„Außergewöhnliche Entdeckung“

Laut italienischer Studie: „Neandertaler-Gene“ begünstigen schweren Corona-Verlauf

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Italien war besonders schwer von der Pandemie betroffen. Eine neue Studie zeigt, was die hohe Infektions- und Sterblichkeitsrate verursachte haben könnte.

Frankfurt – Im Januar 2020 wurde die erste Corona-Infektion in Deutschland bestätigt. Zu Beginn war das Ausmaß für Europa noch nicht abzusehen. Im März erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Ausbreitung des Coronavirus offiziell zu einer Pandemie. Das Coronavirus ist immer noch da und es bleibt gefährlich – eine Impfung ist daher immer noch sinnvoll.

Die norditalienische Region Lombardei war während der ersten Welle der Sars-CoV-2-Infektionen im Frühjahr besonders schwer getroffen und verzeichnete die höchsten Infektions- und Erkrankungszahlen. In Bergamo und insbesondere im nördlich gelegenen Val Seriana kam es zu einer hohen Zahl von Todesfällen durch das Virus. Eine medizinwissenschaftliche Studie des Instituts Mario Negri liefert nun eine mögliche Erklärung, warum es ausgerechnet in diesem Teil Italiens zu so vielen Corona-Todesfällen kommen konnte. Folglich soll es dafür genetische Gründe geben.

Die Provinz Bergamo wurde während der ersten Welle der Sars-CoV-2-Infektionen im Frühjahr 2020 besonders schwer getroffen.

Corona-Virus in Italien: Neue Studie zeigt, dass Neandertaler-Gene eine Infektion begünstigen

Italien war besonders früh von der Pandemie betroffen. Bisher sah man die hohen Infektionszahlen und hohe Sterblichkeitsrate in Italien in der Unterschätzung der pandemischen Lage und das zu späte Handeln der Behörden begründet. Doch nun liefert eine Studie, die am 14. September in Mailand vorgestellt wurde, eine weitere Erklärung. Folglich sollen Gene des Neandertalers, die über Generationen weitervererbt wurden, eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Covid-19 spielen.

„Das Sensationelle ist, dass drei der sechs mit diesem Risiko verbundenen Gene von Neandertalern in die moderne Bevölkerung gelangten, insbesondere aus dem Vindija-Genom, das 50.000 Jahre alt ist und in Kroatien gefunden wurde“, erklärt Giuseppe Remuzzi, Direktor des Instituts Mario Negri. „Früher schützte es vielleicht Neandertaler vor Infektionen, aber jetzt verursacht es eine überschießende Immunreaktion, die uns nicht nur nicht schützt, sondern uns auch schwereren Krankheitsverläufen aussetzt. Weltweit gibt es etwa eine Million Opfer des Neandertaler-Chromosoms und es könnten genau diejenigen sein, die mangels anderer Ursachen an einer genetischen Veranlagung sterben“, so Remuzzi weiter.

Corona in Bergamo und Provinz: Was hat sie Studie untersucht

Das Forschungsteam von Mario Negri analysierte in den letzten zwei Jahren den Zusammenhang zwischen genetischen Faktoren und dem Schweregrad der Covid-19-Erkrankungen in der Provinz Bergamo. Die in der Fachzeitschrift iScience veröffentlicht Studie „Origin“ zeigte, dass eine „bestimmte Region des menschlichen Genoms in erheblichem Maße mit dem Risiko einer Erkrankung an Covid-19 und einer schweren Erkrankung bei Bewohnern der am stärksten von der Pandemie betroffenen Gebiete verbunden sei“.

An der komplexen Bevölkerungsstudie nahmen insgesamt 9.733 Menschen aus Bergamo und seiner Provinz teil und füllten einen Fragebogen zu ihrer klinischen und familiären Vorgeschichte im Zusammenhang mit Covid-19 aus.

  • 92 % der Teilnehmer, die an Covid-19 erkrankt waren, hatten sich vor Mai 2020 infiziert.
  • Von diesen hatten 12 Personen bereits im November bis Dezember 2019 Symptome. 
  • Aus dieser großen Stichprobe wurden 1.200 Personen ausgewählt, die alle aus Bergamo und seiner Provinz stammen.
  • Anhand von bestimmten Merkmalen und Risikofaktoren wurden sie in drei homogene Gruppen eingeteilt: 400, die schwere Symptome hatten, 400, die sich in einer milden Form mit dem Virus infiziert hatten und weitere 400, die sich nicht damit infiziert haben.
  • Quelle: Instituto Mario Negri

Von Pest bis Cholera und Corona: Das waren die schlimmsten Pandemien

Die Attische Seuche (430 bis 426 v. Chr.): Die erste dokumentierte Pandemie der Geschichte entwickelte sich in Äthiopien, bevor sie über Ägypten und Libyen nach Athen kam. Rund 200.000 Einwohner der griechischen Stadt kamen durch die Seuche ums Leben – dabei handelte es sich um knapp ein Drittel der Stadtbewohner.
Die Attische Seuche (430 bis 426 v. Chr.): Die erste dokumentierte Pandemie der Geschichte entwickelte sich in Äthiopien, bevor sie über Ägypten und Libyen nach Athen kam. Rund 200.000 Einwohner der griechischen Stadt kamen durch die Seuche ums Leben – dabei handelte es sich um knapp ein Drittel der Stadtbewohner. © IMAGO
Die Antoninische Pest (165-180)
Die Antoninische Pest (165-180): Die Römer führten viele erfolgreiche Kriege, doch die Antoninische Pest schwächte das Reich erheblich. Schätzungsweise kamen innerhalb von 15 Jahren rund zehn Millionen Menschen ums Leben. Der Auslöser sollen Pocken gewesen sein. © IMAGO/Matthias Oesterle
Der Schwarze Tod (1347-1352)
Der Schwarze Tod (1347-1352): Die Pest galt als der schlimmste Feind im Mittelalter. Zwischen ein Drittel und die Hälfte der damaligen europäischen Bevölkerung kam durch den Schwarzen Tod ums Leben. Die Pandemie trat zunächst in Zentralasien auf und gelangte unter anderem über die Seidenstraße nach Europa. © IMAGO
Die Pocken (18. bis 20. Jh.)
Die Pocken (18. bis 20. Jh.): Friedrich der Große, Johann Wolfgang von Goethe und Wolfgang Amadeus Mozart gehörten zu den unzähligen Menschen, die an Pocken erkrankten. Etwa 500.000 Todesopfer gab es zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert aufgrund der Pocken-Pandemie.  © IMAGO
Cholera (1817-1990)
Cholera (1817-1990): Insgesamt gab es sieben Cholera-Pandemien in der Weltgeschichte. Zu Beginn waren Teile Asiens und Ostafrikas betroffen, später traf es auch Europa. 1892 erwischte es Hamburg schwer, mit 8.600 Toten. © IMAGO
Spanische Grippe (1918-1920)
Spanische Grippe (1918-1920): Weltweit raffte die Spanische Grippe um die 50 Millionen Menschen dahin. Auslöser war ein besonders ansteckendes Virus vom Typ A H1N1. Rund ein Drittel der Weltbevölkerung soll infiziert gewesen sein. © dpa
Asiatische Grippe (1957-1958)
Asiatische Grippe (1957-1958): Die Asiatische Grippe breitete sich von China nach Hongkong, Singapur und Borneo aus und fand ihren Weg anschließend nach Australien, Amerika und Europa. Zwei Jahre lang hielt sie die Welt in Atem. © IMAGO
Hongkong-Grippe (1968-1969)
Hongkong-Grippe (1968-1969): Als Nachläufer der Asiatischen Grippe verbreitete sich auch die Hongkong-Grippe in den späten 1960er Jahren rasend schnell auf der Welt. In Deutschland starben ca. 30.000 Menschen. © IMAGO
AIDS (1981 bis heute)
AIDS (1981 bis heute): Infolge einer HIV-Infektion kommt es bei Menschen mit AIDS zu einer Zerstörung des Immunsystems. Der Höhepunkt der Pandemie ereignete sich in den 2000er Jahren, als zwei Millionen Menschen pro Jahr an dem Virus starben. © IMAGO
SARS (2002 – 2003)
SARS (2002–2003): Die SARS-Pandemie markierte nicht nur die erste Pandemie des 21. Jahrhunderts, sondern auch das erste Auftreten eines SARS-Coronavirus. Betroffen waren vor allem China, Taiwan, Vietnam, Singapur und Kanada. © dpa
Schweinegrippe (2009 – 2010)
Schweinegrippe (2009 – 2010): Verantwortlich für die im Volksmund als Schweinegrippe bezeichnete Pandemie war das Influenza-Virus A/H1N1. In Deutschland gab es 258 Todesfälle. © IMAGO
Ebola (2014 – 2016)
Ebola (2014 – 2016): Der Name des Ebolafiebers geht auf den gleichnamigen Fluss in der Demokratischen Republik Kongo zurück, wo sich 1976 der erste bekannte Ausbruch ereignete. 2014 bis 2016 kam es zu der bislang schwersten Ebola-Epidemie in Westafrika. © IMAGO
Covid-19-Pandemie (seit November 2019)
Covid-19-Pandemie (seit November 2019): Am 11. März 2020 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Ausbreitung des Coronavirus offiziell zu einer Pandemie. Das Virus trat erstmals in der chinesischen Millionenstadt Wuhan auf und verbreitete sich anschließend rasend schnell auf der ganzen Welt. © IMAGO

Das Ergebnis: Personen mit einer schweren Covid-19-Erkrankung hatten häufiger Verwandte ersten Grades, die an dem Virus starben, als Teilnehmer mit einer leichten Covid-19-Erkrankung oder Personen, die sich nicht infiziert hatten. 

Corona in Deutschland: Mehrheit begrüßt ersten Herbst, ohne Corona-Auflagen

„Die Ergebnisse der Origin-Studie zeigen, dass diejenigen, die dem Virus ausgesetzt waren und den Neandertaler-Haplotyp trugen, ein mehr als doppelt so hohes Risiko hatten, an schwerem Covid zu erkranken. Ein fast dreimal höheres Risiko, eine Intensivpflege zu benötigen und ein noch größeres Risiko mechanisch beatmet zu werden, im Vergleich zu Probanden, die dieser Haplotyp nicht vererbt worden war“, erklärt Marina Noris, Leiterin des Zentrums für Humangenomik am Mario Negri.

In Italien steigt seit August wieder die Infektionszahlen – in Südtirol wurden zwei Corona-Todesfälle registriert. Erste Experten empfehlen daher eine Masken-Rückkehr. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur macht sich jeder zweite (50 Prozent) gar keine Sorgen vor einer möglichen Corona-Ansteckung im Herbst und Winter. Eine Virologin aus Wuhan warnt indes vor weiteren Coronaviren. (Vivian Werg)

Rubriklistenbild: © Claudio Furlan/ dpa

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