Gesundheitsversorgung

Apotheker und Hausärzte warnen: Medikamentenmangel wird länger andauern

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In den Apothekenregalen gibt es derzeit große Lücken: Viele wichtige Medikamente fehlen. Die Politik will die Versorgungslöcher mit schnellen Maßnahmen stopfen, doch laut Apotheken und Ärzten wird der Arzneimittelmangel noch lange bestehen bleiben. Warum „Medikamentenflohmärkte“ trotzdem keine gute Idee sind.

Berlin/Bremen – Viele Medikamente sind in Deutschland zurzeit Mangelware. Einige sind nur noch sehr schwer oder gar nicht mehr zu bekommen, wie zum Beispiel Fiebersäfte, Magensäureblocker, Blutdruckmittel. Der Grund für die Versorgungslücken sind Lieferprobleme bei Medikamenten. Vor allem Arzneien für die Behandlung von Kindern sind betroffenen. Aber auch bei Mitteln für Erwachsene, etwa Krebsmedikamente und Antibiotika, gibt es massive Engpässe. Apotheken müssen derzeit einen hohen Aufwand betreiben, um Alternativen für die verordneten Arzneien zu finden oder selbst Präparate herstellen – was nicht nur teurer ist, sondern auch zeitintensiv.

Hier sind die Regale noch voll. Hausärzte und Apotheker rechnen aber weiterhin mit Medikamentenmangel – für viele Monate.

Medikamentenmangel wird noch länger anhalten, sagen Hausärzte und Apotheker

Hausärzte und Apotheker rechnen damit, dass dieser Zustand noch länger anhalten wird – trotz der von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) angekündigten Gegenmaßnahmen. Der Apothekerverband Nordrhein rechnet damit, dass man noch langfristig mit Lieferschwierigkeiten zu kämpfen haben werde. „Es wird viele Monate dauern, bis die Versorgungssituation besser wird. Wir gehen davon aus, dass die Lieferprobleme auch 2023 anhalten und noch weitere Arzneimittel betroffen sein werden“, sagte Verbandschef Thomas Preis der Rheinischen Post am Mittwoch, dem 21. Dezember 2022.

Die geplanten Gegenmaßnahmen von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) seien nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Auch die stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Nicola Buhlinger-Göpfarth, übte Kritik: „Die jetzt diskutierten Maßnahmen werden in der hausärztlichen Versorgung kurzfristig nur bedingt helfen“, sagte sie der Zeitung.

Neuen Preisregeln wegen Medikamentenmangel: Lieferung nach Deutschland soll wirtschaftlich attraktiver werden

Gegensteuern will die Politik zunächst hauptsächlich mit neuen gesetzlichen Preisregeln für Medikamente. Dadurch soll für Anbieter aus dem Ausland die Lieferung nach Deutschland wirtschaftlich wieder attraktiver werden. Die Pläne sollen im kommenden Jahr umgesetzt werden. Nach Aussage von Lauterbach habe eine jahrzehntelange „Discounterpolitik“ zu der Mangellage in der Arzneimittelversorgung geführt, diesen Zustand könne man jedoch nicht über Nacht zurückdrehen, wie er gegenüber der ARD sagte.

Als erste, schnell wirksame Maßnahme sollen gesetzliche Krankenkassen bei Engpässen einmalig künftig das bis zu 1,5-Fache des bisherigen maximalen Betrags für benötigte Arzneimittel übernehmen können. Längerfristig soll aber auch wieder mehr pharmazeutische Produktion in die EU geholt werden. Bisher war es wegen der Niedrigpreise, zu denen die Krankenkassen verpflichtet waren, für die meisten Hersteller zu teuer, in Europa zu produzieren. Ein Großteil der Arzneien wurde deshalb aus Billiglohnländern bezogen – was zu einem erheblichen Teil zu den lückenhaften Lieferketten geführt hat.

Damit wichtige Medikamente künftig wieder in Europa produziert würden, helfe nur der gesetzliche „Zwang, dass die Krankenkassen dann auch aus Europa kaufen müssen“, erklärte Lauterbach im Gespräch mit dem ZDF. Dazu müsse man die Kassen langfristig von ihrem Sparzwang bei Arzneien befreien. Es sei inakzeptabel, dass man beispielsweise einen Fiebersaft für Kinder in Deutschland nicht mehr bekomme, dieser aber im Ausland verfügbar sei – weil dort mehr dafür bezahlt würde, sagte er zuvor im ARD Morgenmagazin.

Medikamentenmangel: Auch Krebsmedikamente und Antibiotika teilweise nur schwer zu bekommen

Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gibt es derzeit gut 330 Meldungen zu Lieferengpässen von Präparaten, wie die Tagesschau berichtet. Neben den viel diskutierten Kinderarzneimitteln wie Fieber- und Hustensäften sind auch einige Krebsmedikamente und Antibiotika für Erwachsene derzeit nur schwer zu bekommen. Und täglich würden neue Medikamente knapp, warnt Apothekerverbandschef Preis.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sieht einen weiteren Grund für die aktuelle Knappheit darin, dass sich manche Apotheken und Großhändler das Lager zu voll machten und die Arzneien andernorts fehlten, wie die Nachrichtenagentur dpa meldet. Auch die derzeit sehr vielen Atemwegsinfektionen bei Kindern übten zusätzlichen Druck aus, da die Nachfrage dadurch extrem steige.

Medikamentenflohmärkte keine gute Idee: Apotheker gegen trotz Medikamentenmangel auf die Barrikaden

Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, hatte daher am Wochenende vorgeschlagen, dass die Menschen sich in ihrem Umfeld organisieren und gegenseitig mit Medikamenten versorgen sollten, beispielsweise über Medikamente-Flohmärkte in der Nachbarschaft. Wer gesund sei und Medikamente zu Hause habe, solle diese an Kranke abgeben. Davon raten Apotheker aber strikt ab, wie der Spiegel berichtet. Auch bei frei verkäuflichen Medikamenten brauche es Beratung hinsichtlich der Dosierung und möglicher Wechselwirkungen – vor allem bei Kindern, erklärte Gabriele Röscheisen-Pfeifer, Vorstandsmitglied der Apothekerkammer Niedersachsen.

Antibiotika dürften ohnehin nie ohne ärztliche Verordnung eingenommen werden, mahnt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Solche Medikamente sollten daher niemals frei auf Tauschbörsen oder ähnlichem zirkulieren. Zudem könne dann auch nicht mehr sichergestellt werden, ob die Medikamente richtig gelagert werden, was sich auf die Haltbarkeit auswirken könne. Angelaufene Medikamente sollten darüber hinaus grundsätzlich nicht mehr zum Einsatz kommen.  „Das Verfallsdatum ist keine Spielerei“, warnt Jens-Peter Kloppenburg von der Apothekerkammer Niedersachsen.

Krankenhäuser wegen der schweren Infektionswelle am Limit: Zu den Personalengpässen kommt jetzt noch der Medikamentenmangel

Die Versorgungsengpässe bei Arzneimitteln werden auch für die Krankenhäuser zunehmend zum Problem, die wegen der derzeit grassierenden schweren Infektionswelle ohnehin schon vielerorts schon am Limit sind. Derzeit sorgen neben Corona auch andere Atemwegserkrankungen, wie bei Kindern die RS-Viren, für viele schwere Infekte und überlastete Stationen. Dazu kommen Personalengpässe: Fast jeder zehnte Klinikmitarbeiter ist zudem laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft aktuell selbst erkrankt.

 

Rubriklistenbild: © Jan Woitas/dpa

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