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Alkohol: ein fester Teil unserer Kultur, aber auch schädlich. Der TV-Arzt Eckart von Hirschhausen enthüllt in einer neuen WDR-Doku alle Risiken und plädiert für strengere Regeln.
Frankfurt – Ein Glas Rotwein am Abend ist gut fürs Herz, ein Schnaps nach dem Essen fördert die Verdauung. Sätze wie diese haben sich über Generationen hinweg gehalten. „Es war lange auch Lehrmeinung, dass ein moderater Alkoholgenuss förderlich sei – ist aber Quatsch“, sagt Eckart von Hirschhausen (57). In der WDR-Dokumentation „Hirschhausen und die Macht des Alkohols“ untersucht der deutsche Arzt und Fernsehmoderator die Auswirkungen von Alkohol auf Gesundheit und Gesellschaft.
Hirschhausen spricht sowohl mit Experten als auch mit Menschen, die von Alkoholabhängigkeit betroffen sind. Er stellt sich gegen die weit verbreitete Annahme, dass ein maßvoller Umgang mit Alkohol risikofrei sei. „Die aktuellen Studien sagen genau das Gegenteil. Nichts zu trinken, ist das allergesündeste. Punkt.“ Am Ende der Dokumentation fordert er sogar drastische Maßnahmen.
Fernseharzt Eckart von Hirschhausen warnt: Alkohol-Konsum ist Verursacher von sieben Arten Krebs
„Alkohol ist die einzige Droge, bei der man sich rechtfertigen muss, wenn man sie nicht konsumieren will“, beginnt Hirschhausen die Dokumentation. Obwohl der Alkoholkonsum in Deutschland leicht zurückgeht und knapp 40 Prozent der unter 24-Jährigen keinen Alkohol trinken, ist er dennoch präsent im Leben vieler: sei es im Kühlschrank, in Bars, in Filmen oder in der Werbung.
Die WDR-Doku hinterfragt auch das Prinzip des Genusstrinkens. Hirschhausen hebt hervor, dass Alkohol sieben verschiedene Krebsarten verursachen kann, „jeder Schluck ist potenziell krebserregend“. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat ihre Empfehlungen im letzten Jahr mit einem Positionspapier aktualisiert. Es gibt keine risikofreie Menge für den Konsum, selbst kleine Mengen können schädlich sein.
Ein bis zwei Gläser Wein oder kleine Flaschen Bier pro Woche gelten als „risikoarm“, während fünf bis sechs alkoholische Getränke als „riskant“ eingestuft werden. Bereits zuvor hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO den Alkoholkonsum unter anderem in Deutschland angeprangert.
Leiter einer Suchtklinik räumt mit Mythos auf: Auch wer gelegentlich trinkt, kann bereits abhängig sein
Viele Menschen beruhigen sich damit, dass sie keine Entzugserscheinungen haben. Die Doku räumt auch mit diesem Mythos auf: „Ich würde sagen, 80 bis 90 Prozent der Alkoholabhängigen in Deutschland haben keine Entzugserscheinungen“, erklärt Prof. Falk Kiefer, ärztlicher Direktor einer Tagesklinik für Suchtkranke in Mannheim. Ein spürbares Entzugssyndrom – „das betrifft nur die Schwerstabhängigen“, fügt er hinzu.
Der Verzicht auf Alkohol fällt vielen schwer, weil dieser das Belohnungssystem im Gehirn beeinflusst. „Alkohol wirkt auf das Belohnungssystem und macht da einen Daumen hoch: das musst du wieder machen“, erklärt der Klinikleiter. Die Doku zeigt, dass Abhängigkeit nicht nur gesundheitliche Folgen hat, sondern auch das Umfeld belastet: Der Partner, der zum Choleriker wird. Das Kind, das unter häuslicher Gewalt leidet. Der Sportler, der zum Opfer einer Trunkenheitsfahrt wird.
„Was wirkt, ist völlig klar“: Hirschhausen stellt klare Forderungen zur Regulierung von Alkoholkonsum
„Erinnern Sie sich noch an Alcopops?“, fragt Hirschhausen. Diese süßen Mischgetränke waren Anfang der 2000er Jahre besonders bei Jugendlichen beliebt. Sie enthielten so viel Zucker und Aromastoffe, dass der Alkohol kaum zu schmecken war. 2004 wurde eine Sondersteuer eingeführt, die sie teurer machte und vom Markt verschwinden ließ – zum Schutz vor den Folgen von Alkoholkonsum.
In vielen Ländern wird dieser streng reguliert. „Alle machen es besser als wir in Deutschland“, kritisiert Hirschhausen. Ein mittlerweile viel diskutiertes Beispiel ist das „Begleitete Trinken“ ab 14 Jahren, das gibt es in keinem anderen Land. „Was wirkt, ist völlig klar“, sagt Eckart von Hirschhausen. „Rauf mit den Steuern, runter mit den Verkaufsstellen. Das Alter kontrollieren, Werbeverbot, Marketingverbot.“
Hirschhausen kritisiert Alkohol-Lobby: Werbebudget 200 Mal größer als bei Gesundheitsbehörde
„In Deutschland passiert genau das Gegenteil“, bemängelt Hirschhausen. Die Alkohol-Lobby habe ein Werbebudget, das 200 Mal größer ist als das der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Und selbst Alcopops stehen wieder in den Regalen: nur nicht mehr mit 5 Prozent Alkohol, sondern mit 10 Prozent. Denn die Sondersteuer gilt nur auf Mixgetränke, die darunter liegen. „Sowas kann man sich nicht ausdenken, ist aber wahr“, kommentiert der Mediziner.
Auch versteckter Alkohol in gewöhnlichen Nahrungsmitteln kann, besonders etwa für Schwangere, zum Risiko werden. Beunruhigend sind zudem neue Zahlen, die auf ein Rekordhoch der Alkohol-Fehltage in Deutschland hinweisen. (smk)
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