Tradwife-Trend

„Erschöpfend, berufstätig zu sein“: Gefährliches Phänomen bei jungen Frauen

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Beim Tradwife-Trend inszenieren Frauen die traditionelle Hausfrauenrolle im Internet. Eine Expertin erklärt die Gründe für das Phänomen.

Kochen, Backen, Wäsche waschen, Aufräumen, Putzen, Gärtnern und nebenbei noch die Kinder erziehen – die klassischen „Hausfrauen“-Tätigkeiten können so arbeitsintensiv wie ein Vollzeitjob sein. Wer in den sozialen Netzwerken unterwegs ist, wird dabei vermutlich schon auf Profile von Frauen gestoßen sein, die genau das machen: Sie kümmern sich scheinbar hauptberuflich um Haushalt und Kinder – und inszenieren ihren Lebensstil in ästhetischen Videos und Foto-Beiträgen. Die sogenannten „Tradwives“ (“Traditional Wives“, dt.: traditionelle Hausfrauen) zeigen eine konservative Rollenverteilung zwischen Hetero-Ehepaaren, bei denen der Mann für die Erwerbsarbeit zuständig ist.

Bekannte Beispiele sind Hannah Neeleman (@ballerinafarm), die mit ihrem Mann und den acht Kindern auf einem abgelegenen Hof im US-amerikanischen Utah wohnt. Oder die südafrikanisch-deutsche Influencerin Nara Smith (@naraaziza), die für Videos bekannt ist, in denen sie etwa Cola oder Zahnpasta umständlich selbst herstellt. Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Frauen, die ihr Leben als Hausfrau zeigen. Der Trend zur Rückkehr ins Private, hänge auch mit der schlechten Betreuungsinfrastruktur und der daraus folgenden Mehrfachbelastung zusammen, sagt die Autorin Anne Theiss BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA: „Es ist erschöpfend, berufstätig zu sein, und manche ziehen sich deshalb zurück.“

Der Alltag als Tradwife wird auf Social Media häufig als fröhlich und entspannt dargestellt.

Tradwives seien bislang vor allem ein Phänomen in den sozialen Medien. „Ich sehe die Tradwives nicht als große gesellschaftliche Bewegung, aber sie sind da, vor allem auch wieder unter Jüngeren“, sagt die Autorin. Und: „Man sollte das nicht nur Tradwife-Trend nennen, sondern auch Teilzeit-Trend.“ Der derzeitige Kita-Notstand mit rund 300.000 fehlenden Betreuungsplätzen würde viele Eltern, vor allem Mütter, dazu zwingen, einen Großteil der Care-Arbeit zu übernehmen. Aus Überforderung würden sich einige ganz aus der Erwerbsarbeit zurückziehen.

Expertin: Unsichere weltpolitische Lage verstärkt traditionelle Rollenbilder

Theiss, die das Buch „Rethinking Motherhood“ veröffentlicht hat, erklärt den Tradwife-Trend auch anhand von gesellschaftlichen Geschehnissen: „Man darf den Ukraine-Krieg und die veränderte weltpolitische Lage nicht vergessen. Die Unsicherheit führt dazu, dass Menschen sich zurückziehen und sich wieder an früheren Modellen orientieren.“

Viele Menschen, die heute Eltern seien, würden selbst aus Familien kommen, in denen die Mutter gar nicht oder nur Teilzeit gearbeitet hat. „Das prägt“, sagt Theiss. Diese Prägungen machten es leicht, sich in die Rolle der Hausfrau zurückzuziehen, während der Mann die Rolle des Ernährers übernimmt. Der soziale Druck sei „weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich sinnvoll, besonders, wenn man die Altersarmut unter Frauen betrachtet.“

Tradwives auf Social Media: „Wahnsinnige Scheinheiligkeit“

Ein weiterer Grund dafür, dass konservative Rollenbilder wieder verstärkt in den Fokus geraten sind, sei laut Theiss die Corona-Pandemie: „Es ist oft so, dass Männer, die sich eigentlich als progressiv und liberal sehen, wenn es um das erste Kind geht, doch wieder in traditionelle Rollen zurückfallen.“ Gerade nach Corona sei dies deutlich geworden, als vor allem Frauen unbezahlte Sorgearbeit übernommen hatten. Viele Männer hätten sich wieder auf klassische Rollenmuster besonnen. Doch auch ihnen schade die einseitige Rolle: „Unter älteren Männern ist der Anteil an Depressionen deutlich höher als unter Frauen. Dieses Ernährermodell ist also auch für Männer belastend“, sagt Theiss.

Theiss weist außerdem auf einen Widerspruch zwischen dem realen Leben und der Inszenierung der Tradwife-Influencerinnen hin: Viele von ihnen, die Millionen Follower auf Instagram haben, seien erwerbstätig und verdienten damit Geld. Sie gehen zum Beispiel Kooperationen mit Firmen ein und werben für deren Produkte. „Sich dann als Hausfrau zu inszenieren, das ist eine wahnsinnige Scheinheiligkeit“, sagt Theiss.

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