VonSophia Sichtermannschließen
Wie sollte man die eigenen Eltern in die Erziehung einbinden, wenn man sie persönlich nicht als gute Eltern erlebt hat?
Für viele junge Eltern sind die eigenen Eltern eine wichtige Stütze. Oft kümmern sich die Großeltern um das Baby, wenn die Eltern keine Zeit haben, sie geben ihren Kindern Ratschläge und werden zu Bezugspersonen, wenn die Enkelkinder älter werden. In den meisten Fällen schätzen Eltern die Entlastung. Doch was, wenn die Großeltern selbst keine guten Eltern waren? Können sie sich für ihre Enkel ändern? Viele junge Eltern treibt diese Frage um, wie sich in einer Diskussion im Online-Forum Reddit zeigt. Dort berichten Eltern von ganz unterschiedlichen Erfahrungen.
„Meine Eltern waren beide eher überfordert mit der Gesamtsituation. Als Großmutter macht meine Mutter jetzt aber einen Superjob“, berichtet ein Nutzer. Sie halte sich an die Regeln der Eltern und sei „supergeduldig und lieb mit dem Kleinen. Alles Dinge, die ich absolut nicht von ihr erwartet hätte.“ Auch eine andere Nutzerin beobachtet eine Wandlung: „Mein Vater war kein sonderlich guter Vater und ist außer seinen üblichen (kleinen) Macken ein super Großvater“.
Doch nicht alle erleben eine positive Entwicklung: „Meine Eltern machen genauso weiter wie bei mir. Sie versuchen, Zuneigung durch Geld zu substituieren“, kommentiert eine Nutzerin. Eine weitere Userin hat sogar den Kontakt zu den Großeltern abgebrochen: „Wir haben es drei Jahre lang versucht. Jetzt gibt es sie nur noch als Erinnerung.“
Expertin: Verletzungen aus der eigenen Kindheit wirken nach
Eltern, die an der Erziehung der Großeltern zweifeln, gibt es mehrere: „Großelternkonflikte sind tatsächlich ein größeres Problem“, sagt die Diplom-Pädagogin Susanne Mierau BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. „Manchmal sagen sie Sätze, die uns sehr belasten und an eigenen Verletzungen rühren oder eine Angst entstehen lassen, dass auch die eigenen Kinder von ihnen verletzt werden“, erklärt die Expertin.
Bei manchen Eltern geht das Vertrauen in die Großeltern verloren – oder es war nie da. Eine Reddit-Nutzerin beschreibt, dass sie ihren Sohn nicht allein bei ihrer Mutter lassen möchte, da diese keine persönlichen Grenzen und Wünsche achten würde: „Alles in mir sträubt sich da massiv.“ Die Pädagogin Mierau erklärt, dass viele Großeltern nicht aus böser Absicht problematisch handelten, aber: „Was wir heute als negative Verhaltensweisen identifizieren können, sind Erziehungsansätze, die sich sehr auf Kontrolle fokussieren.“
Viele Großeltern gehen mit dem gesellschaftlichen Wandel mit
Wie sehen moderne Großeltern ihre eigene Rolle? Für den 67-jährigen Christoph Much, Großvater eines 17 Monate alten Kleinkinds, steht fest: „Ich sehe es als meine Aufgabe als Großvater, wirklich für meinen Enkel da zu sein.“ Als Eltern sei man oft beschäftigt gewesen, „aber jetzt als Großvater kann ich mir die Zeit nehmen und mich ganz darauf konzentrieren“, sagt er BuzzFeed News Deutschland. Much hat sich nach einem Artikel über Großeltern bei uns gemeldet. Er beschreibt, dass viele seiner Generation den gesellschaftlichen Wandel verfolgen würden: „Die Großeltern in meinem Umfeld sind mitgewachsen. Sie haben diese neuen Prinzipien drauf und reflektieren, was sie in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben.“
Viele Eltern sind während der Erziehungszeit in der „Rush Hour“ ihres Lebens durch Erwerbsarbeit und andere Verpflichtungen stark eingebunden und belastet. Als Großeltern können sie sich später stärker auf die Familie konzentrieren und auf die Bedürfnisse ihrer Enkel eingehen. Damit das gelingt, sei es hilfreich, wenn Eltern und Großeltern offen ihre Erwartungen kommunizieren, sagt die Familienberaterin und Pädagogin Katarina Hübner BuzzFeed News Deutschland. „Großeltern müssen nicht die Kita ersetzen – aber sie können Beziehungsanker sein“, erklärt sie die Rolle von Großeltern.
Much informiere sich bewusst über Erziehung, „jetzt noch intensiver, seit ich selbst Großvater bin.“ Das wichtigste für ihn sei, dass Kinder ihre Gefühle äußern können. „Sie sollen wissen, dass immer jemand da ist, der sich kümmert. Und wenn Kinder mehrere Bezugspersonen haben, dann gibt ihnen das noch mehr Stabilität“, erklärt der Großvater.
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