Während die einen den bevorstehenden Verlust des Talents beklagen, sehen andere die Chance auf ein herausragendes Geschäft für den BVB. Absolut Fussball, das Fußballportal von Home of Sports, stellt die Argumente in einem Pro und Contra gegenüber.
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These 1: Gittens ist für den BVB unersetzbar vs. Gittens ist nur Hype
PRO-Argument: Jamie Gittens war zuletzt der einzige BVB-Profi, der Spiele klassisch im Alleingang entscheiden kann. Seine Hinrunden-Bilanz mit elf Toren und vier Vorlagen unter Ex-Trainer Nuri Şahin bewies sein Potenzial. In dieser Zeit bestand die BVB-Offensive oftmals aus den Einzelaktionen von Gittens. Traumtore wie gegen den FC Bayern, als er Konrad Laimer zum Statisten degradierte, zeigten seine Weltklasse-Qualitäten im Eins-gegen-Eins. Ohne ihn wird der BVB berechenbarer und verliert eine seiner größten Waffen.
CONTRA-Argument: Die Statistiken der Saison 2024/25 muss man differenziert betrachten: Gittens spielte zwar eine Top-Hinrunde, ließ aber schon in der Endphase unter Şahin deutlich nach. Unter Niko Kovač verlor Gittens komplett an Stellenwert und wurde vom Leistungsträger zum Ergänzungsspieler. Einem jungen Spieler sei eine Schwächephase zugestanden, dass diese bei Gittens aber über Monate anhielt, ist kein gutes Zeichen. Rund um den BVB wird getuschelt, dass Gittens gedanklich bereits frühzeitig mit seiner Zeit in Dortmund abgeschlossen hat. Vielleicht sind ihm die Gerüchte, die sich im Winter noch um einen angeblichen 100-Millionen-Transfer drehten, zum Kopf gestiegen.
These 2: Kovač-System macht Gittens überflüssig vs. Trainer schadete Entwicklung
PRO-Argument: Kovač hat beim BVB die Dreierkette etabliert, dadurch gibt es nur noch selten Platz für reine Außenstürmer wie Gittens. In der Offensive haben nicht von ungefähr die Halbstürmer Karim Adeyemi und Maximilian Beier vom Trainerwechsel profitiert. Beide sind zudem in der Arbeit gegen den Ball disziplinierter als der Individualist Gittens, der die Mitarbeit gerne schleifen lässt. Kovač bevorzugt taktische Disziplin über individuelle Brillanz. Ein lukrativer Verkauf ist logisch, wenn der Spieler nicht ins Konzept passt und so an Marktwert zu verlieren droht.
CONTRA-Argument: Gittens‘ Abstieg unter Kovač zeigt eine Schwäche des Trainers, Talente zu entwickeln. In der Hinrunde war er unter Şahin einer der wenigen Lichtblicke, unter dessen Nachfolger geriet das taktische Korsett zu starr, um einen Freigeist wie Gittens einzubauen. Der Erfolg gab Kovač für den Moment recht, dabei erwischte der BVB aber auch eine Erfolgswelle, in der am Saisonende viel wie von alleine funktionierte. Bei der Klub-WM zeigt sich, dass die spielerische Leichtigkeit schnell verloren gehen kann. Den Verlust der individuellen Fähigkeiten von Gittens könnte der BVB bitter bereuen.
These 3: 65 Millionen Euro sind ein Geschenk vs. BVB verkauft zu billig
PRO-Argument: Das aktuelle Leistungsniveau von Gittens rechtfertigt keine Ablöse von bis zu 65 Millionen Euro. Chelsea zahlt einen Preis, der sich auf das Potenzial des Spielers bezieht – und seine englische Nationalität. Ob sich das Investment perspektivisch lohnen wird? Gittens fehlt die Spielintelligenz für das höchste Niveau, seine Entscheidungsfindung im letzten Drittel ist oft mangelhaft. Chelsea zahlt für Potenzial, das möglicherweise nie ausgeschöpft wird. Der BVB schlägt womöglich genau rechtzeitig zu, bevor der Hype um den Dribbler endgültig platzt.
CONTRA-Argument: 65 Millionen für ein Top-Talent mit Qualitätsnachweisen in einer Top-Liga sowie der Champions League sind in der heutigen Transferwelt moderat. Seine Hinrunden-Leistungen zeigten sein wahres Potenzial. Bei richtiger Förderung hätten auch die 100 Millionen Euro, die im Winter genannt wurden, erreicht werden können. Der BVB verkauft den Spieler nach einer schwierigen Rückrunde nicht zum idealen Zeitpunkt, um die höchste Ablöse zu erzielen.
These 4: Gittens hat nicht die nötige Mentalität vs. Sein Talent überwiegt alles
PRO-Argument: Gittens soll in der BVB-Kabine frühzeitig von seinem Wechsel gesprochen haben. Das zeigt eine zweifelhafte Einstellung zum Beruf, zumal es für Dortmund bis zum 34. Spieltag um das Minimalziel Champions League ging. Trainer Kovač selbst lieferte hierzu eine aufschlussreiche Einschätzung. Im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten sagte er, Gittens sei „bei Weitem noch kein kompletter Profi, sondern noch sehr entwicklungsfähig“. Diese Aussage, die den Spieler vor überzogener Kritik schützen sollte, lässt dennoch tief blicken. Seine Körpersprache in schwierigen Phasen und die fehlende Defensivarbeit wurden für das Team bisweilen zur Belastung.
CONTRA-Argument: Mit 20 Jahren sind die Entwicklungsschritte von Gittens völlig normal. Seine technischen Fähigkeiten und Explosivität sind selten. Die richtige Umgebung und Förderung können anderweitige Defizite beheben. Talent wie seines kann man nicht kaufen, es ist angeboren. Gittens hat das Zeug für konstante Weltklasse-Leistungen, braucht aber offenbar ein anderes Umfeld, als es ihm der BVB zuletzt bieten konnte.
Fazit: BVB macht ein logisches Geschäft, das trotzdem wehtut
Gittens‘ aktuelle Leistungen rechtfertigen 65 Millionen Euro nicht, und seine Zukunft im Kovač-System ist ungewiss. Insofern ergibt der bevorstehende Verkauf des Spielers an Chelsea absolut Sinn. Seine Wechselgedanken haben sicher auch schon in den letzten Monaten die Leistungsfähigkeit von Gittens beeinträchtigt.
Chelsea kauft einen Spieler mit herausragendem Potenzial, aber auch Schwächen, die eine Entwicklung zum Superstar verhindern könnten. Das Geld ermöglicht dem BVB wichtige Möglichkeiten für die Kaderplanung, die Abhängigkeit von Einzelkönnern ist unter Kovač reduziert.
Gleichzeitig verliert Dortmund einen seiner wenigen Unterschiedsspieler, der mit Einzelaktionen Spiele entscheiden kann und den Flair mitbringt, für den viele Fans ins Stadion gehen.