„Schneller, höher, weiter“

Dahlmeier identifiziert Problem des Wintersports – Neureuther kämpft schon lange dagegen an

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Laura Dahlmeier sorgt sich in Zeiten des Klimawandels um den Wintersport. Ein Thema, das auch Felix Neureuther keine Ruhe lässt.

München – „Schneller, höher, weiter“: Das olympische Motto „citius, altius, fortius“ aus dem Jahr 1894 wird auch in heutigen Zeiten noch gelebt. Laura Dahlmeier ist mit dieser Entwicklung im Wintersport nicht ganz einverstanden.

Der sportliche Gedanke der Parole mag erstmal plausibel erscheinen. Allerdings wird er auch oft von den Entscheidungsträgern der Branche wörtlich genommen, was zu immer mehr Rennen, Reisen und Wettkämpfen führt – auf Kosten der Nachhaltigkeit und Umwelt. Dahlmeier, Doppel-Olympiasiegerin im Biathlon, kritisiert den zunehmenden Gigantismus im Wintersport deutlich – und spricht damit Ex-Skirennläufer Felix Neureuther aus der Seele.

Laura Dahlmeier
Geboren:22. August 1993 (Alter: 30 Jahre), Garmisch-Partenkirchen
Disziplin:Biathlon
Größte Erfolge:2x Olympia-Gold, 7x WM-Gold, 20 Weltcup-Siege
Karriereende:2019

„Schneller, höher, weiter?“: Biathlon-Legende Dahlmeier will andere Wege gehen

„Ist es immer ‚schneller, höher, weiter‘?“, fragt Dahlmeier im Exklusiv-Interview mit IPPEN.MEDIA. Die langjährige Biathletin, die 2019 im Alter von 25 Jahren ihre Karriere auf dem Höhepunkt beendet hat, sagt ‚Nein‘ und gibt sich die Antwort gleich selbst: „Oder kann man auch manche Synergien nutzen? Zum Beispiel verschiedene Sportarten nutzen das gleiche Areal, um ressourcenschonender unterwegs zu sein.“

„Es ist allgemein wichtig im Leben, achtsam zu sein, sich zu überlegen, was man wirklich braucht. Das beginnt im täglichen Leben, aber sicher auch in der Wirtschaft und genauso im Sport“, sagte die 30-Jährige. Der Schneemangel sei dabei nicht das Problem an sich, sondern verdeutliche den Klimawandel.

Im Geiste vereint: Laura Dahlmeier und Felix Neureuther.

Biathlon-Ikone Dahlmeier sieht Wintersportler eher als Opfer in Zeiten des Klimawandels

„Ich sehe da die Wintersportler eher als Opfer und weniger als Verursacher. Oft wird dann gesagt, dass Kunstschnee produziert wird und das wäre so schädlich für das Klima. Wir sind einfach in einer Klimaveränderung, das kann man nicht wegdiskutieren“, erklärte Dahlmeier. „Und das ist die Folge, dass es bei uns in den Alpen einfach weniger Schnee gibt. Dem entgegenzuwirken, wird Kunstschnee produziert. Ob das gut ist oder nicht, sei mal dahingestellt.“

„Es sind definitiv Klimaveränderungen, das Klima wird immer extremer, es gibt sehr starke Kälte- und Wärmeperioden, viel Niederschlag“, so Dahlmeier. Darauf müsse man sich einfach einstellen, forderte sie. „Das ist definitiv ein Problem, mit dem sich der Wintersport und die einzelnen Verbände auseinandersetzen müssen.“ Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise die Matterhorn-Abfahrt im Ski alpin wegen Schneemangels abgesagt, vor wenigen Wochen gab es dann zu viel Schnee und schlechte Witterung.

Laura Dahlmeier spricht über das große Thema des Wintersports – und Felix Neureuther aus der Seele

Felix Neureuther, ebenfalls einst jahrelang im Ski-Zirkus unterwegs, bläst ins selbe Horn wie Dahlmeier. Der 39-Jährige warnt seit geraumer Zeit vor dem Größenwahn im Wintersport. Bereits im vergangenen Jahr kritisierte Ex-Ski-Star Neureuther den frühen Saisonstart im Interview mit unserer Zeitung. Vor wenigen Wochen fiel der Riesenslalom in Sölden dann tatsächlich der Natur zum Opfer und musste wegen starken Windes vorzeitig abgebrochen werden.

„Der neue Präsident der FIS Johan Eliasch sieht nur die Zahlen. Nicht die Zahlen der Erderwärmung, sondern die Zahlen des Geldbeutels. Er schaut darauf, mehr Gelder zu generieren, was mehr Rennen bedeutet, mehr Aufwand für die Athleten und mehr Verletzungen“, polterte Neureuther damals und wurde nun bestätigt.

Die 18 erfolgreichsten deutschen Wintersportler des neuen Jahrtausends

Sven Hannawald im Porträt.
Sven Hannawald (Skispringen): Hatte seine ersten Erfolge Ende des letzten Jahrhunderts. Gewann als erster alle vier Wettbewerbe der Vierschanzentournee. Bilanz: 18 Weltcup-Siege, 1x Olympia-Gold, 2x Olympia-Silber © IMAGO / Oryk HAIST
Kevin Kuske und Andre Lange mit der Goldmedaille
Kevin Kuske und Andre Lange (Bob): 38 Weltcup-Siege, 4x Olympia-Gold, 2x Olympia-Silber © IMAGO / Sven Simon
Eric Frenzel im Wettkampf
Eric Frenzel (Nordische Kombination): 43 Weltcup-Siege, 3x Olympia-Gold, 2x Olympia-Silber, 2x Olympia-Bronze © IMAGO / Nordphoto
Anni Friesinger zweite von links.
Anni Friesinger-Postma (Eisschnellauf): 59 Weltcup-Siege, 2x Olympia-Gold, 2x Olympia-Bronze © IMAGO / Camera 4/JIM
Felix Loch nach dem Wettkampf.
Felix Loch (Rodeln): 49 Weltcup-Siege, 3x Olympia-Gold © IMAGO / Arvid Müller
Tobias Wendl und Tobias Arlt nach dem Wettkampf.
Tobias Wendl und Tobias Arlt (Rodeln): 5 Weltcup-Siege, 6x Olympia-Gold © IMAGO / Beautiful Sports
Natalie Geisenberger im aktuellen Sportstudio
Natalie Geisenberger (Rodeln): 8 Weltcup-Siege, 6x Olympia-Gold, 1x Olympia-Bronze © IMAGO / Martin Hoffmann
Viktoria Rebensburg auf Skiern.
Viktoria Rebensburg (Ski Alpin): 19 Weltcup-Siege, 1x Olympia-Gold, 1x Olympia-Bronze © IMAGO / CEPix
Maria Höfl-Riesch im Porträt.
Maria Höfl-Riesch (Ski Alpin): 27 Weltcup-Siege, 3x Olympia-Gold, 1x Olympia-Silber © IMAGO / Sammy Minkoff
Felix Neureuther als TV-Experte.
Felix Neureuther (Ski Alpin): 13 Weltcup-Siege © IMAGO / opokupix
Arnd Peiffer auf Skiern.
Arnd Pfeiffer (Biathlon): 10 Weltcup-Siege, 1x Olympia-Gold, 1x Olympia-Silber, 1x Olympia-Bronze © IMAGO / Beautiful Sports
Simon Schempp auf Skiern.
Simon Schempp (Biathlon): 12 Weltcup-Siege, 2x Olympia-Silber, 1x Olympia-Bronze © IMAGO / Ernst Wukits
Laura Dahlmeier im Porträt.
Laura Dahlmeier (Biathlon): 20 Weltcup-Siege, 2x Olympia-Gold, 1x Olympia-Bronze © IMAGO / Beautiful Sports
Kati Wilhelm im Porträt.
Kati Wilhelm (Biathlon): 21 Weltcup-Siege, 3x Olympia-Gold, 3x Olympia-Silber, 1x Olympia-Bronze © IMAGO / Eibner
Magdalena Neuner im Profil.
Magdalena Neuner (Biathlon): 34 Weltcup-Siege, 2x Olympia-Gold, 1x Olympia-Silber © IMAGO / ZUMA Wire
Katharina Althaus bei einer Siegerehrung.
Katharina Althaus (Skispringen): 15 Weltcup-Siege, 2x Olympia-Silber © IMAGO / NTB
Severin Freund bei der Vierschanzentournee
Severin Freund (Skispringen): 22 Weltcup-Siege, 1x Olympia-Gold © IMAGO / MIS
Karl Geiger bei einer Siegerehrung.
Karl Geiger: 13 Weltcup-Siege, 1x Olympia-Silber, 2x Olympia-Bronze © IMAGO / ZUMA Wire

Dahlmeier und Neureuther kämpfen für Erhalt ihrer Sportarten

„Der Kalender ist so wie er ist nicht mehr zeitgemäß. Mit Rennen auf Gletschern habe ich kein Problem, es wird sich sowieso alles weiter nach oben verlagern, aber der Zeitpunkt ist halt zu früh. Außerdem: Ist es sinnvoll, ab Juli auf Gletschern zu trainieren und dafür Überseereisen zu haben?“, so Neureuther, der mit Dahlmeier – sei es auch in einer anderen Sportart – nun eine neue Mitstreiterin gefunden zu haben scheint.

„Ich liebe den Winter und den Schnee und bin natürlich traurig, wenn die Winter schlechter und wärmer werden“, sagte Dahlmeier im Gespräch mit IPPEN.MEDIA am 7. Dezember, den Spaß am Wintersport will sie sich aber nicht nehmen lassen. „Aktuell haben wir allerdings absolutes Winter-Wonderland. Ich war erst heute früh wieder im Schnee und es ist perfekt.“ Zuletzt kehrte Dahlmeier mit einer Ex-Teamkollegin auf die Loipe zurück – und kassierte einen Seitenhieb.

Das Internationale Olympische Komitee hat sein Motto „Schneller, höher, weiter“ am 20. Juli 2021 übrigens um den Zusatz „gemeinsam“ (lt. communiter) ergänzt. Ob es damit zu einem Umdenken auf Funktionärsebene kommt, wie von Dahlmeier eingefordert, bleibt jedoch fraglich. (ck)

Rubriklistenbild: © Hartenfelser/Imago/Michael Kappeler/dpa

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