Wochen lang auf Platz vier eingenistet hatten. Ein einstelliger Tabellenplatz käme angesichts der finanziellen Möglichkeiten im Ligavergleich und der zu erwartenden anstrengenden Spiele und Reisen in Europa noch immer einer klitzekleinen Überperformance gleich. Das sollten sie gemeinsam hinkriegen.
Zugänge: Sota Kawasaki (Kyoto Sanga, Leihe), Kasey Bos (Melbourne Victory FC), Benedict Hollerbach (1. FC Union Berlin), Konstantin Schopp (SK Sturm Graz II), Ben Bobzien (Austria Klagenfurt, Leihe beendet), Edimilson Fernandes (Stade Brest, Leihe beendet), Marco Richter (Hamburger SV, Leihe beendet), Philipp Schulz (SC Verl, Leihe beendet), Niklas Tauer (Eintracht Braunschweig, Leihe beendet)
Abgänge: Tom Krauß (1. FC Köln, Leihe, war zuvor an den VfL Bochum verliehen), Jonathan Burkardt (Eintracht Frankfurt), Ludovic Ajorque (Stade Brest, nach Leihe fest verpflichtet), Moritz Jenz (VfL Wolfsburg, Leihe beendet), Edimilson Fernandes (Young Boys Bern).