Vom Heiland zum Hampelmann: Wagner und Baumgart bereiten Sorge
VonDaniel Michel
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Sandro Wagner startete mit großen Erwartungen, nun steht er in der Kritik. Auch der Zauber von Steffen Baumgart ist verflogen. Michels Meinung
Augsburg/Berlin – Die Sehnsucht nach echten Typen in der Bundesliga ist groß. Das gilt auch für die Trainer-Gilde. Die Euphorie war groß, als nun Sandro Wagner im Sommer beim FC Augsburg anheuerte. Seine erste Station als Cheftrainer in der Bundesliga ist mit großen Erwartungen verbunden. Der Dreiklang lautet: Show, Spektakel-Fußball und Erfolg.
Und der erste Spieltag lief gut an, der FC Augsburg gewann beim SC Freiburg. Dazu ein Sandro Wagner an der Seitenlinie, der bei nahezu jeder Aktion mitfieberte wie ein Fan und vom Laufpensum auch noch auf dem Feld hätte stehen können. Seine Energie, seine flotten Sprüche und sein effizienter Fußball – das sah nach dem ersten Spieltag verheißungsvoll aus.
Basler und Reif mit Warnschüssen in Richtung Wagner
Doch drei Spieltage und drei Niederlagen später hat sich die Situation komplett gedreht. 1996-Europameister Mario Basler stellt bereits die Trainerfrage in den Raum und TV-Legende Marcel Reif mahnt Wagner zur Zurückhaltung. Was am ersten Spieltag noch cool und spektakulär bei ihm wirkte, gilt nun als arrogant und egozentrisch.
Wagners Spruch, beim FC Augsburg sei keiner qualitativ schlechter als beim FC Bayern, wird nicht mehr als selbstbewusst, sondern als respektlos gewertet. Sein Ballwurf ins Spielfeld beim FC St. Pauli hätte für ihn eine Rote Karte zur Folge haben müssen, es gab aber nur Gelb. Dazu gesellt sich die sportliche Bankrotterklärung mit dem 1:4 gegen Mainz 05. Zwei Gegentreffer kassierte der FCA in Überzahl.
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Vom Heiland zum Hampelmann in wenigen Wochen, so könnte man den Abstieg von Sandro Wagner in aller Kürze zusammenfassen. Doch gleichzeitig sehnt sich die Öffentlichkeit nach echten Typen, nach authentischem Verhalten. War nicht Wagner schon immer eine Art extrovertierter Großkotz (“Fußballprofis verdienen eher zu wenig“, „Ich fahre gerne Porsche“), den man trotzdem mit der Zeit zu lieben lernte?
Auch ein Bundesliga-Kollege von Wagner steht wegen seines Verhaltens im Mittelpunkt: Steffen Baumgart von Union Berlin. Beim Spiel bei Eintracht Frankfurt soll er einen Stinkefinger gezeigt haben, was er aber bestreitet. Zudem warf Baumgart ähnlich wie Wagner einen Gegenstand auf das Spielfeld. Es war nur eine Papierkugel, dafür sah der 53-Jährige trotzdem Rot.
Baumgart fehlt im kommenden Duell gegen seinen Ex-Verein Hamburger SV. Sport1 widmete ihm in der Folge einen ausführlichen Text. Die Kernaussage: Klub-intern habe man Sorge, dass Baumgart mit seinem Verhalten für ein Image-Problem sorgen könnte. Dabei wohnte auch bei Baumgart zu Beginn seiner Karriere ein großer Zauber inne.
Zunächst als Coach des SC Paderborn, wo er mit kurzärmligen Hemden an der Seitenlinie ein enormes Laufpensum aufwies und die Ostwestfalen von der 3. Liga in die Bundesliga führte. Dann folgte der Höhepunkt beim 1. FC Köln, wo seine Schiebermütze zum Bestseller wurde, während Köln im Europacup spielte.
Das Trainieren mit einer laut aufgedrehten Musik-Box ist in der Bundesliga die Erfindung von Baumgart – und seine Karnevalskostüme sind Kult. Doch als mit Köln der Abstieg folgte und mit dem Hamburger SV, seiner nächsten Station, der Aufstieg verfehlt wurde, sank auch der Stern von Baumgart. Bei Union Berlin befindet er sich aktuell in einer Überprüfungsphase in Sachen Bundesliga-Tauglichkeit.
Vom Heiland zum Hampelmann: Auch für Steffen Baumgart trifft dies auf die Jahre gesehen zu, wenn man die öffentlichen Bewertungen beobachtet. Doch auch für Baumgart gilt: War er nicht schon als Spieler ein emotionaler, authentischer Profi, der es gerne mal hat krachen lassen? Bleibt er nicht einfach seiner Linie treu?
Michels Meinung lautet: Letztendlich gilt für beide Coaches: Hast du sportlichen Erfolg, werden dein Verhalten und dein Charakter in höchsten Tönen gelobt. Bleibt der sportliche Erfolg aus, kann sogar eine Papierkugel dein Schicksal auf der Trainerbank mitbestimmen. Sandro Wagner und Steffen Baumgart sind authentische Typen, das sollen sie auch bleiben.