Atemwegsinfekte

Virologin hält Infektionswelle durch Immunschuld für „vollkommen unsinnig“

  • schließen

Die heftige Krankheitswelle in Deutschland hat laut der Virologin Eckerle nichts mit einem mangelnden Immunschutz durch die Maskenpflicht zu tun. Kleinkinder, die es derzeit besonders häufig trifft, hätten ohnehin nie eine Maske getragen, sagt sie.

Bremen – Es ist eine ungewöhnlich heftige Krankheitswelle, die derzeit durch Deutschland rollt. Nach Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) leiden Mitte Dezember rund elf Prozent der Deutschen unter einem akuten Atemwegsinfekt – also etwas mehr als jede oder jeder Zehnte schnieft, hustet oder fiebert im Moment. Dabei stellt das Coronavirus überraschenderweise einmal das kleinste Problem dar, zumindest zahlenmäßig. Dennoch sind die Kliniken wegen der vielen schweren Atemwegserkrankungen, die vor allem auch Kleinkinder treffen, vielerorts am Limit. Planbare OPs müssen daher teilweise verschoben oder sogar ganz abgesagt werden, auch in Niedersachsen und Bremen.

Krankheitswelle in Deutschland: Von einer Immunschuld zu sprechen, sei „vollkommen unsinnig“

Experten suchen derzeit nach Erklärungen für diese „beispiellose Krankheitswelle“, wie ntv die derzeitige Situation nennt. Und so mancher kommt zu dem Schluss, dass die Corona-Schutzmaßnahmen, allen voran die Maskenpflicht, Schuld daran sind, dass die Zahl der Atemwegsinfekte derzeit so explodiert, und sprechen von einer sogenannten „Immunschuld“. Andere wiederum halten diese Annahme für „vollkommen unsinnig“.

Die meisten Erkrankungen in der derzeitigen Infektionswelle gehen mit 55 Prozent auf das Influenzavirus zurück

Die Gründe für die vielen Infekte sind also zurzeit noch unklar. Bereits gesichert ist hingegen, dass viele Menschen erkrankt sind. Der größte Anteil der akuten Atemwegserkrankungen fällt dabei laut der jüngsten Stichprobe des RKI mit 55 Prozent auf das Influenzavirus zurück, rund 18 Prozent wurden durch respiratorische Synzytialviren, kurz RSV, verursacht und weitere sieben Prozent durch Rhino- oder „Schnupfenviren“. Das Schlusslicht bilden Coronaviren vom Typ Sars-Covid-2-Virus mit einem Anteil von aktuell drei Prozent.

Von einem „Viren-Tsunami“ spricht die Bild angesichts der grassierenden – und von vielen Fachleuten vorhergesagten – sogenannten „Triple-Welle“ aus Grippe, RS und Corona, und fragt nach dem Zusammenhang mit Corona-Schutzmaßnahmen wie der Maske. Laut Epidemiologen Klaus Stöhr sei die jetzige Lage durchaus darauf zurückzuführen, dass sich unvermeidbare Infektionen nun ballten, wie er der Zeitung erklärt. Die Maskenpflicht habe unvermeidbare Ansteckungen mit Viren wie RS oder Influenza nur verschoben, aber nicht verhindert.

Krankheitswelle in Deutschland: Wegen der Pandemie habe man es mit einem „Nachholeffekt“ bei den Atemwegserkrankungen zu tun

Ähnlich hatte sich auch Virologe Alexander Kekulé geäußert: Von einem „Nachholeffekt“ sprach der Experte in seinem Corona-Podcast im Mitteldeutschen Rundfunk (mdr) und erklärt, dass die Menschen in den Pandemie-Jahren weniger mit Krankheitserregern in Kontakt gekommen seien und dadurch ihr Immunschutz entsprechend weniger stark ausgeprägt sei. Auch der Kinderärzte-Chef Thomas Fischbach hält Corona-Schutzmaßnahmen wie Kontaktverbote, Masken und Kita-Schließungen für mitverantwortlich für den derzeitigen Ausbruch an RSV-Infekten bei Kindern, wie er der Bild sagte. Die Ansteckungen, die sonst 80 Prozent der Kinder in den ersten zwei Lebensjahren treffen würden, seien dadurch ausgeblieben.

Virologin Eckerle hält es für „vollkommen unsinnig“, dass die Maskenpflicht für die Welle an Atemwegsinfekten gesorgt habe

Diese weit verbreitete Ansicht hält die Virologin Isabella Eckerle dagegen für „vollkommen unsinnig“, wie sie auf Twitter schreibt. „In den letzten drei Jahren war jedes Immunsystem mit alledem konfrontiert: Antigene aus Nahrungsmitteln, aus der Umwelt (z.B. Bakterien, Pilze), Herpesviren, unbehüllte RNA-Viren (z.B. Rhinoviren, Adenoviren), apathogene Viren, Pollen, Pflanzenstoffe, Antigene von Haustieren usw.“, schreibt die Expertin weiter und betont, dass viele Kinder, die jetzt krank sind, aufgrund ihres Alters nie eine Maske getragen hätten. Kinder unter sechs Jahren sind nämlich meist ohnehin von der Maskenpflicht ausgenommen und Schulen und Kindertagesstätten sind auch schon lange wieder regulär geöffnet.

Die Maskenpflicht sei laut Virologin Eckerle nicht verantwortlich für die vielen Atemwegsinfekte. Die meisten Kinder hätten ohnehin keine tragen müssen.

„Die Vorstellung, dass das Tragen von Masken außerhalb des eigenen Haushaltes (selbst wenn dies einige Stunden am Tag war) zu einem ‚zu wenig‘ an Immunstimulation geführt habe, ist vollkommen unsinnig“, führt sie aus. Niemand sei immunsupprimiert, weil es in den zweieinhalb letzten Jahren temporär Infektionsschutzmaßnahmen gegeben habe. Diese Art der Immunsuppression gebe es gar nicht und sei biologisch auch nicht plausibel.

Virologin erklärt: In den letzten Jahren waren alle Immunsysteme – trotz Corona-Schutzmaßnahmen – mit allen Arten von Erregern konfrontiert

Sie räumt allerdings ein, dass es für einige Viren – hauptsächlich „behüllte Atemwegsviren“, wie sie schreibt – durch die Schutzmaßnahmen weniger Zirkulation gegeben habe. Deshalb würden jetzt innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums viele Menschen gleichzeitig erkranken. Aber dafür seien nicht einzelne Maßnahmen wie die Maskenpflicht verantwortlich. Auch aktuelle Zahlen aus Schweden stützen diese Argumentation. Denn dort waren Schulen nie geschlossen und es waren auch nie Masken für Kinder vorgesehen. Die RSV-Fälle würden sich aber auch dort gerade massiv häufen, was eher für eine vermehrte globale Zirkulation bestimmter Erreger spreche, wie sie erklärt.

Darüber hinaus seien beispielsweise Schwangere durch Kontaktreduktion etc. weniger oft mit dem RS-Virus in Kontakt gekommen. Nach einer überstandenen RSV-Infektion geben sie über die Plazenta Antikörper an das Ungeborene weiter, sodass die Babys nach der Geburt für eine gewisse Zeit über einen Immunschutz gegen die Krankheit verfügen. Das ist besonders wichtig, da RSV gerade bei Säuglingen für schwere Verläufe sorgen kann, da ihre Lungen noch zu klein sind. Deshalb sollte man mit Babys und Kleinstkindern bei bestimmten Anzeichen wie Atemnot, Apathie oder bläulicher Verfärbung der Haut auch sofort eine Kinderklinik aufsuchen. Sie benötigen dann unter Umständen eine externe Sauerstoffzufuhr.

Virologin rät, weiterhin Maske zu tragen und mit Krankheitssymptomen zu Hause zu bleiben

Virologin Eckerle mahnt wegen der besorgniserregenden Zustände in den überlasteten Kliniken daher zur Vorsicht. Auch wegen des akuten Medikamentenmangels gelte es, Infektionen möglichst zu vermeiden. In Innenräumen sollte man daher auch weiterhin eine Maske tragen, auch wenn die Maskenpflicht vielerorts nicht mehr gilt und teilweise auch im ÖPNV bereits gefallen ist. Außerdem rät sie dazu, mit Krankheitssymptomen unbedingt zu Hause bleiben, um andere zu schützen, sowie Menschenmassen zu meiden – auch wenn das in der Vorweihnachtszeit schwerfiele.

Rubriklistenbild: © Jens Büttner/dpa

Kommentare