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Am Mittelmeer jagt ein Erdbeben das andere. In Italien lässt der Vesuv mit drei Erdstößen aufhorchen. Und eine Bebenserie vor Sizilien hat Parallelen zu Santorini.
Neapel/Palermo – Das Mittelmeer wird zurzeit von einer heftigen Erdbebenserie heimgesucht. Die Augen sind vor allem auf Santorin gerichtet, wo man jederzeit mit einem heftigen Erbeben oder sogar einem Vulkanausbruch in dem Urlauberparadies rechnet. Doch auch in Italien sorgen Erdbeben und vulkanische Aktivitäten für Unruhe.
Da sind zum einen die Phlegräischen Felder, der Supervulkan bei Neapel, der seit zwei Jahren durch eine Bebenserie nach der anderen die Sorge vor einem Ausbruch wachsen lässt. Seit dem letzten Schwarmbeben Anfang vorige Woche war es bis Sonntag (9. Februar) hier halbwegs ruhig geblieben, bis es um 10.50 Uhr und 11.04 Uhr zwei Erdstöße der Stärke 0,7 und 1,5 gab. Für die dortigen Verhältnisse kein großes Drama. Dafür meldete sich Sonntag der benachbarte Vesuv auf der anderen Seite von Neapel um 9.02 Uhr und 9.03 Uhr mit zwei Erdstößen der Stärke 2,3 und 2,5 zur Stelle.
Der Vesuv macht jetzt auch mit neuen Erdstößen auf sich aufmerksam
Schon am Freitag hatte es dort um 15.11 Uhr ein Beben der Stärke 2 gegeben. Die Erdstöße fanden unter dem Krater in 700 bis 800 Metern Tiefe statt. Irgendwo im Untergrund gibt es eine Magmakammer, in der sich das Material für den nächsten Ausbruch sammelt. Die letzte Eruption fand 1944 statt, die bekannteste ereignete sich 79 n. Chr., als die Städte Pompeji und Herculaneum und weitere Siedlungen durch einen mächtigen Ausbruch zerstört wurden. Forscher hatten jüngst darauf hingewiesen, dass sowohl die Phlegräischen Felder als auch der Vesuv reif für einen neuen Ausbruch wären.
Am Vesuv sieht das Staatliche Institut für Geophysik und Vulkanologie INGV aber keinen Anlass, sich vor einem unmittelbar bevorstehenden Ausbruch des Vesuv zu fürchten: „Daten aus geodätischen Überwachungsnetzen zeigen keine Verformungen, die auf vulkanische Ursachen zurückzuführen sind. Lediglich die im oberen Teil des Vulkans gelegenen Stationen weisen eine leichte Absenkung auf, die auf Gravitationseffekte, Verdichtungsprozesse des oberflächlichen inkohärenten Materials oder lokale Effekte zurückzuführen ist“, heißt es in einer Mitteilung des INGV.
Seit 2022 ist laut vulkane.net am Vesuv allerdings ein leichter Anstieg der Fumarolentemperaturen von 45 auf gut 50 Grad zu verzeichnen. Schon voriges Jahr hatte eine Bebenserie am Vesuv die Anwohner aufgeschreckt. Zudem wurde die bis zum letzten Jahr anhaltende Bodensenkung einer Messstation am Vulkan gestoppt. Tatsächlich gibt es Zweifel, ob es gelingen würde, im Falle eines Ausbruchs die dicht besiedelte Region rechtzeitig zu evakuieren. Das gilt auch für die Phlegräischen Felder.
Nach Erdstoß und Ausbrüchen an Ätna und Stromboli erschüttert Schwarmbeben Inselparadies vor Sizilien
Erst kürzlich hatte die vulkanische Aktivität auf dem Stromboli vor Sizilien wieder zugenommen, und auch am Ätna auf Sizilien gab es am Samstag einen kleineren Ausbruch. Am Montagnachmittag (10. Februar) kam um 14.19 Uhr auch noch ein relativ heftiger Erdstoß am Ätna der Stärke 3,7 hinzu – ganz nahe der Touristenmetropole Taormina. Berichte über Schäden gab es zunächst keine. In der Toskana ereignete sich zudem eine Erdbebenserie.
Weiter südlich sorgt inmitten der Liparischen Inseln nördlich von Sizilien, auch äolische Inseln genannt, eine weitere Bebenserie für Unruhe. Die sieben bewohnten Inseln des Archipels sind wie das griechische Santorin und seine Nachbarinseln Milos, Kos oder Nysiros vulkanischen Ursprungs. Wegen der brisanten Entstehungsgeschichte wird die nördlich von Sizilien liegende Inselgruppe auch das „italienische Hawaii“ genannt. Vor allem die großen Insel Lipari und das mondäne Panarea sind bei Touristen beliebt, auf der Insel Alicudi haben sich einige deutsche Auswanderer angesiedelt. Die westlichen Inseln Alicudi und Filicudi gelten noch als echte Geheimtipps. Und die beiden liparischen Inseln Vulcano und Stromboli sind noch aktive Vulkane, vor allem letztere ist für ihre feurigen Spektakel bekannt.
Am Freitag schreckte hier um 16.19 Uhr ein Erdbeben zwischen Alicudi und Filicudi in einer Tiefe von etwa 16 Kilometer die Menschen auf. Das Erdbeben der Stärke 4,8 war auf allen Inseln und auch auf Sizilien zu spüren, vor allem in Messina. Die Erdbeben waren auch in Reggio Calabria auf der anderen Seite der Meerenge und bis hin zur Stadt Palermo zu spüren. Die größte Angst herrschte in Messina. Obwohl es weder Schäden noch Verletzte gab, rannten viele Menschen in Panik auf die Straße.
Die Beben dauerten aber an, bis Montagfrüh gab es 27 weitere Erdstöße mit Magnituden zwischen 1,6 und 3,4, doch glücklicherweise wurden bislang keine besonderen Sach- oder Personenschäden gemeldet. Schon im vorigen Jahr hatte es in der Region eine Bebenserie gegeben.
Nahe den neuesten Beben ereignete sich bereits eine der größten Naturkatastrophen der Menschheit
Dass Erdstöße in der Region sehr gefährlich werden können, beweist das Erdbeben von Messina im Jahre 1908, eines der heftigsten Erdbeben in der italienischen Geschichte. Es hatte die Stärke 7,1 und der daraus resultierende Tsunami zerstörte die Städte Messina und Reggio Calabria sowie zahlreiche Dörfer in den jeweiligen Provinzen fast vollständig. In Messina und Reggio Calabria verloren zwischen 72 000 und 110 000 Einwohner ihr Leben. Es war hinsichtlich der Zahl der Opfer die schlimmste Naturkatastrophe in Europa seit Menschengedenken und die größte Naturkatastrophe, die Italien in der Geschichte je heimgesucht hat
Diese Erdbeben, erklärt der Präsident des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie, Carlo Doglioni bei notizie.virgilio.it, werden durch die Annäherung des nördlichen Teils Siziliens an den südlichen Teil des Tyrrhenischen Meeres verursacht. „Die Seismizität der Äolischen Inseln“, erklärt INGV-Forscher Raffaele Azzaro , „hängt mit der Präsenz zweier Verwerfungssysteme zusammen.“
Weiter schreibt Azzaro: „Die Äolischen Inseln sind daher von Erdbeben betroffen, die sich an diesen beiden Verwerfungssystemen ereignen, aber nicht nur das: Sie sind auch Erschütterungen durch seismische Ereignisse aus Sizilien und Kalabrien ausgesetzt.“ Der Geologe Aldo Piombiono hat die neuesten Erdstöße begutachtet und kommt in seinem Blog zu dem Schluss: „Wenn die Daten stimmen, scheint es fast so, als wäre kurz nach dem Hauptereignis eine Verwerfung aktiviert worden.“ Genau dieses Szenario ist auch bei Santorin eingetreten. Ist eine seltene Planetenkonstellation schuld an der derzeitigen Serie von Erdbeben und Vulkanausbrüchen? Wissenschaftler haben dazu verschiedene Meinungen.
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