Corona-Recherche aufgedeckt: BND früh von Labor-Theorie überzeugt
VonMarcus Giebel
schließen
Die Herkunft von SARS-CoV-2 hat die Welt in Atem gehalten. Der BND scheint frühzeitig eine Verbindung zu einem Labor erkannt zu haben, die lange geheim blieb.
Berlin – Fünf Jahre liegt der erste Lockdown wegen SARS-CoV-2 mittlerweile zurück. Passend dazu wird von vielen Seiten wieder lautstärker eine Aufklärung über die Corona-Politik gefordert. Inklusive der Frage, ob die einschneidenden Maßnahmen, die über Wochen und Monate anhielten, mit dem Wissen von heute überhaupt gerechtfertigt waren. Ein anderes Thema im Zusammenhang mit dem tödlichen Virus wird dagegen kaum noch hinterfragt: der Ursprung der Corona-Variante.
Als wahrscheinlichste Möglichkeiten gelten eine natürliche Entstehung – etwa durch Übertragung auf einem Tiermarkt – oder ein Labor-Unfall. Gerade letzteres wäre höchst heikel, weil es menschliches Versagen implizieren würde. Wie Recherchen der Wochenzeitung Zeit und der Süddeutschen Zeitung zutage fördern, ging allerdings der Bundesnachrichtendienst (BND) schon früh in der Pandemie davon aus, dass eben genau ein solcher Labor-Unfall im chinesischen Wuhan Ausgangspunkt des Unheils war.
Ursprung der Corona-Pandemie: Erkenntnisse des BND seit fünf Jahren unter Verschluss
Unter dem Decknamen „Projekt Saaremaa“, benannt nach einer estnischen Ostseeinsel, stießen die Ermittler demnach auf unveröffentlichte Daten sowie interne Papiere chinesischer Forscher, die in Kombination mit öffentlich bekannten Informationen Rückschlüsse auf die Herkunft des Virus geben. Allein: Veröffentlicht wurden die Einschätzungen des BND bislang nicht. Seit fünf Jahren sollen sie unter Verschluss liegen, als „Geheim“ gestempelt. Die Zeit spricht davon, es handele sich seither um „das wohl bestgehütete Geheimnis in Berlin“.
Dabei sollen die Geheimdienstler, die auch ihre Abteilung Technik und Wissenschaft in die Spur schickten und das Material unter der Leitung eines Virologen analysieren ließen, die Wahrscheinlichkeit der Laborthese mit „80 bis 95 Prozent“ angegeben haben. Doch ein finaler Beweis fehlte ihnen. Womöglich blieb die Politik – zunächst die Große Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel und ab Ende 2021 die Ampel-Koalition unter ihrem Nachfolger Olaf Scholz – deshalb vorsichtig oder misstrauisch.
Eingeweiht waren den Berichten zufolge auf jeden Fall die CDU-Kanzlerin, ihr Parteifreund und Kanzleramtschef Helge Braun sowie der für die Nachrichtendienste zuständige Staatssekretär Johannes Geismann. Äußern wollte sich demnach keiner der drei, Merkel verwies lediglich darauf, die Unterlagen würden im Kanzleramt liegen. Der BND selbst lehnte eine Stellungnahme ab, heißt es weiter.
BND und der Labor-Unfall von Wuhan: Uneinigkeit unter US-Geheimdiensten
Das Merkel-Lager soll jedenfalls skeptisch auf die damaligen Enthüllungen der Geheimdienstler reagiert haben. Offenbar wirkte die falsche Prognose zum Fall von Kabul noch nach, als sich der damalige Außenminister Heiko Maas (SPD) vom schnellen Vorstoß der Taliban in aller Öffentlichkeit überrumpelt zeigte und damit deutsche Fehleinschätzungen offenbarte. Erschwerend kam wohl hinzu, dass sich China und die USA gegenseitig die Schuld beim Corona-Ausbruch in die Schuhe schieben wollten.
Nach der Abwahl von Donald Trump als US-Präsident und der erzwungenen Veröffentlichung der US-Geheimdienst-Erkenntnisse zur Virus-Herkunft unter dessen Nachfolger Joe Biden zeigte sich zudem, dass die These der natürlichen Herkunft weiter verbreitet war. Dieser hingen zu jener Zeit fünf Dienste an, lediglich zwei favorisierten die Theorie des Labor-Unfalls. Die CIA wollte sich nicht festlegen.
Als auch in Berlin der Machtwechsel vollzogen war, weihte BND-Chef Bruno Kahl den neuen Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt (SPD) ein, ist weiter zu lesen. Die Behörde habe neue Erkenntnisse gesammelt und sei zu jenem Zeitpunkt überzeugter denn je gewesen. Ob Scholz direkt informiert wurde, blieb unklar.
Waren offenbar nicht überzeugt von den BND-Ergebnissen: Die damalige Kanzlerin Angela Merkel und ihr Kanzleramtschef Helge Braun sollen frühzeitig von der Labor-Theorie zum Corona-Ausbruch gewusst haben.
BND-Erkenntnisse zur Corona-Pandemie: Expertenrat um Drosten wird offenbar nicht informiert
Zwar soll der BND gebeten worden sein, in aller Diskretion den populären Virologen Christian Drosten einzuweihen. Dies passierte jedoch nicht, „aus einer schwer erklärbaren Mischung aus Geheimniskrämerei des Dienstes, persönlichen Vorbehalten und Misstrauen“, schreibt die Zeit. Somit tagte der von Scholz eingesetzte Corona-Expertenrat zwar regelmäßig, konnte die BND-Theorie jedoch aus Unkenntnis nicht auf den Tisch bringen.
Untätig blieb die Regierung aber keineswegs. Schmidt soll im Mai 2023 bei der US-Geheimdienstkoordinatorin Avril Haines vorgefühlt haben. Die habe ihn jedoch wissen lassen, nach eigener Überprüfung der Labor-These gehe sie davon aus, dass da nichts dran sei. Der Kanzleramtschef soll daraufhin intern argumentiert haben, er könne öffentlich nur vertreten, wovon er inhaltlich überzeugt sei. Die Gefahr einer Blamage sei für zu groß gehalten worden, sowohl für den BND als auch für die Bundesregierung.
Corona-Aufarbeitung: Auch Trump-Rückkehr ins Weiße Haus bringt Bewegung in Bundesregierung
Schließlich durften die Geheimdienstler ihre Erkenntnisse im Dezember 2024 dann doch mit den US-Geheimdiensten und einer zur Geheimhaltung verpflichteten Gruppe von Wissenschaftlern um Drosten und Lars Schade, den Präsidenten des Robert Koch-Instituts (RKI), teilen. Das hatte dem Bericht zufolge zwei Gründe: Eine sich anbahnende neue Bundesregierung sollte nicht auf eine seit Jahren weggeschlossene BND-Bewertung stoßen und der deutsche Geheimdienst hatte seine Schlussfolgerungen mit der CIA geteilt, womit auch Trump als Rückkehrer ins Weiße Haus bald im Bilde wäre.
5 Jahre Corona: 2G auf dem Weihnachtsmarkt und Maske im Riesenrad – Die Pandemie in Bildern
Zwar soll die Bundesregierung nicht davon ausgehen, dass China infolge der Enthüllungen nach so vielen Jahren eine Schuld eingestehen würde. Es sei eher zu befürchten, dass Peking kontere, bestimmte Datenreihen oder Veröffentlichungen seien fehlerhaft. Aber es bestehe die Hoffnung, dass das „Projekt Saaremaa“ dazu beitrage, künftig Labor-Experimente zur Mutation von Viren nur unter strengen Bedingungen zu erlauben.
Denn der BND habe Belege gesammelt, dass die Chinesen bei dieser Manipulation von Viren, um eine frühzeitige Entwicklung von Therapien und Impfstoffen zu ermöglichen, über Grenzen gehen würden. Grundsätzlich sollen Sicherheitsvorkehrungen in Wuhan „überraschend lax“ gehandhabt worden sein, Schlampereien seien weit verbreitet.
Corona-Labor in China unter Beobachtung: Höhere Sicherheitsstandards bei Experimenten an Viren?
Dazu kommt: Chinesische Forscher sollen an Fledertieren die Übertragung von Mers-Coronaviren und verwandten Viren in humane Zellen und Mäuse testen. Die Mers-Viren gelten als noch gefährlicher als die Sars-Coronaviren. Sie sind vor allem auf der arabischen Halbinsel verbreitet und schlummern in Dromedaren. Das RKI listet aus den Jahren 2012, 2013 und 2015 drei Fälle von Virus-Ausbrüchen bei Menschen in Deutschland auf, nur eine der drei Personen überlebte.
Entsprechend scheint es wirklich höchste Zeit zu sein für höhere Sicherheitsstandards in den Laboren. Gerade, wenn die sogenannten „Gain of function“-Experimente auf der Tagesordnung stehen, bei denen die Viren künstlich verändert werden.
Laut der Zeit will das Kanzleramt den Bundestag und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) möglichst bald in das Geheimprojekt des BND einweihen. Ein Extrakt des Stands der Diskussion zwischen dem Geheimdienst und Wissenschaftlern soll ebenfalls veröffentlicht werden. Mit fünf Jahren Anlauf scheint sich also doch noch etwas zu tun. Was die Möglichkeit erhöht, die richtigen Schlüsse aus der Corona-Pandemie zu ziehen. Um einer Wiederholung entgegenzuwirken. (mg)