Hoeneß-Transferansage? Strunz: „Nicht der richtige Weg für den FC Bayern“
VonAdrian Kühnel
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Uli Hoeneß verursacht mit einem Statement zur Transferausrichtung des FC Bayern wohl intern Irritation. Ex-Bayern-Profi Thomas Strunz übt Kritik.
München – Knapp zwei Wochen vor Transferschluss sorgt Ehrenpräsident Uli Hoeneß mit seiner jüngsten Transferansage offenbar für Irritationen bei der sportlichen Leitung des FC Bayern. Thomas Strunz, der selbst jahrelang das Bayern-Trikot trug, ordnet die aktuelle Lage an der Säbener Straße ein.
Der ehemalige Bayern-Profi spricht im Interview mit Absolut Fussball, dem Fußball-Portal von Home of Sports, über die Transferpolitik des Rekordmeisters, Hoeneß‘ Einmischungen und die Trapattoni-Wutrede – und prognostiziert eine klare Meisterschaft für die Münchner.
Es ist ungewöhnlich, dass der FC Bayern Spieler ausleiht. Bei Leihspielern holt man sich oft Unbekannte ins Haus – Spieler, die in der vergangenen Saison nicht performt haben. Ist das der Anspruch des FC Bayern? Ich halte Leihgeschäfte bei Vereinen auf absolutem Top-Niveau – und dazu zählt der FC Bayern definitiv – nicht für den richtigen Weg. Solche Vereine sollten vielmehr strategisch vorgehen und ihren Kader perspektivisch auf eine neue Ära vorbereiten, anstatt kurzfristig einen Kaderplatz zu besetzen.
Weltmeister, Manager-Legende, Haft – Flugzeugabsturz beendete Leben von Uli Hoeneß beinahe schon 1982
Schadet es dem FC Bayern, dass Hoeneß sich immer noch öffentlich in die Diskussionen einmischt?
In der öffentlichen Wahrnehmung hat man das Gefühl, dass Max Eberl nicht das endgültige Heft des Handelns in der Hand hat. Alle Transfers kommen sehr früh an die Öffentlichkeit und werden diskutiert – das führt zu Unruhe. Aussagen von Uli Hoeneß haben ein ganz anderes Gewicht als von anderen, weil er den Verein über Jahrzehnte geprägt hat. Das ist nicht förderlich, aber als Max zum Verein kam, wusste er, worauf er sich einlässt. Und dem zufolge ist es Teil des Geschäfts, mit dem er umgehen muss.
Ein Thema, das zuletzt heiß diskutiert wurde, ist Nick Woltemade. Wie bewerten Sie, dass der VfB Stuttgart ihm die Freigabe verwehrt, er aller Voraussicht nach in diesem Sommer nicht zum FC Bayern wechselt?
Ich bin gespalten. Wenn ein Spieler die Chance hat, zu einem Top-Klub zu wechseln, ist das legitim, denn man weiß nie, was in Zukunft passiert. Aber die Vorgehensweise war schlecht. Es ist bitter für den VfB, wenn sie die Einigung durch die Zeitung erfahren. Bayern hätte diskret den aktuellen Verein kontaktieren müssen. Besonders problematisch war, dass der Berater den Aufsichtsrat attackierte – dort sitzen der CEO von Porsche, der CEO von Mercedes und Vorstände der LBBW. Das ist auf keinen Fall hilfreich. Man hätte es anders lösen können, dann wäre der Transfer wahrscheinlich über die Bühne gegangen.
Woltemade verlor zuletzt im Supercup gegen Bayern – auch weil Manuel Neuer mal wieder überragend hielt. Wenn Sie sich jetzt festlegen müssten: Steht Neuer bei der WM 2026 im DFB-Tor?
Manuel ist nach wie vor einer der besten Torhüter Europas. Mit ter Stegens Verletzung und den Unsicherheiten ist er definitiv eine Option. Er hat keine Anpassungsprobleme und muss nicht erst sechs Länderspiele bestreiten, um sich auf den WM-Druck vorzubereiten. Es ist noch zu früh, darüber zu sprechen, aber wenn er fit ist, ist er immer eine Option.
Richten wir den Blick weiter nach vorn. Welche Herausforderungen erwarten Trainer Vincent Kompany in der neuen Saison?
In München hat man den Druck, jedes Spiel gewinnen zu müssen – das ist bei anderen Top-Klubs wie Real Madrid, Barcelona, Liverpool oder Manchester City genauso. Die Meisterschaft ist das Minimum, in der Champions League ist die Benchmark mindestens das Halbfinale. Eine Niederlage in der Liga, wo Bayern wirtschaftlich deutlich über den anderen steht, ist nicht akzeptabel. Ob man in der Champions League mit dem aktuell zusammengestellten Kader und den Verletzten mithalten kann, wird man sehen. Es gibt noch einige Fragezeichen.
Das gibt Freiraum für andere Spieler, die bisher nicht so weit oben in der Hierarchie standen. Müller war eine absolute Identifikationsfigur, seine Art, mit schwierigen Situationen umzugehen, war vorbildlich. Junge Spieler wie Lennart Karl oder Tom Bischof werden sich jetzt an Kimmich, Neuer oder Kane orientieren. Es ist Aufgabe des Trainers, neue Hierarchien zu schaffen.
Lassen Sie uns zurückblicken auf einen prägenden Moment Ihrer Karriere: Wie haben Sie die Zeit nach der Wutrede von Giovanni Trapattoni überstanden?
Der Wendepunkt war ein Telefonat mit Ottmar Hitzfeld, der auf Trapattoni folgte. Ich wollte eigentlich ins Ausland, weil mir hier überall „Was erlaube Strunz?“ hinterhergerufen wurde, selbst beim Bäcker oder Metzger. Hitzfeld sagte mir: „Ich stehe hinter dir, du bist mein Mann.“ Das war der Moment, wo ich entschied, in Deutschland zu bleiben. Zwei Monate war es hart, es hat mir auch bisschen geschadet, aber am Ende bin ich Giovanni dankbar – er hat mich bekannter gemacht, als ich eh schon war (lacht).
Was war emotional schwieriger: 1999 das verlorene Champions-League-Finale auf der Bank oder 2001 der Titelgewinn ein halbes Jahr nach ihrem Abgang?
Eindeutig 1999. Ich hatte fast alle Spiele bis zum Halbfinale gespielt und ging davon aus, im Finale dabei zu sein. Dann sagte Hitzfeld einen Tag vorher: „Du hattest gegen Ryan Giggs in der Gruppenphase Probleme, deshalb spielt Markus Babbel.“ Das war natürlich richtig krass. Dann führen wir 1:0, gehen in die Nachspielzeit und es kippt – das war extrem hart. 2001 hatte ich im Januar aus eigenen Stücken aufgehört, das war nicht so schlimm.
Zum Abschluss: Am Freitag beginnt die neue Bundesliga-Saison mit der Partie Bayern gegen Leipzig (alle TV-Infos). Wer wird deutscher Meister?
Der FC Bayern. Alle anderen Mannschaften sind nicht so gefestigt. Leverkusen hat einen großen Umbruch, Dortmund muss erst beweisen, dass sie Bayern Paroli bieten können, Leipzig hat ebenfalls einen Riesenumbruch. Ich sehe keinen wirklichen Konkurrenten – Bayern kann sich nur selbst schlagen.
Interview: Adrian Kühnel
Absolut Fussball, das Fußball-Portal von Home of Sports, hat in Kooperation mit footitalia.com mit Thomas Strunz gesprochen
Das Interview mit Thomas Strunz fand in Kooperation mit footitalia.com statt.
Thomas Strunz spielte für den MSV Duisburg, den VfB Stuttgart und den FC Bayern. Er gewann fünfmal die Meisterschaft, zweimal den DFB-Pokal und wurde 1996 mit dem DFB-Team Europameister.