VonJana Stäbenerschließen
Israel ist im Krieg, die Bodenoffensive steht kurz bevor. Doch Esther lebt weiter in dem Land, ihr Mann ist in die Armee eingezogen worden. Wie hält sie das aus?
Der Nahost-Konflikt (über den du folgende fünf Begriffe kennen solltest) dauert an: Israel ist im Kampf gegen die islamistischen Hamas-Terroristen im Gazastreifen bereit zur Bodenoffensive und treibt zugleich die Bemühungen um Freilassung der etwa 220 Geiseln voran. Wie Israels Regierung in der Nacht zum 24. Oktober 2023 bestätigte, ließ die Hamas zwei ältere Frauen frei. Unklar ist, ob es mehr als zwei Wochen nach Kriegsbeginn zu einer begrenzten Feuerpause für Hilfslieferungen in den Gazastreifen kommt.
In den sozialen Medien tauchen immer wieder Videos des Israel-Kriegs auf – einige davon sind irreführend oder falsch (hier fünf Tipps, wie du mit Fake-News zum Krieg in Israel umgehst). Eine Person, die sich von Social Media bewusst fernhält, ist Esther. „Wenn man da reinguckt, dann verliert man ja eigentlich alles Positive, was man sich hier noch so zusammenhalten kann“, sagt Esther* zu BuzzFeed News Deutschland von Ippen.Media. Sie ist vor gut einem Jahr zu ihrem Ehemann nach Israel gezogen und lebt heute in Tel Aviv.
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Israel-Krieg: So lebt es sich aktuell in Tel Aviv
Esther spürt den Krieg in der Israel-Metropole am Mittelmeer nicht direkt. Weit genug scheint Tel Aviv von den Krisenherden entfernt, vor allem vom Gazastreifen. Zusätzlich schützt sie das Raketenabwehrsystem namens „Iron Dome“, das besonders über dicht besiedelten Gebieten zum Einsatz kommt und Raketen in der Luft abfängt. Wie das klingt, weiß jeder Mensch in Israel – denn die Bevölkerung lebt dort unter ständigem Raketenbeschuss.
Nur am 7. Oktober 2023, da war es das erste Mal ein anderes Gefühl, in den Bunker (in Israel auch Shelter genannt) des Mehrfamilienhauses zu laufen, erzählt Esther BuzzFeed News Deutschland. Es war früh am Morgen und die Alarme rissen die Bewohner aus dem Schlaf. Die Einschläge waren lauter, klangen nicht wie sonst so weit entfernt. Und dann die schreckliche Nachricht, dass die Hamas im Süden von Israel tausende Personen umgebracht oder entführt haben.
„Man merkt halt schon, dass man in so einer konstanten Anspannung irgendwie ist“
In den Tagen direkt nach dem Angriff war fünfmal täglich Alarm. Eine Woche nach dem Angriff ist es besser. Trotzdem warnt sie uns im Interview, dass es sein kann, dass eine Sirene losgeht (was glücklicherweise nicht passiert). „Man merkt halt schon, dass man in so einer konstanten Anspannung irgendwie ist: Halt wirklich in Alarmbereitschaft. Also literally“, sagt Esther. „Und ich merke auch, dass ich total sensibel für Geräusche bin.“
Esther kennt keine der Geiseln, die die Hamas entführt haben. Trotzdem wird ihr schlecht, wenn sie daran denkt, dass sie und ihr Ehemann auch schon oft mit dem Gedanken gespielt haben, ein Musik-Festival (nicht das, das von den Hamas überfallen wurde) im Süden Israels zu besuchen. Inzwischen ist dieser Gedanke unvorstellbar. Ihr Mann wurde kurz nach dem Terror-Angriff zur Reserve eingezogen. „Wenn man wie ich aus Deutschland kommt, kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass einem so etwas passieren kann im Leben. Das erinnert einen auf einmal an ganz andere Zeiten“, sagt Esther.
Als der Anruf kam, dass ihr Mann eingezogen wird, habe er direkt gefragt, ob sie nicht nach Deutschland zurückwolle. „Da bin ich irgendwie komplett zusammengeklappt und habe gesagt, ‚Nee, ich will auf keinen Fall gehen!‘. Sie könne sich nicht vorstellen, von ihm getrennt zu sein, selbst wenn er derzeit nicht mit ihr in einer Wohnung lebt, sondern bei der Armee ist. „Das würde sich irgendwie nicht richtig anfühlen“, findet sie. Wenn sich die Situation in Tel Aviv verschlimmert, könne es natürlich sein, dass sie diese Entscheidung überdenke.
Krieg in Israel
Terroristen im Auftrag der im Gazastreifen herrschenden Hamas hatten am 7. Oktober in Israel ein Massaker unter Zivilisten angerichtet. Mehr als 1400 Menschen kamen dabei und in den folgenden Tagen ums Leben. Mindestens 222 weitere wurden laut Israels Armee gewaltsam in den Gazastreifen verschleppt, darunter mehrere Deutsche. Seither bombardiert Israels Armee Ziele im Gazastreifen und bereitet eine Bodenoffensive in dem abgeriegelten Küstengebiet vor. Mehrere Einheiten trainieren laut Angaben der Armee derzeit dafür.
Mehr als rund eine Million Bewohner des nördlichen Gazastreifens sind in den südlichen Teil geflohen. Israels Armee hatte dazu aufgerufen, um zivile Opfer bei einer Ausweitung der Kämpfe zu vermeiden. Nach jüngsten Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums im Gazastreifen starben bisher 4137 Menschen im Gazastreifen. Menschenrechtsorganisationen liefern zwei Wochen nach Kriegsbeginn erste Hilfslieferungen in das Kriegsgebiet.
Fehlalarm in Tel Aviv: „Das war schon sehr, sehr scary“
„Die Angst, die für uns hier am größten aktuell ist, dass die Hisbollah in den Krieg einsteigen sollte im Norden“, sagt die junge Frau aus Tel Aviv BuzzFeed News Deutschland. „Einmal gab es eine Meldung, dass alle Leute in den nördlichen Gebieten sofort in die Shelter sollten und überall war Alarm. Dann stellte sich eine halbe Stunde später heraus, dass es ein Fehlalarm war. Das war schon sehr, sehr scary.“
Sie sei in Tel Aviv sehr privilegiert und befinde sich aktuell in der sichersten Region des Landes. Trotzdem schicke die Hamas jeden Tag mehrere Raketen, um die Bevölkerung konstant zu verunsichern, erzählt Esther. Es gebe eine klare Empfehlung, sich immer in der Nähe von Schutzräumen aufzuhalten. Nur zum Einkaufen oder kurze Spaziergänge in einem Park mit Bunker (in Israel Shelter genannt) verlässt Esther ihre Wohnung. Das Technologieunternehmen, bei dem sie arbeitet, ermöglicht ihr, im Home-Office zu bleiben.
„Es ist abgefahren, dass man so jeden Tag ungefähr zehn Mood Swings hat. Es ist so komisch, morgens fühlt man sich irgendwie gut, dann mittags ist man besorgt und nachmittags ist man wieder irgendwie anders drauf“, sagt Esther. „Selbst in dieser absolut kranken Situation, wo jeden Tag immer noch schlimmere Horrornachrichten kommen, die man gar nicht fassen kann, macht man weiter.“ Sie könne nicht für andere sprechen, aber irgendwie schaffe sie es, damit umzugehen. „Die Israelis sind da natürlich anderes gewohnt. Aber auch die sagen mir, das, was jetzt passiert, ist so krass anders als alles, was sie je zuvor erlebt haben.“
Israel-Krieg: Was in Deutschland passiert, „tut schon ganz schön weh“
Dass in Deutschland überall Palästina-Flaggen (wie an dieser deutschen Universität) auftauchen und Antisemitismus aufgrund des Israel-Krieges zunimmt, verletzt Esther – obwohl sie keine Jüdin ist. „Das tut schon ganz schön weh.“ Sie habe viel Verständnis für Menschen, die sich auch für die Lage der palästinensischen Zivilbevölkerung einsetzen. „Auch ich finde, die Lage der Palästinenser ist absolut furchtbar. Aber dass man da komplett ausblendet, was den Krieg ausgelöst hat. Das verstehe ich nicht.“
Kurz nach der Terror-Tat der Hamas habe Israel sehr viel Solidarität bekommen. Dann habe Israel reagiert und mittlerweile fühle es sich an, als sei die Stimmung komplett gekippt. „Diese Gegenschläge Israels lösen natürlich auch furchtbares Leid aus. Aber ich finde, man darf nicht vergessen, dass die Hamas die Seite ist, die ihre eigenen Raketen so positioniert, dass sie von Zivilbevölkerung umgeben sind. Die Hamas versucht aktiv, die Zivilbevölkerung als menschlichen Schutzschilde zu haben. Dass da Leute das nicht abwägen können, das finde ich schwierig.“
Sie betont, wie verstrickt der Nahostkonflikt sei (der aktuell an Schulen ein wichtiges Thema ist). „Jedes unschuldige Menschenleben, was in diesem Konflikt genommen wird, ist eins zu viel und furchtbar, das ist überhaupt keine Frage“, sagt Esther BuzzFeed News Deutschland. Trotzdem: „Nur, weil man das Leid der einen Seite mehr sehen kann oder sehr stark sieht, darf man sich nicht weigern, auch das Leid der anderen Seite zu sehen. Dass man seine Menschlichkeit irgendwie nicht selektiv auf eine Seite schiebt und vor allem anderen die Augen verschließt, so schwer das auch sein mag.“
Mehr zum Thema: Warum ich mich für Deutschlands Rolle im Israel-Krieg schäme
*Anmerkung der Redaktion: Esther möchte nur mit ihrem Vornamen genannt werden. Ihr ganzer Name ist der Redaktion bekannt. In einer früheren Version haben wir geschrieben, Esther wurde vom Alarm am 7. Oktober mitten in der Nacht geweckt. Nach einem Hinweis, dass es am frühen Morgen war, haben wir die entsprechende Stelle korrigiert.
(Mit Material der dpa)
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