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Eine frische Nachtzugoption erweitert die Möglichkeiten, mit dem Schlafwagen durch Europa zu reisen. Nun kann man in 24 Ländern über Nacht reisen.
München/Brüssel – Am Abend in den Zug steigen, sich schlafen legen und morgens in einer völlig anderen Umgebung aufwachen: Reisen mit dem Nachtzug sind voll im Trend. Die Deutsche Bahn stieg aber 2016 aus dem wieder immer beliebter werdenden Nachtzuggeschäft aus. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) sprangen in die Bresche und bedienen jetzt die wachsende Nachfrage mit ihren Nightjets in Kooperation mit den Bahnen der Nachbarstaaten in halb Europa.
Mit dem Schlafwagen quer durch Europa – ÖBB bauen ihr Nachtzug-Angebot ständig weiter aus
Und die ÖBB wollen ihr Nachtzugangebot sogar noch weiter ausbauen: 33 neue Nightjets wurden bestellt. Diese Schlaf- und Liegewagen sind mit Lounge-Sitzen, bequemeren Festbetten, Minikabinen für Alleinreisende und kostenlosem WLAN ausgestattet. Die ersten Nachtzüge im neuen Design verkehren auf den Strecken Hamburg-Wien und Hamburg-München-Innsbruck, weitere Strecken in Österreich, Deutschland und Italien sollen im Laufe des Jahres folgen. EuroNight Züge und Nightjets fahren auch von Berlin über Prag und die slowakische Hauptstadt Bratislava nach Budapest sowie von Berlin über Wien nach Graz.
Ein weiterer Nachtzug verkehrt zwischen der Schweizer Bankenmetropole Zürich, Basel, Frankfurt, Dresden und der tschechischen Hauptstadt Prag. Man kann zudem von Prag über Innsbruck im Schlafwagen nach Zürich fahren. Außerdem fahren von Hamburg Nightjets nach Zürich und Wien. Ab Zürich fährt auch ein Nightjet der ÖBB nach Zagreb.
Jetzt kündigt ein neuer Nachtzugbetreiber eine weitere Strecke an: Ab 5. Februar bedient European Sleeper die Destination zwischen Brüssel-München-Innsbruck-Venedig. Bis Ende März sollen die Züge zweimal wöchentlich fahren. Im belgischen Brüssel startet der Zug um 17 Uhr, in München kommt er um 7 Uhr an, in Venedig um 14 Uhr. Zurück geht es um 15 Uhr, Ankunft in München ist um 22 Uhr, in Brüssel um 11 Uhr. Dort kann in den Eurostar nach London umgestiegen werden.
Neuer Betreiber aus den Niederlanden richtet zweite Nachtzugverbindung ein
Das 2021 gegründete Unternehmen European Sleeper aus Utrecht (Niederlande) betreibt bereits eine Nachtzugverbindung von Brüssel über Amsterdam nach Berlin, Dresden und Prag. „In den Schulferien und der Hochsaison des Wintersports gibt es damit eine nachhaltige und angenehme Reisemöglichkeit in die Alpen sowie zum berühmten Karneval in Venedig“, heißt es in einer Pressemitteilung des Unternehmens. „Wir freuen uns, diese neue Nachtzugverbindung von der Nordsee zum Mittelmeer einzuführen“, kommentiert Chris Engelsman, Mitbegründer von European Sleeper.
Damit wird München immer mehr zum Drehkreuz für den boomenden Nachtzugverkehr in Europa. Derzeit gibt es schon elf Nachtzugverbindungen, die man ab München nutzen kann. Buchungen sind über das Portal der Bahn möglich.
Diese Nachtzüge fahren ab München
Mailand/Genua/La Spezia: Täglich geht es um 20:10 Uhr am Hauptbahnhof los in Norditaliens Metropole und die Hafenstädte an der Riviera. Auch in München-Ost, Rosenheim und Salzburg wird gehalten. Aussteigen kann man schon am Gardasee sowie an den Riviera-Badeorten wie Portofino, Rapallo oder Monterosso. Abfahrt in München um 20:10 Uhr, Ankunft in La Spezia um 11:13 Uhr. Zurück geht es um 16:48 bzw. 17:10 Uhr, Ankunft um 9:22 Uhr.
Rom/Florenz: Ab 11. September (derzeit Baustelle) geht es täglich um 20:10 Uhr von München Hbf los in die Ewige Stadt, Ankunft ist um 11:05 Uhr. Gehalten wird auch in München-Ost, Rosenheim, Salzburg, Bologna sowie Florenz. Die Rückfahrt findet von 17:25 bis 9:22 Uhr statt.
Venedig: Täglich ab München Ost um 23:45 Uhr, Ankunft um 8.34 Uhr. Halte auch in Salzburg und Rosenheim. Zurück geht es um 21:05 Uhr, Ankunft um 5:50 Uhr.
Rijeka: In die kroatische Adriastadt geht es ab 2. September (auch Baustelle) ab München-Ost täglich um 23:54 Uhr bis 11:12 Uhr. Zurück geht es von 18:57 bis 5:50 Uhr.
Zagreb: Ab 1. September geht es täglich um 23:54 Uhr am Ostbahnhof los über Rosenheim, Salzburg und die slowenische Hauptstadt Ljubljana in die kroatische Hauptstadt. Ankunft: 10:39 Uhr. Zurück geht es von 19:38 bis 5:50 Uhr. Der Zug startet und endet in Stuttgart, Halt auch in Augsburg und Ulm.
Budapest: Täglich Abfahrt in München-Ost um 23:54, Ankunft in Ungarns Hauptstadt um 9:59 Uhr. In der Gegenrichtung von 20:40 bis 5:50 Uhr. Zustieg auch in Rosenheim und Salzburg.
Warschau: Abfahrt täglich in München Hbf um 18:35 Uhr, Ankunft in der polnischen Hauptstadt um 9:08 Uhr. In Gegenrichtung Abfahrt um 19:48 Uhr, Ankunft um 10:01 Uhr. Halte auch in Rosenheim und Salzburg sowie Krakau.
Paris: Ab 29. Oktober (Bauarbeiten) geht es an Montag, Mittwoch, Freitag wieder per Nachtzug in Frankreichs Hauptstadt. Abfahrt um 0.12 Uhr in München Ost, Ankunft um 9:38 am Gare de l’Est. Zurück von 19:12 bis 5:43 Uhr. Auch hier Halte in Rosenheim und Salzburg.
Amsterdam: Täglich Abfahrt um 22:36 Uhr in München HBF. Zustieg auch in Innsbruck, Jenbach, Wörgl, Kufstein, Rosenheim, Augsburg, Nürnberg und Würzburg. Ankunft um 9:59 Uhr. Halte auch in Köln, Düsseldorf. Duisburg, Arnheim und Utrecht. Rückfahrt um 19 Uhr, Ankunft in München Hbf um 7:06 Uhr.
Brüssel: Die gleiche Verbindung wie nach Amsterdam, wird in Köln ab- bzw. angekoppelt. Ankunft um 10:27, Abfahrt um 19:06 Uhr.
Hamburg Altona: Täglich Start um 22:50 Uhr in München Hbf, Ankunft um 9:06 Uhr. Zustiege in Tirol und Bayern wie beim NJ nach Amsterdam. Stopps auch in Göttingen und Hannover und Hamburg Hbf. Rückfahrt ab 19:56, Ankunft in München um 7:06 Uhr.
Bequem verreisen im Schlafwagen: Nachtzüge aus Düsseldorf, Hamburg und Berlin
Doch auch aus anderen Städten kann man aus Deutschland, der Schweiz oder Österreich über Nacht in die Ferne reisen: So geht es ab Düsseldorf im Autoreisezug nach Villach oder Innsbruck, oder von Hamburg nach Villach, Innsbruck, München oder Lörrach an der Schweizer bzw. französischen Grenze. Betreiber sind der Urlaubs-Express UEX und der BTE Autoreisezug.
Wer noch weiter weg will: Ab Wien oder Budapest gehts im Nachtzug der rumänischen Bahngesellschaft CFR durch die Karpaten in die Hauptstadt Bukarest. Von Bratislava und Wien aus wird des Weiteren die kroatische Hafenstadt Split mit dem Nachtzug angesteuert. Von Bratislava kann man auch im Schlafwagen in den Osten der Slowakei nach Michalovce fahren. In Polen fahren Nachtzüge zwischen Stettin und Krakau sowie zwischen Danzig und Breslau. Ab Wien fährt sogar ein Nachtzug in die ukrainische Hauptstadt Kiev. Fahrzeit: über 23 Stunden.
Für Freunde der Nordlichter: In Berlin oder Hamburg geht es mit dem Berlin-Night-Express des schwedischen Eisenbahnunternehmens Snälltåget im Schlafwagen über Dänemark nach Stockholm. Von da könnte man im nächsten Nachtzug weiter bis Narvik am Polarkreis in Norwegen fahren, wenn die Strecke nicht seit einer Entgleisung im Februar gesperrt wäre. Dafür geht es von Trondheim im südlichen Mittelnorwegen täglich per Nachtzug ins weit im Norden gelegene Bodø. Und in der finnischen Hauptstadt Helsinki startet der Santa-Claus-Express über Tampere und Oulu nach Kemijärvi nördlich des Polarkreises.
Im Nachtzug bis an die Grenzen Europas reisen
In Großbritannien geht es jeden Abend ab London mit dem Caledonian Sleeper in den schottischen Norden bis Aberdeen, Inverness und Fort William. Edinburgh und Glasgow werden natürlich auch angefahren. Der Night Riviera Sleeper steuert von der Themse aus den Badeort Penzance im äußersten Westen Cornwalls an.
Wer es wärmer mag: In Mailand, Bologna oder Rom kann man täglich den Nachtzug des italienischen Betreibers Trenitalia nach Sizilien (Palermo bzw. Syrakus) oder nach Lecce (Kalabrien) nehmen. Von Paris geht es jeden Abend mit der staatlichen SNCF per Nachtzug in die Pyrenäen bzw. an die spanische Grenze nach Bayonne, Lourdes, Tarbes und Latour-de-Carol-Enveitg oder ans Mittelmeer nach Perpignan, Cerbère, Marseille und Nizza. Auch nach Albi im Languedoc oder Briançon in den Alpen fährt man im Schlafwagen.
Eine der abenteuerlichsten Nachtzugreisen führt durch Schluchten und über Berge von der serbischen Hauptstadt Belgrad an die Küste Montenegros in Bar. Ein weiteres Nachtzugangebot gibt es täglich von der bulgarischen Hauptstadt Sofia in die türkische Metropole Istanbul. Auch von Villach in Kärnten kann man mit dem Autoreisezug OptimaExpress einmal pro Woche in die türkische Stadt Edirne nahe der griechischen und bulgarischen Grenze fahren. Fahrzeit: über 32 Stunden.
Zwei neue Strecken in drei Ländern sind in Sicht - doch in zwei Staaten gibt es Rückschritte
In Zukunft wird es noch mehr Nachtzüge in Europa geben: Auf Hochtouren laufen die Planungs- und Bauarbeiten für eine neue Schnellfahrstrecke von Polen durch das Baltikum, die bis Helsinki verlängert werden soll. Auf ihr sollen Nachtzüge von Berlin über Warschau nach Vilnius und Kaunas (Litauen), Riga (Lettland) bis Talllin (Estland) rollen. Der Zeitpunkt der Inbetriebnahme ist ungewiss.
Doch es gibt auch Rückschritte: In Spanien wurden im Zuge der Coronapandemie die legendären Trenotel-Nachtzüge von Barcelona nach A Coruña im Baskenland oder bis nach Vigo ganz im Westen an der Atlantikküste im Nachtzug eingestellt. Von Madrid ging es nach Pontevedra oder Ferrol nahe Santiago de Compostela. Außerdem konnte man von Madrid oder Irún nahe der französischen Grenze nach Lissabon in Portugal fahren. Nach der Pandemie wurde der Verkehr nicht mehr wieder aufgenommen. Das Verkehrsministerium und der staatliche Bahnbetreiber Renfe argumentierten, die Nachtzüge seien ein kommerzielles Angebot und keine öffentliche Aufgabe seien. Darum müssten sie profitabel sein. Im letzten Jahr seines Betriebes fuhr Trenotel 25 Millionen Euro Verluste ein, da es nicht genügend Nachfrage gab. Der Zug, der in dem Film „Nachtzug nach Lissabon“ bekannt wurde und dort in Bern startet, ist somit Vergangenheit. Umweltschützer kämpfen für eine Rückkehr der Trenotel-Züge.
Immerhin gibt es Bemühungen von European Sleeper - der Genossenschaft, die jetzt von Brüssel aus München mit dem Nachtzug ansteuert - eine Verbindung von Amsterdam nach Barcelona anzubieten. Die ÖBB und die Schweizer SBB hatten 2020 schon geplant, ab 2024 einen Nachtzug von Zürich nach Barcelona rollen zu lassen. Doch das Projekt wäre nur rentabel gewesen, wenn der Schweizer Staat es bezuschusst hätte. Das dafür notwendige CO₂-Gesetz wurde per Volksentscheid allerdings abgelehnt. Mit einigen Nachtzügen kommen Reisende dennoch ans Mittelmeer.
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