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Die Erdbebenserie bei Santorini wird zum Problem für den dortigen Tourismus. Ein Forscher enthüllt, dass viele Hotels auf der Insel in Gefahrenzonen stehen.
Santorini – Die Erdbebenserien nahe der griechischen Insel Santorini werden sich dieses Jahr dramatisch auf den Tourismus auf den Kykladen auswirken. Niemand weiß, wie sich die Situation entwickelt, ein starkes Beben mit einem mächtigen Tsunami ist jederzeit möglich, nur kann niemand sagen, wann das passiert. Auch ein Vulkanausbruch wird befürchtet. Auf Santorini selbst gibt es darüber hinaus ein riesiges menschengemachtes Problem: Offenbar wurden hier im großen Stil Hotels an Stellen errichtet, wo die Erdrutschgefahr besonders groß ist. Schon lange leidet die Insel unter Overtourism.
Akis Tselentis, Professor für Seismologie an der Universität von Athen, postet derzeit jeden Tag bei Facebook Neuigkeiten über die Bebenserie bei Santorini. Besonders die Bausünden auf der Insel stoßen ihm sehr sauer auf. „Unter dem Druck der Hotelinteressen kam es auf der Insel zu städtebaulichen Vergehen“, postet Tselentis. „Es wurden Baugenehmigungen in Thira, in Oia und in Alachou erteilt, es wurde auch gebaut, und zwar große Komplexe wie Hotels mit Swimmingpools an der Küste, am Hang, komplett zum Meer hin abfallend, unter den alten Siedlungen, mit falschen Fundamenten!“
Angespannte Lage auf Santorini: Luxushotels drohen in den Vulkankrater abzustürzen
Die zum Teil sehr exklusiven Unterkünfte liegen direkt am oder gar im Steilhang, der bis zu 200 Meter beinahe senkrecht in die Caldera abfällt. Die halbmondförmige Insel ist Teil eines riesigen Kraters, der bei einem gewaltigen Vulkanausbruch vor rund 1850 Jahren entstand. In der Mitte befindet sich ein kleiner aktiver Vulkan, die Insel Nea Kameini. Das Vulkangestein der Caldera ist sehr porös, in den letzten Tagen kam es während der Erdbeben immer wieder zu Erdrutschen, die Behörden ließen zahlreiche Hotels in den gefährdeten Gebieten evakuieren, Swimmingpools mussten geleert werden.
Seit Jahren herrscht ein Bauboom auf der Insel, wo es mittlerweile 80.000 Hotelbetten gibt, und das bei nur etwa 16.000 Einwohnern. Vor allem in der Inselhauptstadt Thira und im Fischerdorf Oia wurde viel gebaut, das sind ausgerechnet die Orte, die bei dem letzten großen Beben 1956 fast völlig zerstört worden waren. Jetzt droht die nächste Katastrophe.
Nach einer Besprechung mit den lokalen Behörden von Santorini war Tselentis perplex: „Als ich gestern die Äußerungen des Präsidenten der Bauingenieure von Santorini hörte, konnte ich meinen Ohren nicht trauen.“ Tselentis berichtet: „Es ist der Stadt nicht möglich, zu überprüfen, ob jemand eine Baugenehmigung bekommen oder eine völlig illegale und statisch anfällige Struktur errichtet hat, wenn keine vorherige Beschwerde vorliegt. Das bedeutet, dass die statische und städtebauliche Korrektheit des Gebietes auf Schlamperei beruht!“
Wissenschaftler wittert Korruption am Bau und ruft nach der Justiz
Ein Team kompetenter staatlicher Statiker und Ingenieure sollte die Akten der umstrittenen Bauten am Caldera-Rand zur Überprüfung nach Athen mitnehmen. Man solle die Aufhebung der Betriebsgenehmigung der gefährdeten Gebäude prüfen.
Der Wissenschaftler wittert offenbar auch Korruption am Bau: „Es ist klar, dass ein Eingreifen der Strafverfolgungsbehörden für die beteiligten privaten und öffentlichen Beamten erforderlich ist.“ Santorini verfüge über mehr Betten pro Quadratmeter als die meisten anderen touristischen Destinationen Griechenlands.
Rocks are falling from cliffs in Santorini following an unusual number of earthquakes, Wednesday in a row. Schools and official institutions have been closed, crowds of tourists and citizens are fleeing the popular island due to the unusual phenomenon pic.twitter.com/cOZRGtIyuA
— GMan (Ґленн) ☘️🇬🇧🇺🇦🇺🇸🇵🇱🇮🇱🍊🌻 (@FAB87F) February 3, 2025
Seit der Öffnung des Militärflughafens auf Santorini für den zivilen Luftverkehr in den 70er Jahren erlebt die Insel einen riesigen Bauboom. „Wir brauchen keine weiteren Hotels oder Mietzimmer“, sagte Inselbürgermeister Nikos Zorzos schon vorigen Sommer gegenüber dem Guardian. „Wenn man die Landschaft zerstört, eine so malerisch wie die unsere, zerstört man den eigentlichen Grund, warum die Menschen überhaupt hierherkommen.“
Bürgermeister warnt: Touristenboom auf Santorini droht das Paradies zu zerstören
Er forderte dringende Maßnahmen, um den Bauboom zu stoppen, der die Zerstörung der Insel vorantreiben könnte. Immer mehr Menschen machen Urlaub in Griechenland. 2024 kamen 3,4 Millionen Menschen auf die Insel.
Der Bauboom, sagt der Bürgermeister, habe bereits vor der Covid-Pandemie seinen „Sättigungspunkt“ erreicht. „Etwa ein Fünftel der südlichen Ägäisinsel ist bereits betoniert“, berichtet die Zeitung. „Aber zum Entsetzen der Umweltschützer erteilten die Behörden in Athen zwischen 2018 und 2022 noch mehr Baugenehmigungen, wodurch die Bebauung auf weiteren 449.579 Quadratmetern Landfläche möglich wurde – etwa 2 Prozent der 76 Quadratkilometer großen Gesamtlandfläche.“
Kreuzfahrt-Touristen überschwemmen Santorini regelmäßig – Einheimische sollen zu Hause bleiben
Neben den Touristen, die per Flugzeug kommen, sorgen Kreuzfahrtschiffe für enorme Besucherzahlen. So verkündete Panos Kavallaris, Gemeindepräsident der Inselhauptstadt Thira, vorigen Sommer auf seinem Facebook-Account quasi einen Lockdown für die Einheimischen. Da mehrere Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig erwartet wurden, warnte der Politiker seine Bürger davor, dass am nächsten Tag 17.000 Touristen die Insel überschwemmen würden. Und er forderte die Einheimischen auf, an diesem Tag möglichst zu Hause zu bleiben und sich „so wenig wie möglich zu bewegen“.
Das griechische Parlament beriet voriges Jahr über einen Baustopp auf Santorini. Und Inselbürgermeister Zoros kündigte voriges Jahr an, ab 2025 eine Obergrenze von 8000 Kreuzfahrtpassagieren pro Tag einzuführen. Die Beben haben schon das ihrige dazu beigetragen: Das erste Kreuzfahrtschiff, das auf Santorini landen wollte, wurde bereits nach Kreta umgeleitet.
Auch in Italien gab es zuletzt mehrere Erdbebenserien und sogar Vulkanausbrüche. In Kroatien ereigneten sich starke Erdbeben. Theorien, wonach es einen Zusammenhang mit einer seltenen Planetenkonstellation gibt, sind umstritten.
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