VonNadja Orthschließen
Stehen Felsstürze, Lawinen und Erdrutsche bald auf der Tagesordnung in den Alpen? Fachleute warnen vor einer neuen Richtung, die das Klima in Europa einschlägt.
München – In den vergangenen Tagen hat eine Serie von Erdrutschen und Felsstürzen die Alpen heimgesucht. In Südtirol, Österreich und der Schweiz krachten teils riesige Felsbrocken auf die Autobahnen. Es kam zu Überschwemmungen, umgestürzten Bäumen und Lawinen in vielen Regionen. Der Geograf und Alpenforscher Prof. Dr. Werner Bätzing erklärt, warum sich Europa auf einen Wandel einstellen muss – und extreme Wetterphänomene häufiger werden könnten.
„Früher haben Menschen die Alpen stabilisiert. Heute zerstören wir sie“, sagte Bätzing im Gespräch mit der Bild am Dienstag. Ein großes Problem sei das wärmere Klima, durch das im Winter häufiger Schnee statt Regen fällt und im Sommer mehr Gletscher und Permafrost tauen. Dabei funktioniere vor allem der Permafrost in den Alpen wie eine Art Kleber und halte die Gesteine in den Bergen zusammen. „Wenn er taut, führt das zu vielen Erdrutschen und Bergstürzen“, so der Geograf.
Alpen von zahlreichen Felsstürzen betroffen – müssen wir uns auf ein neues Europa einstellen?
Das Problem: Wenn der Permafrost großflächig taut, führt das nicht nur auf kurze Sicht zu Vorfällen wie über die Osterfeiertage, sondern verstärkt gleichzeitig die globale Erderwärmung, erklärt Boris Biskaborn vom Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in einem Artikel des Alfred-Wegener-Instituts. „Tauender Dauerfrostboden hat somit nicht nur lokale Auswirkungen, sondern betrifft das Klima und so auch Menschen weltweit.“ Wenn der Permafrost – egal wo auf der Welt – taut, könnten demnach große Mengen Treibhausgas in die Atmosphäre gelangen.
Was ist Permafrost?
„Von Permafrost oder Dauerfrostboden sprechen Forscher, sobald die Temperatur des Bodens in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Jahren unter null Grad Celsius liegt. Der Untergrund kann dabei aus Gestein, Sedimenten oder Erde bestehen und unterschiedlich große Eismengen enthalten.“ Quelle: Alfred-Wegener-Institut
Vorfälle wie Felsstürze oder Lawinen dürfen aber nicht ausschließlich auf den Klimawandel zurückgeführt werden. „Grundsätzlich sind viele kleine und große Felsbewegungen eine normale Erscheinung in den Bergen, sie gehören zumeist zum natürlichen Verwitterungsprozess“, schreibt der Deutsche Alpenverein auf seiner Website. Im Allgäu werde zum Beispiel ein Berg seit Jahren überwacht, nachdem sich immer größere Spalten im Gipfelbereich bilden. Der Berg drohe auseinanderzubrechen, was aber ein natürlicher Vorgang sein kann. „Was in den jüngsten Jahren anders ist: Immer öfter kommt es zu Felsstürzen in Hochgebirgslagen, von denen man dies bisher in dieser Art nicht kannte.“
Weniger Skifahren, weniger Wandern: Experte warnt vor mehr Extremwetterereignissen in den Alpen
Konkret für die Alpenregion bedeutet der Klimawandel mehr Extremwetter-Phänomene wie zum Beispiel tagelangen Starkregen in den vergangenen Tagen. „In der Zeit von 1905 bis 1987 gab es eine Katastrophenlücke im Alpenraum. Doch seitdem hatten wir bspw. zwei Jahrhundertstürme innerhalb weniger Jahre. Je wärmer das Klima wird, desto häufiger und heftiger werden solche Jahrhundertereignisse“, sagte Bätzing der Bild weiter. Der Alpenforscher fordert deshalb neue technische Sicherungen auf den Straßen und in der Infrastruktur, um die Schäden möglichst gering zu halten.
Bätzing rechnet ebenfalls damit, dass sich das Leben und Touristenangebot in den Alpen deutlich dezimieren wird. Skifahren wird nach Einschätzung des Experten deutlich teurer werden und mehr und mehr instabile Wanderwege würden gesperrt. Ereignen sich mehr Felsstürze auf Autobahnen und Landstraßen, wie zuletzt im Schweizer Engadin, bedeute das in Zukunft außerdem hohe Kosten für Reparaturen und zunehmende Probleme im Verkehr durch die Alpen.
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