Was bedeutet die Verletzung von Manuel Neuer für den FC Bayern?
VonPeter Grad
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Der FC Bayern hat nach dem Mainz-Spiel überraschend den verletzungsbedingten Ausfall von Manuel Neuer verkündet. Aktuell wohl verkraftbar, dennoch ein Alarmsignal. Ein Kommentar.
Vor dem letzten Pflichtspiel des Kalenderjahres in Heidenheim erscheint diese Meldung eigentlich eher wie eine Randnotiz, müsste doch eine Rückkehr ins Münchner Tor beim ersten Pflichtspiel in 2026 am 11. Januar gegen den VfL Wolfsburg angesichts der offensichtlich nicht gravierenden Blessur möglich sein. Denn Neuer konnte bis zum Schlusspfiff in der Mainz-Partie ohne erkennbare Behinderung als elfter Feldspieler des Rekordmeisters agieren. Dennoch wirft die erneute Verletzung grundsätzliche Fragen auf.
Neuer-Verletzungen bringen dem FC Bayern einen kuriosen CL-Rekord
Die Verletzungsanfälligkeit des Torwart-GOAT ist nach seiner einjährigen Zwangspause nach dem Anfang Dezember 2022 bei einer Skitour erlittenen komplizierten Unterschenkelbruch erheblich angestiegen. Unter anderem verschaffte sie dem FC Bayern in der vergangenen Spielzeit den kuriosen Rekord, innerhalb eines halben Jahres jeweils aufgrund von Neuer-Ausfällen insgesamt vier verschiedene Keeper in der Champions League eingesetzt zu haben.
Sven Ulreich wurde in Halbzeitpause gegen Dinamo Zagreb wegen seiner Oberschenkelprobleme eingewechselt, Daniel Peretz vertrat ihn nach seinem Rippenbruch gegen Donezk. Die traurige Krönung war der beim Torjubel gegen Bayer Leverkusen erlittene Muskelfaserriss in der Wade, der Neuer zu einer 2-monatigen Pause nötigte. Winter-Neuzugang Jonas Urbig spielte die Königsklassen-Saison für ihn zu Ende.
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Der 22-jährige Urbig, sein designierter Nachfolger, wird aller Voraussicht nach in Heidenheim im Tor stehen, sein fünfter Saisoneinsatz. Bislang blieb die große Zukunftshoffnung des Rekordmeisters für diese so eminent wichtige Position ohne Fehl und Tadel. Dennoch stehen die Verantwortlichen an der Säbener Straße vor einem Dilemma.
Der Vertrag des Weltmeisters von 2014 läuft im Sommer aus. Er selbst hat eine mögliche Verlängerung an seine Gesundheit geknüpft und betont, diese Entscheidung noch hinauszögern zu wollen. Das ist sein gutes Recht. Aber es ist auch eine Ansage, die der Verein nicht zuletzt aufgrund der neuerlichen Verletzung nicht ignorieren darf. Denn: Ein Weltklasse-Torwart, der seine Zukunft vom eigenen Körper abhängig macht, sendet ein Signal. Die Serie von (Muskel-)Verletzungen spricht eine eindeutige Sprache. Der Körper des 39-Jährigen regeneriert mittlerweile langsamer und reagiert empfindlicher auf die Belastungen des Profifußballs als in früheren Jahren. Völlig normal.
Verletzungsproblematik: Vertragsverlängerung von Neuer sinnvoll?
Der FC Bayern steht früher als erhofft vor einer delikaten Entscheidung: Verlängert man mit einem Kapitän, dessen Verfügbarkeit zum Risikofaktor geworden ist? Oder plant man den Umbruch, während Neuer noch da ist? Beides hat Vor- und Nachteile. Klar ist: Die Bayern können nicht sicher einplanen, dass der überragende Torwart der letzten Jahrzehnte in der entscheidenden Saisonphase zur Verfügung steht. Eine Wiederholung der Situation der vergangenen Spielzeit ist denkbar, für einen Verein mit den Ansprüchen des FC Bayern ist das eine gefährliche Ausgangslage.
Manuel Neuer wird von vielen Experten als der Torwart-GOAT gesehen, er hat das Recht auf einen würdigen Abgang. Aber mit Sentimentalitäten kommt man im harten Geschäft Profifußball nicht weit. Die Verantwortlichen an der Säbener Straße müssen nüchtern kalkulieren, was sie von ihrem Torwart erwarten können – und was nicht.
Neuers Muskelfaserriss vor Weihnachten ist alles andere als eine Katastrophe. Aber er ist eine Erinnerung, gar Mahnung, dass die Zeit auch für die Allergrößten irgendwann einmal vorbei ist. Manuel Neuer und der FC Bayern wissen das. Wie gehen beide Seiten nun mit diesem Wissen um?