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Die malerische Insel Capri in Italien versinkt in Besuchern: In der gleichnamigen Hauptstadt plant der Bürgermeister, die Anzahl der Fährankünfte zu reduzieren.
Capri – Die Blaue Grotte, die beiden Faraglioni-Felsen vor der Steilküste, kleine Buchten und Luxusvillen aus vergangenen Jahrhunderten sorgten dafür, dass auf Capri im Süden Italiens der Tourismus quasi erfunden wurde. Schon die Schönen, Mächtigen und Reichen des alten Roms hatten hier ihre Landhäuser.
Doch das viel besungene Inselparadies hat zu viele Liebhaber: Am Wochenende erst strömten alleine am Samstag (19. Oktober) 31.000 Besucher auf die Insel – und dabei ist längst Nachsaison, das Wetter derzeit schlecht. Auf Capri selbst leben aber nur rund 15.000 Menschen. Die Zuwachsraten der Gäste sind seit Jahren enorm. Capris Bürgermeister Paolo Falco zufolge kamen vor 25 Jahren durchschnittlich nur 200 bis 300 Ausflügler pro Tag auf die Insel, heute seien es 3000 bis 4000 Gäste.
Zahl der Urlauber auf italienischer Insel hat sich in 25 Jahren mehr als verzehnfacht
Einer Studie des Florenzer Professors Antonio Preiti mit dem Titel „Overtourism und Eindämmungsstrategien: der Fall Capri“ zufolge verzeichnete die Insel von 2013 bis 2023 trotz Corona einen Anstieg der Ankünfte um 24 Prozent, in Zahlen ist das ein Zuwachs von 2,06 Millionen Gästen auf 2,7 Millionen. Die Gemeinde Capri ist der Touristenort mit der höchsten Touristendichte Italiens: 1200 Personen pro Quadratkilometer in der Hochsaison. „Diese Zahl übersteigt den Richtwert von 1000 Touristen pro Quadratkilometer, ein kritischer Punkt für viele Reiseziele“, so Bürgermeister Falco zum Corriere de la Sera.
Die Folgen: Einheimische klagen in der Hochsaison über die höheren Preise, italienische Touristen könnten sich einen Ausflug nach Capri oft gar nicht leisten. Falco: „Wir dokumentieren alles und sind zu dem mathematischen Schluss gekommen, dass wir uns jenseits der Grenzen befinden und einem solchen Andrang nicht mehr standhalten können.“ Falco weiter: „Logistikdienste, Transport, örtliche Gesundheitsbehörden, Stadtpolizei und Strafverfolgungsbehörden geben ihr Bestes, aber sie reichen für ein solches Gedränge nicht aus.“
Bürgermeister des Hafenortes Capri fordert Halbierung der Gästeankünfte
Jetzt fordert der Bürgermeister die Halbierung der Anlandungen von Tagestouristen, die mit Booten und Fähren ankommen. Derzeit dürfen alle zehn Minuten Anlandungen erfolgen. Der Bürgermeister will das Intervall jetzt auf 20 Minuten erhöhen. Falco fordert ein nationales Gesetz, das den Bürgermeistern der Inseln und Küstengebiete mehr Befugnisse in Tourismusfragen wie dem Anlegen von Booten einräumt. Er rief außerdem die Schifffahrtsgesellschaften auf, den Zeitplan der Fähren zu überprüfen, um die Ankunftszeiten der Touristen auf Capri besser zu verteilen und so einen zu starken Besucherandrang zu vermeiden. „Wir müssen die Touristenströme besser regeln, damit die Besucher die Schönheit unserer Insel in vollen Zügen genießen können“, so der Bürgermeister.
Falco attackiert die „unlauteren Praktiken einiger Reedereien“, die Touristen Tagesausflüge mit kurzen Besuchszeiten zu hohen Kosten verkauften: „Es gibt Touristen, die zahlen bis zu 300 Euro für rund zwei Stunden Besuch.“ Es sei „ein echter Touristenbetrug, Besucher für 90 Minuten auf Capri auszuladen, von denen die Gäste 65 Minuten in der Warteschlange für öffentliche Verkehrsmittel stehen“, so der Bürgermeister. Der Trubel ist so groß, dass im Sommer eine Capri-Fähre in Neapel die Kaimauer rammte.
Capris Bürgermeister kritisiert „betrügerische Touristenreedereien“
Ein Besuch der Blauen Grotte sieht mittlerweile so aus: „An manchen Tagen wollen 2000 Leute hinein“, so einer der Bootsleute zum Stern. Höchstens vier Passagiere kann jeder Ruderer pro Fahrt an Bord nehmen, nur bis zu 17 der flachen Boote dürfen gleichzeitig hinein. Gerade vormittags stauen sich die großen Ausflugsboote zu Dutzenden vor dem Eingang der Grotte, jedes besetzt mit 20 oder 30 Passagieren, die alle in eines der Grottenboote umsteigen wollen. „Manchmal vergehen dreieinhalb Stunden, bis die Leute dran sind“, sagte der Ruderer. „Und das in dieser Hitze.“
Heute gilt eine Verordnung aus dem Jahr 1999, als noch 200 bis 300 Menschen täglich auf der Insel landeten, derzeit sind es 3000 bis 4000 heute. Falco: „Die Verordnung muss geändert und der Abstand auf mindestens 20 Minuten erhöht werden“, erklärte er und weist darauf hin, dass „tatsächlich mindestens doppelt so viele Menschen auf die Insel strömen, wie man ertragen könnte.“ Bereits im Juli hatte die Inselgemeinde Capri im Ansinnen, die Touristenströme zu reduzieren, die Anlandegebühr zwischen April und Oktober je Besucher von 2,50 Euro auf fünf Euro verdoppelt. Im Sommer musste wegen einer defekten Wasserleitung sogar kurzzeitig der Touristenverkehr komplett eingestellt werden.
Die italienische Tourismusministerin Daniela Santanchè hat zugesagt, eine Gesprächsrunde einzurichten, bei der über Capris Probleme diskutiert werden soll. Wichtig sei es, die Touristenströme über das ganze Jahr besser zu verteilen. Capri dürfe sich jedoch nicht abschotten, argumentierte die Ministerin. Auch andere Regionen Italiens kämpfen mit Überlastung durch Touristen.
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