Friedrich Merz für VAR-Aus in der Bundesliga: Bundeskanzler braucht Nachhilfe
VonDaniel Michel
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Friedrich Merz plädiert dafür, den VAR abzuschaffen. Ist er sich der Komplexität des Themas bewusst? Michels Meinung hilft bei der Aufklärung.
Berlin – Bundeskanzler Friedrich Merz war zuletzt Gast beim ARD-Polittalk von Caren Miosga. In einer freien Fragerunde antwortete er auf die Frage, ob der Video-Schiedsrichter abgeschafft werden sollte: „Ich hätte nix dagegen, wenn man ihn wieder abschafft und auf die Entscheidungen von Schiedsrichtern vertraut. Wir haben vier davon bei jedem Spiel dabei, dann sollten die das entscheiden können.“
Der Bundeskanzler steht mit dieser Meinung nicht alleine da. Viele Fans beklagen vor allem, dass der VAR dem Spiel Emotionen nimmt. Gerade wenn ein Tor fällt, der Schiedsrichter-Assistent dann fast schon obligatorisch die Fahne hebt und der VAR auch relativ eindeutige Tore nochmal auf Abseits überprüft, nervt das viele Anhänger. Und dann sind da noch die Diskussionen um Handspiele und Elfmeter …
Norwegen-Klubs wollten VAR abschaffen
Leider hat der VAR keinen Lobby-Verband. Nicht mal die Schiedsrichter trauen sich, diese Institution zu verteidigen. Manche verweisen auf Norwegen, wo der VAR wieder abgeschafft wurde. Das stimmt aber gar nicht. Zwar votierten zahlreiche Profiklubs nach Fan-Protesten für die Abschaffung des VAR, die Hauptversammlung des norwegischen Fußball-Verbandes entschied sich aber FÜR die Beibehaltung.
Michels Meinung bricht nun eine Lanze für den Video Assistant Referee – und wenn man so will, ist es auch eine Aufklärungs-Stunde für den Bundeskanzler in Sachen VAR. Der Kerngedanke des VAR ist es, krasse Fehlentscheidungen zu verhindern. Der VAR soll dem Schiedsrichter-Team in größter Not eine Hilfe sein. Einher geht damit eine Verwissenschaftlichung des Fußballs, um ihn gerechter zu machen.
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Denn was passierte vor den Zeiten der Einführung des VAR (in der Bundesliga seit 2017/18)? Der Fußball wurde immer komplexer und schneller, vieles war mit dem menschlichen Auge gar nicht mehr zu erkennen. Schiedsrichter trafen Entscheidungen oftmals aus Erfahrungswerten und Vermutungen. Es gab viel Streit um Abseits, um Elfmeter und um krasse Fehlentscheidungen.
Der einfachste Punkt dreht sich um das Abseits. Ein Schiedsrichter-Assistent muss die Augen beim Ball-führenden Spieler haben und gleichzeitig beim vorletzten Verteidiger. Dann muss er im Moment der Ball-Abgabe des Angreifers entscheiden, ob der Angreifer-Kollege weiter vorne im Abseits steht.
Wenn ein Mats Hummels am eigenen Strafraum mal wieder einen Außenrist-Pass von 50 Metern nach vorne schlug, musste der Schiedsrichter-Assistent seine Augen quasi zweiteilen – und das innerhalb von Milli-Sekunden. Es war in den 2010er-Jahren kaum mehr möglich, Abseits-Entscheidungen validiert zu treffen. Pro Spiel lag die Fehlerquote meist im zweistelligen Bereich.
Der VAR ist eine extreme Hilfe bei Abseits-Stellungen. Er kann eben Millimeter-genau prüfen, ob ein Angreifer im Moment der Ballabgabe im Abseits stand. Problem bleibt dennoch die Umsetzung. Warum dauert die Überprüfung manchmal mehrere Minuten? Warum hebt der Schiedsrichter-Assistent bei klaren Abseitsstellungen die Fahne viel zu spät? Ohne VAR würde es dennoch viele Fehlentscheidungen geben.
Ein großes Ärgernis ist zudem das Thema Handspiel. Oftmals greift der VAR nachträglich ein und veranlasst den Schiedsrichter, seine Entscheidung zu revidieren. Es gab früher gelegentlich krasse Handspiele, wo sich jeder fragte, wie diese übersehen werden konnten. Der VAR schützt nun vor krassen Fehlern.
Es besteht aber eine andere Komplikation: Die Regelhüter haben versucht, die Handspielregel zu verwissenschaftlichen. Nach dem Motto: Wenn ein Abwehrspieler seine Arme um 42 Grad krümmt, ist es ein Handspiel. Wenn er sie um 45 Grad krümmt, ist es keines. Hier geht es nicht um den VAR selbst, sondern um die Handspielregel, die dringend einer Nachjustierung bedarf.
Der Schiedsrichter muss sich wieder an zwei Prinzipien orientieren können: Lag Absicht beim Handspiel vor? Wurde, unabsichtlich oder nicht, per Handspiel eine große Torchance verhindert? Ein drittes Problem ist, dass Unparteiische zu häufig den VAR in Anspruch nehmen. Warum ist dies der Fall?
Michels Meinung: Schiedsrichter verdienen sehr viel Geld, sie sind in der Bundesliga nahezu alle Einkommens-Millionäre. Keiner will aus diesem System herausfallen und viel falsch machen. Im Hinterkopf trägt ein Referee den Gedanken: Ich kann mich ja immer nochmal beim VAR rückversichern, um nichts verkehrt zu machen.
Bundesliga-Schiedsrichter brauchen mehr Selbstvertrauen
Doch dadurch geben Schiedsrichter ein Stück Eigenverantwortung ab, es fehlt das Selbstvertrauen auf dem Platz – und man läuft eben noch öfter zum Monitor hinaus. Hinzu kommt ein Wahrnehmungsproblem: Schiedsrichter auf dem Feld blicken auf Zweikämpfe und den Kontext, wie sie zustande kommen, anders, als jene Schiedsrichter-Kollegen, die vor mehreren Monitoren im ‚Kölner Keller‘ sitzen.
Durch zahlreiche Zeitlupen und Kamera-Perspektiven werden Zweikämpfe in ihrer Dynamik entstellt und anders bewertet. Fazit: Der VAR hilft, krasse Fehlentscheidungen zu verhindern, besonders beim Abseits. Andere Probleme, die in Zusammenhang mit dem VAR gesehen werden, sind eher von Menschen verursacht.
Sie haben nichts mit dem Gedanken zu tun, dass Technik, wie in anderen Sportarten auch, helfen kann, ein Spiel gerechter zu machen. Bundeskanzler Merz, übrigens BVB-Fan wie Amtsvorgänger Gerhard Schröder, mag mit seiner Aussage populistisch einen Nerv getroffen haben. Einer VAR-Überprüfung würde sie aber nicht standhalten.