VonLars Pollmannschließen
Marcel Sabitzer ist dem BVB wegen einer Knieverletzung für eine Weile nicht verfügbar. Der Österreicher war zuvor unter Niko Kovač eine feste Größe.
Dortmund – Unter Fans von Borussia Dortmund genießt eine Anekdote aus dem Jahr 2014 regelrechten Kultstatus. Der BVB verkündete seinerzeit für den eisenharten Verteidiger Sokratis einen „unverschobenen, belastungsstabilen Wadenbeinbruch“.
Der Grieche, der sich geradezu sinnbildlich bei einem Foul an Gladbachs André Hahn verletzt hatte, sollte seinerzeit nur ein Spiel verpassen. Tatsächlich fiel die Stammkraft des damaligen Trainers Jürgen Klopp für zwei Monate aus.
„Belastungsstabil“ ist seither zum geflügelten Wort geworden, mit dem die Fans im Sinne besten Galgenhumors auf die bisweilen unzuverlässigen Angaben zur Ausfallzeit von Dortmund-Spielern reagieren.
Der BVB hat übrigens aus der Sache gelernt und veröffentlicht keine genauen Diagnosen mehr. Bei Marcel Sabitzer sprach der Klub nach seiner Auswechslung gegen RB Leipzig am Wochenende nur von einer Knieverletzung, die vier Wochen Rehatraining nach sich ziehen soll.
BVB-Star Sabitzer droht vorzeitiges Ende der Bundesliga-Saison
Der TV-Sender Sport1 lieferte anschließend die angeblichen Details: Sabitzer soll sich das Innenband gerissen haben, könnte damit durchaus auch sechs Wochen fehlen. Die Bundesliga-Saison ist für den Österreicher also mit einiger Wahrscheinlichkeit gelaufen, auch für ein etwaiges Champions-League-Finale des BVB am 31. Mai würde die Zeit knapp. Bei der FIFA Klub-WM ab Mitte Juni könnte der Mittelfeldmann wohl wieder dabei sein.
Sollte Sabitzer kein Pflichtspiel mehr vor dem Sonderwettbewerb in den USA hinlegen, ginge eine tief enttäuschende Saison still zu Ende. Der seit Montag 31 Jahre alte österreichische Nationalspieler ist in 36 Einsätzen ohne jede Torbeteiligung geblieben, konnte der anhaltenden BVB-Krise nur selten etwas entgegensetzen.
Dass Sabitzer gerade unter Trainer Niko Kovač nahezu unentbehrlich war, sagt mehr über die Kaderplanung aus als über seine Leistungen. Als Sechser – die Position, die sich Sabitzer sozusagen selbst aussuchen durfte – war er zuletzt annähernd alternativlos.
Für Kovač stellt das wochenlange Fehlen des Routiniers ein weiteres unter vielen Problemen dar. Wer Sabitzer im Endspurt der Bundesliga sowie den Viertelfinalduellen mit dem FC Barcelona in der Champions League ersetzen soll, ist derzeit unklar. Theoretisch stehen einige Optionen zur Verfügung.
1. Wann kehrt Felix Nmecha ins BVB-Team zurück?
Als einer der wenigen Gewinner der Krisensaison des BVB hat sich Felix Nmecha erwiesen. Unter Ex-Coach Nuri Şahin avancierte der 24-Jährige zur Nummer eins auf der Position vor der Abwehr, erspielte sich mit guten Leistungen sogar wieder einen Platz im DFB-Kader von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Auch Kovač hätte sicher gerne auf den Spieler gesetzt, den er schon aus gemeinsamen Zeiten beim VfL Wolfsburg kennt.
Jedoch ist Nmecha nach einer Verletzung im Spiel gegen Werder Bremen im Januar (2:2) bald zwei Monate ausgefallen. Auch bei ihm hat der BVB auf die Veröffentlichung einer genaue Diagnose und Ausfallzeit verzichtet. Zuletzt wollte Kovač sich ebenfalls keine Prognosen entlocken lassen, sagte lediglich, Nmecha stelle „die Zukunft dieses Klubs“ dar, mit der man geduldig umgehen wolle.
Heißt wohl: Einen Kaltstart von Nmecha als Sabitzer-Ersatz kann man ausschließen.
2. Die letzte Chance für Salih Özcan beim BVB?
Aus dem zuletzt verfügbaren Kader gibt es nur einen Eins-zu-eins-Ersatz für Sabitzer, wenn nicht DFB-Star Pascal Groß zum x-ten Mal in der laufenden Saison verschoben werden soll: Salih Özcan winkt womöglich die letzte Chance beim BVB. Der Ex-Kölner war zu Saisonbeginn an den VfL Wolfsburg verliehen worden, spielte dort keine große Rolle. Im Januar brachen die Parteien das Leihgeschäft vorzeitig ab.
Seither hat Özcan sieben, zumeist unauffällige, Einsätze absolviert. Der 27-Jährige stand dabei in den vier K.-o.-Partien der Champions League gegen Sporting und den OSC Lille insgesamt nur sechs Minuten auf dem Feld. Ein klares Zeichen dafür, dass Kovač dem türkischen Nationalspieler eigentlich keine tragende Rolle zutraut. Eine große Zukunft in Dortmund hat Özcan ohnehin wohl kaum.
Nun könnte der Chefcoach aber fast schon gezwungen sein, auf Özcan zu setzen, um die Statik des BVB-Spiels nicht verändern zu müssen – jedenfalls so lange, wie Nmecha noch nicht voll spielfähig ist.
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3. Nimmt Kovač eine Systemumstellung in Dortmund vor?
Seitdem Kovač Ende Januar Cheftrainer des BVB wurde, halten sich die Gerüchte über eine mögliche Systemumstellung hin zu der Dreierkette, mit der der Kroate auf vorherigen Stationen etwa bei Eintracht Frankfurt seine größten Erfolge gefeiert hatte.
Einen möglichen Fingerzeig gab es gegen Leipzig, als Kovač auf den Ausfall von Sabitzer mit der Einwechslung von Ramy Bensebaini reagierte und fortan drei Innenverteidiger aufbot: Waldemar Anton, Emre Can und Nico Schlotterbeck. Dass er für Anton und Niklas Süle bisher keine großen Spielanteile aufbringen konnte, soll Kovač durchaus ärgern.
Nun gäbe es die Möglichkeit dazu. Ob die Maßnahme zu größerer Stabilität verhelfen würde, sei dahingestellt. Zuletzt war ohnehin eher die Offensive das Problem des BVB: Unter Kovač hat Dortmund in zehn Spielen nur 15 Treffer erzielt – und mehr als die Hälfte entfällt auf Spiele gegen Union Berlin (6:0) und Sporting (3:0). Neun Gegentreffer bei vier „Weißen Westen“ sind hingegen eine durchaus ordentliche Bilanz.
4. Schlägt die Stunde von BVB-Leihgabe Carney Chukwuemeka?
Für offensiven Esprit hat Carney Chukwuemeka bei seinen Kurzauftritten gesorgt. Der englische Juniorennationalspieler konnte sein gewaltiges Potenzial andeuten. Es zeigt sich aber auch, warum der große Durchbruch bisher ausgeblieben ist: Chukwuemeka verpasste schon einige Spiele aufgrund kleinerer Wehwehchen.
Eine Soforthilfe war der Mittelfeldmann im Januar-Transferfenster damit nicht, die Kaufoption in Höhe von 35 Millionen Euro wird der BVB nach aktuellem Stand nicht ziehen. Bietet die Verletzung von Sabitzer die Chance, die Verantwortlichen umzustimmen? Gerade weil Chukwuemeka zunächst nur bis Saisonende unter Vertrag steht, könnte Dortmund – natürlich im Rahmen der Sorgfaltspflicht, die gegenüber jedem Spieler gilt – gewisse Risiken eingehen.
Chukwuemeka wäre dabei weniger der Ersatz für Sabitzer auf der Sechser-Position, sondern würde wohl Pascal Groß in die Rolle vor der Abwehr verschieben. Die Chelsea-Leihgabe gilt als potenziell herausragender Box-to-Box-Spieler im Stile eines Paul Pogba.
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