Corona-Politik

Lauterbach will 4. Impfung jetzt – doch ist das überhaupt sinnvoll?

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Die Corona-Politik von Karl Lauterbach polarisiert. Dazu zählt auch sein Fordern nach der 4. Impfung mit dem Impfstoff von Biontech. Wie ist die Ausgangslage?

Berlin – Hand aufs Herz: Streben Sie die 4. Impfung gegen das Coronavirus an? Geht es nach Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), sollte genau das jeder Bundesbürger tun, der die Möglichkeit hat. Seine Empfehlung ist jedoch konträr zu der Ansicht der Ständigen Impfkommission (Stiko). Hier wird die 4. Impfung vor allem Risikogruppen nahegelegt. Wäre eine Impfung vor dem drohenden Corona-Herbst in Deutschland überhaupt ratsam? Oder sollte nicht doch besser auf die an Omikron angepassten Vakzine gewartet werden? Fragen über Frage, kreiszeitung.de liefert die Antworten.

4. Impfung gegen das Coronavirus: Für wenn ist die Auffrischung überhaupt empfohlen?

Während also Karl Lauterbach die 4. Impfung nahezu jedem und jeder in Deutschland nahelegt, gestaltet sich die Empfehlung der Stiko deutlich anders. Menschen ab 70 Jahren, Bewohnern und Betreuten in Pflegeeinrichtungen, Personen mit einer Immunschwäche ab fünf Jahren sowie Personal in medizinischen und Pflegeeinrichtungen, insbesondere bei direktem Kontakt zu Patienten und Bewohnern, wird hier die 4. Impfung empfohlen.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) wirbt für die 4. Impfung gegen das Coronavirus. Für nahezu alle Bürger und schon jetzt. Macht das Sinn?

Konkret ist vorgesehen, dass vulnerable Gruppen die 2. Boosterimpfung frühestens nach drei Monaten, das Personal in medizinischen Einrichtungen nach sechs Monaten erhalten soll. Die Empfehlung der Stiko hinsichtlich der 4. Impfung stammt jedoch aus dem Februar 2022. Zeitnah dürfte sie angepasst werden. Vor allem, vor dem Hintergrund der starken Corona-Welle durch die Omikron-Subvariante BA.5 und in Teilen auch Omikron BA.4. Die Empfehlungen sind aber auch nicht bindend. Wer auf die 4. Impfung aus ist, kann dies direkt mit seinem Arzt absprechen.

Karl Lauterbach will 4. Impfung sofort – doch macht das jetzt noch Sinn?

„Vor allem Älteren und Vorerkrankten würde ich raten, sich zügig eine 4. Impfung zu holen“, heißt es von Infektiologe Leif Erik Sander gegenüber Zeit Online. Schließlich kann die 4. Impfung das Risiko für schwere oder sogar tödliche Corona-Verläufe noch einmal reduzieren. Das zeigen vor allem Analysen aus Israel, wo die 4. Impfung schon Anfang 2022 für Menschen ab 60 Jahren angeboten wurde.

Ob die 4. Impfung erst ab 70 oder schon ab 60 Jahren sinnvoll ist, das lässt sich laut Sander nicht so recht sagen: „Generell gilt: Je älter und je höher das Risiko, etwa durch Vorerkrankungen, desto stärker ist der Effekt“. Doch auch schon nach drei Impfungen sei man gut vor einem schweren Verlauf nach einer Corona-Infektion geschützt. Wer sich aber doch noch im Sommer erneut impfen lässt, würde keineswegs die Chance auf einen auf Omikron angepassten Impfstoff verspielen.

Was spricht dafür, mit der 4. Impfung noch zu warten?

Grundsätzlich gilt, dass zwischen zwei Impfungen drei bis sechs Monate liegen sollten. Diese Ansicht vertritt der Immunologe Carsten Watzl. „Zu früh nachimpfen ist nicht gefährlich, mindert wahrscheinlich aber die Wirksamkeit der Impfung“, heißt es in diesem Kontext von ihm gegenüber Zeit Online.

Was sich daraus jedoch ergeben könnte: Wer jetzt seine 4. Impfung vornehmen lässt, kann sich mit dem angepassten Impfstoff im Corona-Herbst vielleicht erst impfen lassen, wenn die Welle schon in vollem Gange oder sogar vorüber ist. Wer bisher also noch hinsichtlich der 4. Impfung gegen das Coronavirus wartet, könnte sich noch so lange gedulden, bis der auf Omikron angepasste Impfstoff zur Verfügung steht. Und damit nicht der Empfehlung von dem auf die Maskenpflicht bestehenden Karl Lauterbach folgen.

4. Impfung auch für jüngere und gesunde Menschen sinnvoll?

Bis dato liegen noch keine Daten vor, dass jüngere Menschen durch eine 4. Impfung seltener schwer an Corona erkranken oder sterben. Der Zusatznutzen der zweiten Auffrischung sei für sie jedoch eher begrenzt, heißt es von Infektiologe Leif Erik Sander. In dieselbe Kerbe schlägt auch Immunologe Carsten Watzl und fügt an: „Aktiv abraten würde ich von einer Impfung trotzdem nicht, wenn sie jemand wünscht“.

Ein Vorteil einer 4. Impfung für Jüngere könnte aber darin liegen, dass ein zumindest zeitweise verbesserter Schutz gegen Infektionen besteht. Eine Studie aus Israel legt das bereits nahe. Der Schutz vor einer Ansteckung soll recht kurzlebig bleiben. Und zwar, weil die Antikörperspiegel nach der Impfung binnen Wochen stark abfallen. Aber auch, weil die nach der bisherigen Impfung gebildeten Antikörper, mitunter auch ein Hoffnungsschimmer im Kampf gegen Corona, sich stärker gegen den Wildtyp richten als gegen Omikron.

4. Impfung auch dann sinnvoll, wenn man bereits Corona hatte?

Zumindest in der Näherung ersetzt eine Infektion auch eine Impfdosis. „Damit haben viele Menschen, vor allem jene, die sich nach drei Impfungen in einer der Omikron-Wellen angesteckt haben, praktisch bereits eine vierte Impfung“, sagt Carsten Watzl. Zudem würde eine Durchbruchsinfektion, die Lauterbach vor allem in Bezug auf Omikron BA.5 fürchtet, ähnlich wie ein Booster wirken, merkt Sander an.

Denn hierdurch würden die Spiegel neutralisierender Antikörper noch einmal deutlich ansteigen. Die Schutzwirkung hänge aber auch davon ab, mit welcher Sublinie man sich jeweils angesteckt hat. „Wer als junger und gesunder Mensch dreimal geimpft ist und sich infiziert hat, braucht jetzt nicht unbedingt eine vierte Impfung“, lautet das Urteil von Sander.

4. Impfung: Wie gut schützen angepasste Impfstoffe – und wann kommen sie überhaupt?

Noch ist nicht genau klar, wie sehr an Omikron angepasste Impfstoffe den Schutz vor Infektion und Krankheit verbessern. Bislang gibt es nur Vorveröffentlichungen und Daten, welche die Impfstoffhersteller Biontech und Moderna den US-amerikanischen Zulassungsbehörden präsentiert haben. Indes meint Sander, dass die Immunantwort durch die auf die Omikron-Variante angepassten Impfstoffe noch einmal verstärkt werden kann.

Das hängt aber auch von der konkreten Zusammensetzung der angepassten Impfstoffe ab. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hatte den Herstellern erst Ende Juni empfohlen, dass die entsprechenden Vakzine sowohl Komponenten des ursprünglichen Virus als auch von Omikron BA.4 und BA.5 beinhalten sollten. Welcher Impfstoff letztendlich in Europa zur Verfügung stehen wird, steht derweil noch in den Sternen. Laut einem Spiegel-Bericht hätte Biontech aber schon bis zu 100 Millionen Dosen eines auf BA.1 zugeschnittenen Impfstoffs eingelagert.

Rubriklistenbild: © Daniel Karmann/dpa/imago/Montage

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