VonJana Stäbenerschließen
Männer haben rund neun Prozent mehr Freizeit als Frauen. Sind Frauen daran „selbst schuld“? Eine Soziologin erklärt, warum diese Frage „verletzend“ ist.
Er geht Rennrad fahren. Oder Motorrad. Er trifft sich zum Zocken mit Kumpels oder geht ins Fitnessstudio, während sie ihren Rückbildungskurs absagt, weil es noch so viel zu tun gibt. Was wie ein Klischee klingt, beschreibt ein Zeit-Journalist selbstkritisch in einem Artikel: Männer nehmen sich mehr Freizeit als Frauen. Das Phänomen wird auch als „Leisure Gap“ (dt. Freizeit-Lücke) bezeichnet.
„Leisure Gap“: Frauen haben rund neun Prozent weniger Freizeit
Der „Leisure Gap“ reiht sich ein in diverse „Gaps“, die Ungleichheiten in unserer Gesellschaft beziffern. Da wäre zum Beispiel der Gender-Care-Gap: Frauen leisten mit durchschnittlich rund 30 Stunden pro Woche 44,3 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer, zeigt eine Zeitverwendungserhebung des Statistischem Bundesamt von 2022.
Mit zusätzlich durchschnittlich 16 Stunden Erwerbsarbeit pro Woche arbeiten Frauen insgesamt 1,5 Stunden mehr als Männer mit ihren 23,5 Stunden im Job. Hier handelt es sich um Durchschnittswerte für Erwachsene jedes Alters, jedes Erwerbs-, Bildungs- und Familienstatus. Mehr Ausgleich durch Hobbys nehmen sich Frauen trotzdem nicht. Mit durchschnittlich 5:55 Stunden Freizeit pro Tag liegen sie 8,7 Prozent unter den 6:26 Stunden der Männer, zeigen die Daten.
Es scheint, als belohnten sich Männer für ihr Plus an Erwerbsarbeit mit extra viel Freizeit. Wieso machen das Frauen nicht für ihr Plus an Sorgearbeit? „Der Leisure Gap zeigt, dass wir in unserer Freizeit Geschlechterrollen nicht einfach ablegen können“, sagt die Soziologin Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA.
Was steckt hinter der ungleichen Verteilung von Freizeit zwischen Frauen und Männern?
Dass sich der Ehemann oder Partner mehr Freizeit nimmt oder mehr „chillt“, kennen viele Frauen. In Gesprächen heißt es manchmal, dass sie „selbst schuld“ seien, weil sie sich weniger aktiv Auszeiten nehmen oder auf Hobbys pochen. Allmendinger sieht das anders. „Ich höre dieses Argument ständig und empfinde es als sehr verletzend“, ja gar als ein „dem Opfer die Schuld geben“, sagt sie.
Für sie hängt die ungleiche Verteilung von Freizeit mit der ungleichen Verteilung von Care-Arbeit und Erwerbsarbeit, also dem Gender-Care-Gap, zusammen. Personen, die in einer Ehe oder Beziehung hauptsächlich für Haushalt, Erziehung oder Pflege verantwortlich seien, hätten einen anderen Bezug zur Freizeit als ihre erwerbstätigen Partner und Partnerinnen. Meist seien dies Mütter.
Sie seien durch ihre längeren Elternzeiten im Vergleich mit Vätern oder ihre Teilzeit-Stellen Hauptbezugspersonen für die Kinder, könnten sich dadurch weniger gut zurückziehen, tragen mehr Mental-Load. „Mütter sind immer im Dienst“, sagt die Expertin für Gleichberechtigung BuzzFeed News Deutschland. Aus diesem Grund könnte die Standardgrußformel „Schönen Feierabend!“ für sie „fast zynisch“ klingen, wenn die Arbeit nach einem Teilzeit-Erwerbsarbeitstag weitergehe.
„Leisure Gap“: Mehr Erwerbsarbeit und mehr Freizeit hängen zusammen
„Wir müssen systematisch darauf hinarbeiten, die bezahlte Erwerbsarbeit und die unbezahlte Sorgearbeit fair zwischen Eltern aufzuteilen. Frauen müssten daher ihre Teilzeit etwas aufstocken, Männer ihre Vollzeit etwas reduzieren“, sagt sie. Ihrer Meinung nach brauche es die Familienstartzeit, die Väter früh an die Pflege ihrer Kinder heranziehe. „Die Partnerschaftsmonate müssen erhöht und das Elterngeld anders berechnet werden“, sagt die Soziologin BuzzFeed News Deutschland.
Neben ausreichend Kitas und Ganztagsschulen und steuerlich voll absetzbarer Haushaltshilfe brauche es „männliche Vorbilder“, die aufgrund der Kinder in Teilzeit arbeiteten. „Andere Länder machen uns das vor. Dort gibt es keine Rabenmütter. Und die geschlechtsspezifischen Lücken in der Erwerbstätigkeit wie in der Freizeit sind wesentlich kleiner.“
Rubriklistenbild: © Zoonar/IMAGO


