Michels Meinung

Friedrich Merz für VAR-Aus in der Bundesliga: Bundeskanzler braucht Nachhilfe

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Friedrich Merz plädiert dafür, den VAR abzuschaffen. Ist er sich der Komplexität des Themas bewusst? Michels Meinung hilft bei der Aufklärung.

Berlin – Bundeskanzler Friedrich Merz war zuletzt Gast beim ARD-Polittalk von Caren Miosga. In einer freien Fragerunde antwortete er auf die Frage, ob der Video-Schiedsrichter abgeschafft werden sollte: „Ich hätte nix dagegen, wenn man ihn wieder abschafft und auf die Entscheidungen von Schiedsrichtern vertraut. Wir haben vier davon bei jedem Spiel dabei, dann sollten die das entscheiden können.“

Friedrich Merz ist Fan von Borussia Dortmund und seit diesem Jahr Bundeskanzler.

Der Bundeskanzler steht mit dieser Meinung nicht alleine da. Viele Fans beklagen vor allem, dass der VAR dem Spiel Emotionen nimmt. Gerade wenn ein Tor fällt, der Schiedsrichter-Assistent dann fast schon obligatorisch die Fahne hebt und der VAR auch relativ eindeutige Tore nochmal auf Abseits überprüft, nervt das viele Anhänger. Und dann sind da noch die Diskussionen um Handspiele und Elfmeter …

Norwegen-Klubs wollten VAR abschaffen

Leider hat der VAR keinen Lobby-Verband. Nicht mal die Schiedsrichter trauen sich, diese Institution zu verteidigen. Manche verweisen auf Norwegen, wo der VAR wieder abgeschafft wurde. Das stimmt aber gar nicht. Zwar votierten zahlreiche Profiklubs nach Fan-Protesten für die Abschaffung des VAR, die Hauptversammlung des norwegischen Fußball-Verbandes entschied sich aber FÜR die Beibehaltung.

Michels Meinung bricht nun eine Lanze für den Video Assistant Referee – und wenn man so will, ist es auch eine Aufklärungs-Stunde für den Bundeskanzler in Sachen VAR. Der Kerngedanke des VAR ist es, krasse Fehlentscheidungen zu verhindern. Der VAR soll dem Schiedsrichter-Team in größter Not eine Hilfe sein. Einher geht damit eine Verwissenschaftlichung des Fußballs, um ihn gerechter zu machen.

Dusche, Tankstelle, Küche: Die skurrilsten Verletzungen im Profifußball

Manuel Neuer feiert die Meisterschaft des FC Bayern auf Krücken
Manuel Neuer ist schon mehrfach auf Krücken gelaufen. Der Kapitän des FC Bayern erlitt jüngst eine kuriose Verletzung – und ist damit im Profifußball nicht alleine ... © IMAGO / Revierfoto
Nathan Ngoumou wird vorerst nicht mehr für Borussia Mönchengladbach spielen
Nathan Ngoumou wurde nach dem Schlusspfiff des Auswärtsspiels von Borussia Mönchengladbach gegen den FC St. Pauli zum Auslaufen geschickt. Wenige Minuten später musste der Flügelspieler mit einer gerissenen Achillessehne in die Kabine getragen werden. © IMAGO/kolbert-press/Burghard Schreyer
Manuel Neuer wurde im Champions-League-Duell zwischen dem FC Bayern und Leverkusen ausgewechselt
Für Manuel Neuer hatte das Champions-League-Achtelfinale gegen Bayer Leverkusen im März 2025 bittere Konsequenzen. Der Torhüter des FC Bayern erlitt beim Torjubel einen Muskelfaserriss. © IMAGO/Philippe Ruiz
Xabi Alonso gewann 2010 mit Spanien die Weltmeisterschaft in Südafrika
Auf dem Platz konnte man Xabi Alonso wenig anhaben, dafür war die Dusche sein größter Feind. In der Vorbereitung auf das WM-Halbfinale 2010 erlitt Alonso eine tiefe Wunde im Knie, weil die Glasscheibe der Dusche plötzlich brach. Der Cut wurde in der Mannschaftskabine zugenäht, der Mittelfeldspieler stand gegen Deutschland daher auf dem Rasen. © IMAGO / Fotoarena
Charles Akonnor spielte von 1998 bis 2004 für den VfL Wolfsburg
Im Jahr 2001 rammte sich Charles Akonnor, damals für den VfL Wolfsburg tätig, versehentlich seine Auto-Antenne in die Nase. Weil das blutstillende Mittel auf der Dopingliste stand, wurde er für drei Spiele gesperrt.  © IMAGO / Contrast
Kevin Trapp spielt bis heute für Eintracht Frankfurt, war von 2015 bis 2018 aber für Paris St. Germain aktiv
Kevin Trapp galt noch als Talent, da hatte er 2013 beim Werbedreh der deutschen U21-Nationalmannschaft großes Pech. Trapp war ausgerutscht, weil er laut dem damaligen Eintracht-Vorstandschef Heribert Bruchhagen mit Stollenschuhen auf einem glatten Steinboden unterwegs war. Später einigten sich die SGE und der DFB auf eine Entschädigungszahlung. © IMAGO/osnapix / Marcus Hirnschal
Santiago Cañizares vom FC Valencia diskutiert mit einem Verantwortlichen
Santiago Cañizares wollte sich im Mai 2002 für ein Abendessen mit der spanischen Nationalmannschaft frisch machen, als ihm das Parfüm im Badezimmer auf den Boden fiel und eine Sehne durchtrennte. Damit war die WM in Japan und Südkorea für den Torhüter gelaufen – und ein gewisser Iker Casillas rückte zwischen die Pfosten. © IMAGO / Claus Bergmann
Darren Barnard in einem Spiel der walisischen Nationalmannschaft
Der ehemalige walisische Nationalspieler Darren Barnard musste aufgrund einer Knieverletzung für fünf Monate pausieren, weil er in der Küche in einer Urinpfütze eines Hundewelpens ausrutschte. © IMAGO / Colorsport
Martin Palermo spielte in seiner Karriere auch für die Boca Juniors
Martín Palermo verletzte sich ausgerechnet nach dem größten Erfolg eines Stürmers. Als der Argentinier in Diensten des FC Villarreal ein Tor bejubelte, stürzte die Werbebande ein. Palermo erlitt einen Schien- und Wadenbeinbruch. © IMAGO / Gribaudi / ImagePhoto
Logan Bailly spielte zweieinhalb Jahre für Borussia Mönchengladbach
Logan Bailly erlitt während seiner Zeit bei Borussia Mönchengladbach einen Mittelfußbruch. Schuld war eine mobile Klimaanlage, die beim Transport aus seinen Händen glitt und auf seinen Fuß fiel. © IMAGO / Ulmer
Adam Nemec spielte 2011 auch für die zweite Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern
Als Adam Nemec dem 1. FC Kaiserslautern im Jahr 2011 für drei Monate fehlte, war ausgerechnet sein Kirschbaum schuld. Der Stürmer kletterte auf diesen hoch, fiel runter – und brach sich sowohl zwei Brustwirbel als auch das Schlüsselbein. © IMAGO / Revierfoto
Robbie Keane spielte in seiner Karriere unter anderem für Aston Villa
In der Sturmspitze war Robbie Keane treffsicher, doch auf dem heimischen Sofa stellte er sich mit seinem Fuß ungeschickter an. Als er mit diesem die TV-Fernbedienung bedienen wollte, zog sich der Ire einen Bänderriss im Knie zu. © IMAGO / Colorsport
Markus Pröll hütete bis 2010 das Tor von Eintracht Frankfurt
Bei einem Testspiel mit Eintracht Frankfurt im Jahr 2009 stolperte der damalige Torhüter Markus Pröll nicht über seine eigenen Füße, sondern über ein kleines Mädchen. Das Resultat: eine Schultereckgelenksprengung. © IMAGO / Jan Huebner
Bjarne Thoelke spielte 2011 sechsmal für die Profis des VfL Wolfsburg
Als seine Karriere beim VfL Wolfsburg Fahrt aufnehmen sollte, spielte ein Pferd dem damaligen Abwehrtalent Bjarne Thoelke einen Streich. Der heutige Innenverteidiger des 1. FC Saarbrücken erlitt einen Kahnbeinbruch, weil ein Pferd auf dem Bauernhof seiner Eltern während der Stallarbeit austrat. © IMAGO / Joachim Sielski
Elkin Soto spielte viele Jahre lang für Mainz 05
Im März 2013 musste Mainz-Trainer Thomas Tuchel für ein Spiel auf Elkin Soto verzichten, weil sich der Mittelfeldspieler bei „einer alltäglichen Bewegung“ einen Hexenschuss zuzog. Die Auflösung: Der Kolumbianer erlitt die starken Schmerzen, als er sich bückte, um seine Schuhe zu binden. © IMAGO / Martin Hoffmann
Leon Andreasen hat 2016 seine Karriere bei Hannover 96 beendet
Dass Messer gefährlich sind, lernte Leon Andreasen auf bittere Weise. Der Ex-Profi von Hannover 96 verletzte sich im November 2015 beim Öffnen eines Pakets an der Hand. Die Schnittwunde hatte eine Operation zur Folge. © IMAGO / Eibner
Daniel Bierofka wird von den Spielern von 1860 München gefeiert
Als Daniel Bierofka noch Spieler von 1860 München war, prallte er in einem Testspiel gegen den VfR Aalen mit Schiedsrichter Robert Hartmann zusammen. Die Diagnose: Nasenbeinbruch. © IMAGO / Sven Simon
Nicolai Müller erlitt am 1. Spieltag der Saison 2017/18 einen Kreuzbandriss
Nicolai Müller wollte in der Saison 2017/18 mit dem Hamburger SV angreifen. Am ersten Bundesliga-Spieltag erzielte er schon in der achten Minute den Siegtreffer gegen den FC Augsburg – und erlitt beim Jubel einen Kreuzbandriss. © IMAGO / Oliver Ruhnke
Éver Banega spielt bis heute Fußball und ist für die Newell‘s Old Boys aktiv
Beim FC Valencia fehlte Éver Banega in der Schlussphase der Saison 2011/12 wegen eines Knöchelbruchs. Schuld war das Auto des Argentiniers, das an der Tankstelle über seinen Fuß rollte – weil er die Handbremse nicht gezogen hatte. © IMAGO / ULMER
Stefan Kuntz ist 1991 mit Kaiserslautern deutscher Meister geworden
Als der 1. FC Kaiserslautern am 7. September 1991 gegen den FC Bayern spielte, fehlte Stefan Kuntz (l.) plötzlich. Der damalige Stürmer knickte beim Verlassen des Mannschaftsbusses um und erlitt einen dreifachen Bänderriss.  © IMAGO/ HORSTMUELLER GmbH
Marko Arnautovic geht heute für Inter Mailand auf Torejagd
Marko Arnautović hat bei Werder Bremen mehrfach für Aufruhr gesorgt. So auch im März 2012, als er wegen eines Innenbandrisses im Knie wochenlang fehlte – weil er mit seinem Hund spielte und im Rasen hängengeblieben war. © IMAGO / Marco Canoniero

Denn was passierte vor den Zeiten der Einführung des VAR (in der Bundesliga seit 2017/18)? Der Fußball wurde immer komplexer und schneller, vieles war mit dem menschlichen Auge gar nicht mehr zu erkennen. Schiedsrichter trafen Entscheidungen oftmals aus Erfahrungswerten und Vermutungen. Es gab viel Streit um Abseits, um Elfmeter und um krasse Fehlentscheidungen.

Der einfachste Punkt dreht sich um das Abseits. Ein Schiedsrichter-Assistent muss die Augen beim Ball-führenden Spieler haben und gleichzeitig beim vorletzten Verteidiger. Dann muss er im Moment der Ball-Abgabe des Angreifers entscheiden, ob der Angreifer-Kollege weiter vorne im Abseits steht.

Wenn ein Mats Hummels am eigenen Strafraum mal wieder einen Außenrist-Pass von 50 Metern nach vorne schlug, musste der Schiedsrichter-Assistent seine Augen quasi zweiteilen – und das innerhalb von Milli-Sekunden. Es war in den 2010er-Jahren kaum mehr möglich, Abseits-Entscheidungen validiert zu treffen. Pro Spiel lag die Fehlerquote meist im zweistelligen Bereich.

Der VAR ist eine extreme Hilfe bei Abseits-Stellungen. Er kann eben Millimeter-genau prüfen, ob ein Angreifer im Moment der Ballabgabe im Abseits stand. Problem bleibt dennoch die Umsetzung. Warum dauert die Überprüfung manchmal mehrere Minuten? Warum hebt der Schiedsrichter-Assistent bei klaren Abseitsstellungen die Fahne viel zu spät? Ohne VAR würde es dennoch viele Fehlentscheidungen geben.

Ein großes Ärgernis ist zudem das Thema Handspiel. Oftmals greift der VAR nachträglich ein und veranlasst den Schiedsrichter, seine Entscheidung zu revidieren. Es gab früher gelegentlich krasse Handspiele, wo sich jeder fragte, wie diese übersehen werden konnten. Der VAR schützt nun vor krassen Fehlern.

Es besteht aber eine andere Komplikation: Die Regelhüter haben versucht, die Handspielregel zu verwissenschaftlichen. Nach dem Motto: Wenn ein Abwehrspieler seine Arme um 42 Grad krümmt, ist es ein Handspiel. Wenn er sie um 45 Grad krümmt, ist es keines. Hier geht es nicht um den VAR selbst, sondern um die Handspielregel, die dringend einer Nachjustierung bedarf.

Der Schiedsrichter muss sich wieder an zwei Prinzipien orientieren können: Lag Absicht beim Handspiel vor? Wurde, unabsichtlich oder nicht, per Handspiel eine große Torchance verhindert? Ein drittes Problem ist, dass Unparteiische zu häufig den VAR in Anspruch nehmen. Warum ist dies der Fall?

Michels Meinung: Schiedsrichter verdienen sehr viel Geld, sie sind in der Bundesliga nahezu alle Einkommens-Millionäre. Keiner will aus diesem System herausfallen und viel falsch machen. Im Hinterkopf trägt ein Referee den Gedanken: Ich kann mich ja immer nochmal beim VAR rückversichern, um nichts verkehrt zu machen.

Bundesliga-Schiedsrichter brauchen mehr Selbstvertrauen

Doch dadurch geben Schiedsrichter ein Stück Eigenverantwortung ab, es fehlt das Selbstvertrauen auf dem Platz – und man läuft eben noch öfter zum Monitor hinaus. Hinzu kommt ein Wahrnehmungsproblem: Schiedsrichter auf dem Feld blicken auf Zweikämpfe und den Kontext, wie sie zustande kommen, anders, als jene Schiedsrichter-Kollegen, die vor mehreren Monitoren im ‚Kölner Keller‘ sitzen.

Durch zahlreiche Zeitlupen und Kamera-Perspektiven werden Zweikämpfe in ihrer Dynamik entstellt und anders bewertet. Fazit: Der VAR hilft, krasse Fehlentscheidungen zu verhindern, besonders beim Abseits. Andere Probleme, die in Zusammenhang mit dem VAR gesehen werden, sind eher von Menschen verursacht.

Sie haben nichts mit dem Gedanken zu tun, dass Technik, wie in anderen Sportarten auch, helfen kann, ein Spiel gerechter zu machen. Bundeskanzler Merz, übrigens BVB-Fan wie Amtsvorgänger Gerhard Schröder, mag mit seiner Aussage populistisch einen Nerv getroffen haben. Einer VAR-Überprüfung würde sie aber nicht standhalten.

Rubriklistenbild: © Imago, dts Nachrichtenagentur, Collage: Canva

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