Beim Debakel gegen Österreich

ZDF-Experte Mertesacker stellt Nagelsmann zur Rede – Bundestrainer antwortet mit zwei Worten

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Die deutsche Nationalmannschaft kassiert in Österreich eine Pleite. ZDF-Experte Per Mertesacker hinterfragt direkt die Entscheidungen von Julian Nagelsmann.

Wien – Der Ton wird rauer. Die deutsche Nationalmannschaft blamiert sich wenige Monate vor der Heim-EM 2024 gegen Nachbar Österreich, die DFB-Elf erlebt in Wien einen neuen Tiefpunkt. Die Spieler müssen nun liefern, doch auch Julian Nagelsmann muss sich nach zwei Niederlagen Kritik gefallen lassen. TV-Experte Per Mertesacker nimmt kein Blatt vor den Mund und knöpft sich den Bundestrainer im ZDF vor.

Bundestrainer Nagelsmann experimentiert mit DFB-Team – ZDF-Experte Mertesacker fragt nach

Zuletzt wurde von Seiten des DFB immer wieder betont, dass die Zeiten der Experimente im Vorfeld der Europameisterschaft im kommenden Sommer vorbei seien. Umso überraschender war Nagelsmanns Aufstellung von Offensiv-Star Kai Havertz als linker Außenverteidiger im Türkei-Spiel – und auch gegen Österreich musste der Arsenal-Spieler zunächst auf der linken Bahn ran.

Eine Entscheidung, die bei vielen Fans und Experten Verwunderung auslöste – so auch bei Per Mertesacker. Vor dem Spiel stellte der Weltmeister von 2014 in seiner Rolle als ZDF-Experte Bundestrainer Nagelsmann live im TV zur Rede.

ZDF-Experte Per Mertesacker stellt Bundestrainer Julian Nagelsmann vor der Partie gegen Österreich zur Rede.

Nagelsmann lächelt Analyse von ZDF-Experte Mertesacker weg

„Ich bin mir sicher, dass du das ein oder andere Wort mit ihm gewechselt hast im Vorfeld, wahrscheinlich auch die Wochen davor. Um ihn jetzt richtig dort einzuspielen auf der Position… Wir haben nur noch fünf Spiele bis zur EM – hast du auch schon mal Richtung Arsenal London geschaut, bei Mikel Arteta (Arsenal-Trainer, Anm. d. Red.) nachgefragt, ob er ihn auch da sieht?“, fragte der Weltmeister von 2014 unverblümt Richtung Nagelsmann, der direkt neben ihm stand.

Nagelsmann setzte ein breites Grinsen auf und antwortete lapidar: „Nächste Woche“. Das wollte Mertesacker nicht einfach so stehen lassen, nachdem ihm der Bundestrainer eine Erklärung schuldig geblieben war. Der ehemalige Innenverteidiger lieferte seine Begründung, warum er sich mit dem Havertz-Experiment nicht anfreunden kann. Dazu muss man wissen: Mertesacker ist bei Arsenal Leiter der Nachwuchsabteilung und blickt aus nächster Nähe mit einem Auge natürlich auch auf das Geschehen bei den Profis.

ZDF-Experte Mertesacker stellt live im TV Bundestrainer Nagelsmann zur Rede

„Nächste Woche?! Weil die Position wird bei Arsenal ja noch einmal anders interpretiert, da kippt der Linksverteidiger nach innen“, erklärte Mertesacker. „Deswegen sehe ich da nicht unbedingt eine Kontinuität, die er unbedingt braucht auf dieser Position, um sich an diese Abläufe komplett zu gewöhnen.“

Zumal Havertz im Verein ohnehin im zentralen oder offensiven Mittelfeld spielt. Mertesacker erntete für seine Analyse von Nagelsmann nur ein Schweigen. Nach dem 0:2-Debakel gegen Österreich war dem Bundestrainer das Lachen vergangen, während Mertesacker bereits in der Halbzeitpause die Mentalität der Spieler infrage stellte.

ZDF-Experte Mertesacker stellt „Charakterfrage“ im DFB-Team

„Das ist ernüchternder Fußball. Gar keine Lösung mit dem Ball. Viel zu langsam. Kein Tempo. Gegen den Ball sehr ungeordnet. Viele Individualisten. Man sollte langsam – auch jetzt in der Halbzeit schon – die Charakterfrage stellen: Wie sehr will man als Team wachsen an so einer schwierigen Phase?“, kritisierte der 39-Jährige rigoros.

„Viel ist da nicht gekommen. Keine Emotion von innen, keine Emotion gegenüber meinem Mitspieler. Da passt nicht viel zusammen im Moment.“ Nach Schlusspfiff legte Mertesacker nach und zog zur Leistung des DFB-Teams ein knallhartes Fazit.

Nagelsmanns Vorgänger: Das sind alle deutschen Fußball-Bundestrainer

Der neue Bundestrainer Julian Nagelsmann vor einem Bundesliga-Spiel des FC Bayern
Julian Nagelsmann: Bundestrainer seit 22. September 2023; 0 Spiele © IMAGO/Revierfoto
Hansi Flick: Bundestrainer 2021 bis 2023; 25 Spiele (12 Siege, 7 Remis, 6 Niederlagen)
Hansi Flick: Bundestrainer 2021 bis 2023; 25 Spiele (12 Siege, 7 Remis, 6 Niederlagen) © IMAGO
Joachim Löw: Bundestrainer 2006 bis 2021; 198 Spiele (124 Siege, 40 Remis, 34 Niederlagen); Weltmeister-Trainer 2014
Joachim Löw: Bundestrainer 2006 bis 2021; 198 Spiele (124 Siege, 40 Remis, 34 Niederlagen); Weltmeister-Trainer 2014 © Laci Perenyi
Jürgen Klinsmann: Bundestrainer 2004 bis 2006; 34 Spiele (20 Siege, 8 Remis, 6 Niederlagen)
Jürgen Klinsmann: Bundestrainer 2004 bis 2006; 34 Spiele (20 Siege, 8 Remis, 6 Niederlagen) © imago sportfotodienst
Rudi Völler: Teamchef 2000 bis 2004; 53 Spiele (29 Siege, 11 Remis, 13 Niederlagen)
Rudi Völler: Teamchef 2000 bis 2004; 53 Spiele (29 Siege, 11 Remis, 13 Niederlagen) © Imago
Erich Ribbeck: Teamchef 1998 bis 2000; 24 Spiele (10 Siege, 6 Remis, 8 Niederlagen)
Erich Ribbeck: Teamchef 1998 bis 2000; 24 Spiele (10 Siege, 6 Remis, 8 Niederlagen) © imago sportfotodienst
Berti Vogts: Bundestrainer 1990 bis 1998; 102 Spiele (66 Siege, 24 Remis, 12 Niederlagen); Europameister-Trainer 1996
Berti Vogts: Bundestrainer 1990 bis 1998; 102 Spiele (66 Siege, 24 Remis, 12 Niederlagen); Europameister-Trainer 1996 © imago sportfotodienst via www.imago-images.de
Franz Beckenabuer: Bundestrainer 1984 bis 1990; 66 Spiele (34 Siege, 20 Remis, 12 Niederlagen); Weltmeister-Trainer 1990
Franz Beckenabuer: Bundestrainer 1984 bis 1990; 66 Spiele (34 Siege, 20 Remis, 12 Niederlagen); Weltmeister-Trainer 1990 ©  via www.imago-images.de
Jupp Derwall: Bundestrainer 1978 bis 1984; 67 Spiele (44 Siege, 12 Remis, 11 Niederlagen); Europameister-Trainer 1980
Jupp Derwall: Bundestrainer 1978 bis 1984; 67 Spiele (44 Siege, 12 Remis, 11 Niederlagen); Europameister-Trainer 1980 © Pressefoto Rudel/Herbert Rudel via www.imago-images.de
Helmut Schön: Bundestrainer 1964 bis 1978; 139 Spiele (87 Siege, 31 Remis, 21 Niederlagen); Europameister-Trainer 1972 und Weltmeister-Trainer 1974
Helmut Schön: Bundestrainer 1964 bis 1978; 139 Spiele (87 Siege, 31 Remis, 21 Niederlagen); Europameister-Trainer 1972 und Weltmeister-Trainer 1996 © imago sportfotodienst
Sepp Herberger: Bundestrainer 1936 bis 1942 und 1950 bis 1964; 162 Spiele (92 Siege, 26 Remis, 44 Niederlagen)
Sepp Herberger: Bundestrainer 1936 bis 1942 und 1950 bis 1964; 162 Spiele (92 Siege, 26 Remis, 44 Niederlagen); Weltmeister-Trainer 1954 © IMAGO/United Archives / kpa / Grimm
Otto Nerz: Bundestrainer 1926 bis 1936; 75 Spiele (44 Siege, 11 Remis, 20 Niederlagen)
Otto Nerz: Bundestrainer 1926 bis 1936; 75 Spiele (44 Siege, 11 Remis, 20 Niederlagen) © picture alliance

ZDF-Experte Mertesacker zieht knallhartes DFB-Fazit

„Es stimmt hinten und vorne nicht. Wir brauchen Einfachheit, Kompaktheit, Stabilität. Die einfachsten Dinge, um erfolgreich zu sein, sehen wir im Moment nicht. Wir müssen uns gegenseitig helfen und unterstützen – das sehen wir nicht“, sagte Mertesacker nach der 0:2-Pleite im ZDF und bringt das grundlegende Problem der deutschen Mannschaft auf den Punkt.

„Das sind große Namen, die viel erreicht haben. Da hat jede Mannschaften großen Respekt – bis kurz vor dem Anpfiff. Dann sehen sie: Wir können hier einfach nach vorne spielen, die machen einfache Fehler, wir können Dinge ausnutzen. Da verlieren viele Mannschaften einfach den Respekt vor uns. Die Anzahl dieser Fehler führt dazu, dass Gegner uns beherrschen können“, erklärte Mertesacker. Auch Sportdirektor Rudi Völler knöpfte sich die DFB-Stars nach der Pleite vor. Selbst Nagelsmann wurde von Mertesackers Rundumschlug nicht verschont.

Nagelsmann beklagt fehlende „Verteidigungsmonster“ – ZDF-Experte Mertesacker fassungslos

„Ich habe bei Österreich eine Idee gesehen, eine stabile Defensive, klare Viererkette, zwei Sechser davor, die aber auch immer wieder Gregoritsch vorne gesucht und gefunden haben“, so die indirekte Kritik an Nagelsmanns Taktik. „Man hat wenig von dem, was Österreich gezeigt hat, bei der deutschen Mannschaft gesehen. Das ist sehr bedenklich, wenn man sieht, was wir für einen tollen und fantastischen Kader haben, was für tolle Einzelspieler. Als Gruppe funktionieren wir im Moment gar nicht.“ Auch die Behauptung Nagelsmanns, die DFB-Elf habe keine „Verteidigungsmonster“ war dem ehemaligen Abwehrspieler Mertesacker ein Dorn im Auge.

„Nur Flucht im Angriff wird uns nicht helfen. Wir brauchen gewisse Prinzipien und Stabilität von hinten raus und die sehe ich im Moment nicht. Die muss erarbeitet werden. Er hat von viel Arbeit gesprochen. Ein Fokus sollte wirklich daran liegen, dass wir besonders von Offensive auf Defensive in diesem Umschaltverhalten uns einiges überlegen müssen“, forderte Mertesacker. „Wir müssen viel besser zusammen verteidigen. Sich nur in der Offensive zu flüchten und 7-8 Offensivspieler auf den Platz zu bringen, wird uns nicht helfen. Wir brauchen eine Balance, dass wir mindestens mal 5-6 Defensivspieler, die sich mehr Gedanken über die Defensive machen, auf dem Platz haben“. Nicht nur Mertesacker gab seine Bewertung ab, hier geht es zu den Pressestimmen zur DFB-Blamage gegen Österreich. (ck)

Rubriklistenbild: © Bernd Feil/M.i.S./Imago

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