Nagelsmann fordert mehr Phantasie im Angriffsspiel der DFB-Elf
VonJan Christian Müller
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Vor den WM-Qualifikationsspielen gegen Luxemburg und die Slowakei setzt der Bundestrainer auf kreative Lösungen und hohe Abwehrbereitschaft.
Frankfurt – Es ist kein Über-Gegner, der sich der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am Freitag (20.45 Uhr/RTL) in den Weg stellt: Luxemburg hat es in vier Gruppenspielen in der WM-Qualifikation auf null Punkte und 1:10 Tore geschafft. Die Männer von Julian Nagelsmann müssten sich schon selten dusselig anstellen, sollten sie es im Großherzogtum wagen, sich zu blamieren.
Zwei Spiele - das in Luxemburg und das am Montag gegen die punktgleiche Slowakei in Leipzig (20.45 Uhr/ARD) - könnte es bestenfalls noch dauern, bis das DFB-Team sich für die WM im kommenden Sommer in den USA, Kanada und Mexiko qualifiziert. Schlechtestenfalls würde Deutschland nicht Gruppenerster werden und überdies im kommenden März in der Relegation scheitern.
Nagelsmann setzt auf Eigenleistung statt Rechenspiele
Mit derlei Worst Case-Szenarien beschäftigt sich gerade niemand im Verband. Nagelsmann, der schon mögliche Teamcamps in den USA vor Ort inspiziert hat, sagt stattdessen: „Wir sind nicht abhängig von anderen Ergebnissen, nur von unserer eigenen Leistung. Wir haben uns nach dem schlechten Auftakt eine ordentliche Ausgangslage in der Gruppe beschert.“ Das desolates Spiel in der Slowakei, das mit einer 0:2-Niederlage bestraft wurde, wirkt nach. „Wir dürfen uns keinen Ausrutscher mehr erlauben, den haben wir uns schon genehmigt“, analysiert er sehr richtig.
Ein bisschen sorgt Nagelsmann sich angesichts des traditionell dichten Programms im Herbst: „Die Spieler haben eine sehr intensive Phase mit vielen Spielen in den Knochen.“ Entsprechend zurückgenommen wurde im Camp in Wolfsburg trainiert, ehe der Tross sich am Donnerstagnachmittag nach Luxemburg aufmachen wird.
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In den Übungseinheiten hat der Bundestrainer vor allem auf zwei Dinge geachtet: „Wir wollen uns über gemeinschaftliches Verteidigen in die Spiele arbeiten, müssen aber auch offensiv gefährlicher werden.“ Bei den ausgiebigen Besprechungen mit seinen Assistenten und den Analysten zur Vorbereitung auf die letzte Maßnahme des Jahres ist herausgekommen.
„Wir waren zu träge in der roten Zone, wir spielen mit ein bisschen zu vielen Kontakten, ein bisschen zu viel Sucht nach Kontrolle.“ Seine Maßgabe lautet deshalb: „Ein bisschen mehr Leinen los, ein bisschen mehr Risiko. Wir haben zuletzt zu wenige Chancen herausgespielt.“
Dabei nimmt sich Nagelsmann seinen Ex-Arbeitgeber zum Vorbild: Die Bayern würden sich über „One-Touch-Football“ definieren und obendrauf immer wieder „geniale Momente“ kreieren. Solche Phantasie in den Angriffsaktionen wünscht er sich auch von seinen Leuten, eine ganze Handvoll Münchner hat er deshalb nominiert. Er will, dass der gute Geist vom FC Bayern, die Verteidigungsmentalität und Abschlussstärke des unangefochtenen Branchenführers, auch Einkehr bei der Nationalmannschaft erhält.
Bundestrainer zwischen Umbruch und Zwangswechseln – der Fall Stiller
Zuletzt ist der junge Bundestrainer, erst 38 Jahre alt, zunehmend vehementer für vorgebliche Sprunghaftigkeit bei seiner Personalauswahl kritisiert worden. Aber es ist ja nicht so, dass Nagelsmann sein Personal ständig völlig ohne Sinn und Verstand auswechselt. Sondern mitunter auch gezwungen ist, Notoperationen durchzuführen.
Das hat damit zu tun, dass Spieler ihre internationale Karriere beenden (Toni Kroos, Thomas Müller, Ilkay Gündogan), langwierig verletzt ausscheiden (Tim Kleindienst, Jamal Musiala, Kai Havertz, Benjamin Henrichs), aufgrund von Verletzungen nicht in Topform sind (Niclas Füllkrug, Deniz Undav), eine Zeitlang nicht gut performt haben (Chris Führich, Robin Koch, Maxi Beier) oder über ihren Zenit hinaus scheinen (Pascal Groß, Robert Andrich, Emre Can).
Und dann sind da noch die Leute, die einem Überangebot auf ihrer Position zum Opfer fallen: Angelo Stiller und Maxi Mittelstädt trifft dieses Los derzeit. Es gibt im Fall Mittelstädt mehr Gründe, das nachvollziehen zu können als bei Stiller, der selbst angesichts der verletzungsbedingten Abreise von Nadiem Amiri noch nicht mal nachnominiert wurde.
Lieber schaut sich Nagelsmann den Teenager Assan Ouedraogo näher an. Der in Mühlheim an der Ruhr geborene und bei Schalke 04 in der Knappenschmiede ausgebildete Sohn des dreimaligen Bundesligaspielers Alassane Ouédraogo ist im Mittelfeld defensiv und offensiv verwendbar.
Sollte die Qualifikation am Montag gelingen, ist das Personalpuzzle noch längst nicht gelegt. Nagelsmann ist für Zockermentalität und sein Draufgängertum bekannt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er zu dem Ergebnis kommt, es im neuen Jahr noch konsequenter mit jungen Hüpfern im Teenageralter wie Ouedraogo, Said El Mala (beide 19), Brajan Gruda (21, derzeit verletzt), Tom Bischoff (20) und Lennart Karl (17) zu versuchen. Es wäre ein Wagnis, aber es wäre auch eine Chance, der Stagnation zu begegnen.