Alarmzentrale abgezogen

Supervulkan in Italien: Neue Erbeben-Serie ist „kein gutes Zeichen“

+
Der Solfatara-Vulkankrater in den Phlegräischen Feldern dampft.
  • schließen

Mit einer neuen Bebenserie sorgt der Supervulkan bei Neapel wieder für Angst in der Bevölkerung. Vorsorglich wird das Vulkanwarnzentrum aus dem Gefahrenbereich abgezogen.

Pozzuoli – Die Phlegräischen Felder nahe der italienischen Hafenstadt Pozzuoli im Westen von Neapel sind die gefährlichste Vulkanzone Europas. Es handelt sich um einen Supervulkan – ein riesiger Krater mit einem Durchmesser von 16 Kilometern, in dem Dutzende kleinere Vulkankrater eingelagert sind.

Seit Monaten sorgen Erdbebenserien dafür, dass ein neuer Ausbruch des Supervulkans befürchtet wird, der so verheerend sein könnte, wie die großen Ausbrüche während der Eiszeiten. Vor etwa 39280 Jahren löschten die Feuerströme alles Leben im Umkreis von gut 100 Kilometern aus.

Nach Dauer-Erdbeben schien Ruhe am Supervulkan in Italien eingekehrt zu sein

Voriges Jahr sorgte eine Erdbebenserie für Alarmstimmung, wie sie die Region lange nicht erlebt hat: Über 1000 Stöße wurden jeweils in den Monaten August und September gezählt. Am 27. September rüttelte das heftigste Beben seit den 80er Jahren mit einer Stärke von 4,2 die Menschen aus dem Schlaf. Sie rannten auf die Straße, von einigen Fassaden fielen Betonteile herab, manche übernachteten in ihren Autos.

Das nächtliche Erdbeben trieb die Bürger von Pozzuoli auf die Straße.

Die Beben sind die Folge einer mächtigen Bodenhebung: Um 10 bis 15 Millimeter pro Monat stieg die ganze Region um Pozzuoli auf. Ab November beruhigte sich die Situation wieder, Mitte Dezember erklärten Wissenschaftler das Phänomen des Bradyseismos, wie die Bodenhebung im Fachjargon heißt, für beendet. Es gab ganze Tage ohne Erdstöße. Im gesamten Monat wurde nur eine Hebung von drei Millimetern registriert.

Zahl der Erdstöße hat sich von Woche zu Woche in Italien verdreifacht - „Wir hörten ein Donnern“

Doch seit Mitte Januar ist die Angst zurück: Die Erde bebt wieder und das immer öfter. In der Woche vom 15. bis 21. Januar wurden 24 Erdbeben registriert, „Die Erschütterungen haben sich von Woche zu Woche verdreifacht, und das ist kein gutes Zeichen“, schreibt der Corriere de La Sera.

Supervulkan sorgt für Angst und Schrecken – diese Bilder zeigen die spektakulärsten Vulkanausbrüche Italiens

Die Stadt Centuripe westlich von Catania wird vom Ätna überragt.
Der zur Zeit etwa 3357 Meter hohe Ätna bei Catania (hier mit der Stadt Centuripe im Vordergrund) ist der größte aktive Vulkan Europas. Er bricht gewöhnlich mehrmals in einem Jahr aus. Im Jahre 2021 spuckte er fünf Mal Lava, dieses Jahr (2023) bereits zwei Mal. Meistens ergießen sich die Lavaströme aber nicht in bewohntes Gebiet. © Imago/UIG
Eine Eruption des Ätnas
Lava fließt aus dem Krater des Ätna in Richtung Tal - hier im Jahre 2012. Wenn sich neue Spalten an den Flanken des Vulkans bilden, kann es vorkommen, dass der Lavastrom Straßen sich über Seilbahnstationen und Straßen ergießt.  © imago stock&people
Ätna-Ausbruch: Lava überquert eine Straße
Am 18. Juli 2001 ströme nach einem Ausbruch des Ätna aus einer Spalte ein Lavastrom auf die Kleinstadt Nicolosi zu, in der 1983 Lava 20 Häuser verschüttet hatte. Durch das Bespritzen der Lava mit Wasser und dem Bau eines Erdwalls gelang es, dieses Restaurant zu retten. Später brannte die Bergstation der Ätna-Seilbahn aus, als sie die Lava erreicht hatte. © epa ansa Scardino-Ragonese
Ein Deckenfresko zeigt den Lavafluss vom Ätna nach Catania im Jahr 1669.
Der schwerwiegendste Ausbruch des Ätna ereignete sich 1669, als die Lava sich bis in die Hafenstadt Catania ergoss. Sie schloss das zuvor an einer Bucht gelegene Castello Ursino wurde von der Lava umströmt und liegt seitdem mehrere hundert Meter landeinwärts. Gut zehn Ortschaften, darunter Nicolosi und Belpasso, wurden von der Lava verschlungen. Es gab aber keine Tote, da die Lava langsam floss. © wikipedia Fresko von Gioacinto Platania
Eine riesige Aschwolke steigt beim Ausbruch des Vesuv 1944 empor.
Weitaus gefährlicher als der Ätna ist der Vesuv bei Neapel, der meist sehr explosiv ausbricht und bis zu 7000 Grad heiße Gas- und Aschwolken ausstößt. Der letzte Ausbruch ereignete sich am 18. März 1944. Trotz Evakuierung von 12 000 Menschen fanden 26 Einwohner den Tod, die Städtchen Massa di Somma und San Sebastiano wurden nahezu vollständig unter Lava begraben. © Giovanni Manfredonia/Facebook
„Der letzte Tag von Pompeji“, gemalt von Karl Briullov zwischen 1830 und 1833.
Am 24. August 79 n. Chr. ereignete sich der wohl bekannteste Vulkanausbruch der Geschichte: Der Vesuv explodierte unter einer riesigen Pyroklastischen Wolke aus glühend heißem Gas und verschüttete die Städte Pompeji und Herculaneum unter einer meterhohen Schicht von Asche und Bimsstein. Ein Öl-Gemälde des russischen Malers Karl Briullov (1799 –1852) zeigt, wie er sich die Katastrophe vorstellte. © imago stock&people
Gipsabgüsse der Todesopfer des Vulkanausbruchs des Ätna von 79. n. Chr.
Beim Ausbruch des Vesuv 79. n. Chr. kamen schätzungsweise 5000 Menschen ums Leben. Alleine in Pompeji wurden die Überreste von 1150 Todesopfern ausgegraben. Nachdem sie durch die Gas- und Aschewolken erstickt und verbrannt waren, deckte sie der Ascheregen zu. In den Jahrhunderten danach bildeten sich Hohlräume, die in der Neuzeit durch Gips ausgefüllt wurden. © IMAGO/Vandeville Eric/ABACA
Der Stromboli ist ein Weltkulturerbe der UNESCO.
Der Vulkan Stromboli auf der gleichnamigen Insel ist der aktivste Vulkan der Welt. Im Abstand von wenigen Minuten ereignen sich im Gipfelkrater kleine Eruptionen, die durch Gasblasen verursacht werden, die nach oben steigen. Touristen können das Spektakel von einem Beobachtungspunkt aus betrachten. Doch ab und an gibt es auch aktivere Phasen und auch größere Ausbrüche. Zurzeit ist der Aussichtspunkt am Gipfel wegen einer aktiveren Phase gesperrt. © Imago Robert Francis
Die Raucwolke über dem Stromboli bei der Eruption am 3. Juli 2019
Ab und an gibt es am Stromboli auch schwerere Ausbrüche, wie am 3. Juli 2019. Dabei kam ein Tourist ums Leben, der am Gipfel oberhalb des Kraters den Vulkan beobachtete. Am 11. September 1930 starben drei Inselbewohner durch einen pyroklastischen Strom aus Aschen, Schlacken, Steinen und heißen Gasen. 2002 rutschte bei einer Eruption ein Teil des Gipfels ins Meer, ein Tsunami beschädigte einige Häuser am Ufer, Lavabomben schlugen in den Dörfern ein.  © Mapsism/Facebook
Der Krater des Vullans der Insekl Vulcano
Die Insel Vulcano ist eine Nachbarinsel des Stromboli nördlich von Sizilien. Die Römer glaubten, dass hier der Gott Vulcanus, der Gott des Feuers lebt. Im 5. Jahrhundert v. Chr. hat sich wahrscheinlich ein heftiger Ausbruch ereignet, dessen Donnern in weiten Teilen Siziliens hörbar war. Im 19. Jahrhundert mussten im Krater Sträflinge Schwefel abbauen. Heute ist Vulcano ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen. Am Ufer gibt es heiße Quellen, in einem Mini-Krater kann man baden. © Wikipedia/Geak
Die Explosion des Vulcani im Jahr 1888.
Am 3. August 1888 begann der bislang letzte Ausbruch auf Vulcano mit einer Explosion, der rasch weitere und immer heftigere folgten. Lavabomben schlugen drei Kilometer auf den bewohnten Nordteil der Insel ein. Sie durchschlugen die Dächer der Fabrik- und Wohngebäude und setzten die Schwefelvorräte sowie einige an der Mole liegende Schiffe in Brand. Die wenigen Bewohner von Vulcano hatten sich mit Booten gerettet. Die Sträflinge, die zuvor im Krater Schwefel abbauen mussten, flüchteten in Höhlen. Die Aktivität hielt bis 1890 an. © ResearchGate
Die Insel Ferdinandea in einer zeitgenössischen Darstellung von Camillo de Vito (1790-1835).
Im Sommer 1831 tauchte mitten im Meer 60 Kilometer südlich von Sizilien plötzlich eine Vulkaninsel aus dem Meer auf. Die Insel war der Gipfel eines Unterwasservulkans, der damals ausbrach. Der deutsche Forscher Friedrich Hoffmann benannte sie nach dem sizialinischen König Ferdinand II Ferdinandea. Der britischen Kapitän Senhouse beanspruchte das rund 63 Meter hohe und 800 Meter breite Eiland als Graham Island für das britische Empire. Bis zum Winter verschwand die Insel wieder: Durch die Eruption war die Magmakammer leer und der Krater sackte ab. ©  Camillo De Vito/Wikipedia
Der Solfatara-Krater bei Pozzuoli
Der Super-Vulkan der Phlegräischen Felder bei Neapel brach in vorgeschichtlicher Zeit mindestens der Mal verheerend aus: Bei einem einzigen Ausbruch vor 39 280 Jahren löschten die Feuerströme alles Leben im Umkreis von gut 100 Kilometern aus. Rund 10 000 Quadratkilometer Land (etwa die Fläche Niederbayerns) versanken unter einer bis zu 100 Meter dicken Schicht aus Asche. Der Krater mit einem Durchmesser von 16 Kilometer brach ein. Heiße Quellen und Dampfwolken am Solfatara zeugen noch heute von dem Mega-Ausbruch. © IMAGO/Antonio Balasco
Eruption de Monte Nuovo, Illustration of the eruption of Monte Nuovo in the year 1538 from the 18th century,
Der letzte Ausbruch der Phlegräischen Felder ereignete sich 1538. Hier ein Kupferstich, der den Ausbruch zeigt. Damals erstand aus dem Nichts ein neuer Vulkan westlich der Hafenstadt Pozzuolo, der das Dorf Tripergle, die Villa des römischen Staatsmanns Cicero und antike Bäder verschüttete. Es gab 24 Tote. Es waren Schaulustige, die am Kraterrand bei einer Explosion ums Leben kamen. Die Einheimischen waren durch Erdbeben und den Rückzug des Meeres gewarnt worden. ©  via www.imago-images.de
Der Krater des Monte Nuovo ist aus der Luft am besten als erloschener Vulkan zu erkennen.
Der Monte Nuovo ist ein kleiner Vulkan nahe der Küste bei Pozzuoli. Insgesamt sind die Phlegräischen Felder von rund 40 Vulkankratern übersät, 20 davon sind deutlich erkennbar. Einige sind mit Wasser gefüllt und sind idyllische Seen. Schon in der Antike wurden die heißen Quellen als Thermalbäder genutzt, noch heute kann man in mehreren Thermen sich in vom Vulkanismus erhitzten Wasser erholen. © IMAGO/Pond5 Images

Am 21. Januar wurde mit einer Stärke von 2,6 der bislang stärkste Erdstoß in diesem Jahr registriert. Dieses Mal lag das Epizentrum in der Bucht von Pozzuoli. Einheimische, die gerade mit einer Fähre nach Ischia unterwegs waren, hörten das Beben: „Ich war auf der Fähre, die um 13:30 Uhr von Pozzuoli Richtung Ischia abfuhr. Wir waren gerade direkt über dem Epizentrum, als wir ein Donnern hörten. Wir spürten aber nichts, da wir ja auf dem Wasser waren“, schreibt ein User bei Facebook.

Italiens Supervulkan brodelt: Video zeigt, wie Dampf aus dem Meer aufsteigt

Auch der Boden hebt sich wieder schneller. Der nationale Erdbeben- und Vulkanwarndienst INGV registriert, dass das Hebungstempo wieder zehn Millimeter im Monat beträgt. Seit Januar 2011 stieg das Erdniveau in Pozzuoli insgeamt um 1,15 Meter an. Alleine seit Januar 2023 hob sich die Erde um 18,5 Zentimeter. Mittlerweile liegt der Boden 26,5 Zentimeter höher als bei der letzten Bradyseismoskrise, als Pozzuoli nach einer Erdbebenserie und eines drohenden Ausbruchs evakuiert wurde.

Wie weit die Krise jetzt gediehen ist? Ein Video von Einheimischen zeigt, wie am Ufer bei Pozzuoli Dampf aus einer Spalte zieht. Die Stelle lag vor wenigen Monaten noch unter Wasser, jetzt befindet sie sich am Rand. Ob die Beben nur auf von Magma in großer Tiefe erhitztes Wasser zurückzuführen sind oder sich Lava allmählich der Erdoberfläche nähert, ist bei Wissenschaftlern umstritten. Beides kann neben heftigen Erdbeben auch zu explosiven Ausbrüchen führen.

Das nationale INGV-Institut zieht jedoch seine Konsequenzen und zieht das Vesuv-Observatorium, das für den Erdbeben- und Vulkanwarndienst am Vesuv, in den Phlegräischen Feldern und auf der Insel Ischia zuständig ist, ab. Der aktuelle Standort des Instituts befindet sich im Westen von Neapel im Stadtteil Fuorigrotta. Der liegt in der „Roten Zone“ - also dem Gebiet, das direkt von einem Ausbruch der Phlegräischen Felder bedroht wäre und im Notfall evakuiert würde. Dieser Tage wurde vom INGV eine Ausschreibung veröffentlicht, in der eine neue Immobile außerhalb des Gefahrenbereichs gesucht wird.

Wissenschaftler ziehen mit ihrem Institut aus dem Gefahrenbereich in Neapel weg

Carlo Doglioni, Präsident der INGV, erklärt auf vesuviolive.it: „In Neapel ist die rote Zone so groß, dass es schwierig ist, einen Ort zu finden, der im Falle eines Ausbruchs der Phlegräischen Felder keine Auswirkungen hätte.“ Die Suche wird dadurch erschwert, dass der Osten Neapels wiederum in der roten und gelben Gefahrenzone des Vesuv-Vulkans liegt. Die Standortsuche hat laut Doglioni auch wirtschaftliche und logistische Gründe.

Wissenschaftler des INGV überwachen die Bildschirme im Vesuv-Observatorium.

Da vom Vesuv-Observatorium aus im Falle eines Ausbruchs oder eines heftigen Erdbebens die Evakuierung von Pozzuoli und Umgebung koordiniert würde, wäre dies unmöglich, wenn das Gebäude selbst von den Naturgewalten betroffen wäre. Doglioni: „Es ist klar, dass die Wahl auf ein Gebäude in einem Gebiet fallen muss, das weit vom vulkanischen Risiko entfernt ist, denn wir sollten über Jahrzehnte oder Jahrhunderte hinweg eine effiziente Struktur haben, auch wenn wir von einer Überwachungsstufe zur nächsten wechseln“.  Bereits 2012 wurde die Alarmstufe für die Phlegräischen Felder von grün auf gelb hochgestuft.

Zuletzt hatte der Ausbruch eines Vulkans im isländischen Grindavik für Schlagzeilen gesorgt. Ein weiterer Ausbruch des Marapi in Indonesien forderte mehrere Todesopfer. Auch der Ätna auf Sizilien sorgte für ein nächtliches Schauspiel.

Kommentare