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Wie können sich Risikopatienten im Corona-Herbst am besten gegen das Virus schützen? Die Paxlovid-Pillen von Pfizer scheinen ein probates Mittel. Für alle Bürger?
Berlin – Paxlovid könnte das Zauberwort für den Corona-Herbst in Deutschland lauten. Das Medikament des US-Unternehmens Pfizer, eine Kombination der Wirkstoffe Nirmatrelvir und Ritonavir, war erst Ende Januar 2022 in der Europäischen Union (EU) bedingt zugelassen worden. Vulnerable Gruppen, die sich mit dem Coronavirus in der kalten Jahreszeit konfrontiert sehen, sollten wissen: Die Paxlovid-Pillen können bei rechtzeitiger Einnahme das Virus an der weiteren Vermehrung hindern. Doch wo ist der Haken?
Corona-Herbst in Deutschland: Anti-Covid-Pille Paxlovid als probates Mittel gegen die Pandemie – welche Nebenwirkungen mit Paxlovid drohen
Fakt ist: Nach der Beschaffung von einer Million Packungen des Anti-Covid-19-Mittels Paxlovid Ende Februar liegen noch mehr als 600.000 Einheiten im Pharma-Großhandel. Von dem Großeinkauf der Politik hatten bislang also nur relativ wenige Patienten etwas. Und weitere Lieferungen stehen noch aus.
Vor dem Corona-Herbst in Deutschland, der mit neuen Pandemie-Regeln aufwartet, muss bilanziert werden, dass laut dem Bundesgesundheitsministerium erst circa 64.000 Einheiten an die Apotheken ausgeliefert wurden. Doch dürfe der große Vorrat laut Experten kein Grund sein, um die Therapie in den nächsten Monaten öfter schon im Frühstadium von Covid-19 zu verschreiben. Vielmehr liegt bereits eine Reihe neuer Daten vor.
Paxlovid ruft Skeptiker auf den Plan: Wirkung gegen Omikron BA.5 und Omikron BJ.1 noch unklar
Die Wahrheit ist: Schon von Beginn an dämpften Fachleute die Erwartungen, die mit der Anti-Covid-Pille Paxlovid verknüpft wurden. Das Mittel sei kein Game-Changer in der Pandemie, belegt sei ein Nutzen nur für die Gruppe der Ungeimpften über 65 Jahre, hieß es in diesem Kontext. Die Effektivität war zudem gezeigt worden, als Omikron im Geschehen von Corona in Deutschland noch keine Rolle spielte, sondern gefährlichere Vorgänger wie Delta. Dementsprechend wurden auch nicht Omikron BA.5 und die Omikron-Sublinie BJ.1 berücksichtigt.
Deswegen standen Mediziner im Frühjahr 2022 bereits vor der Frage, ob Paxlovid in der veränderten Pandemie-Realität überhaupt noch nötig sein würde. Zurückhaltende Verschreibungen hingen zudem wohl auch mit möglichen Wechselwirkungen mit vielen anderen gängigen Medikamenten zusammen. Zusätzlich war die Logistik am Anfang „ein großes Problem“, sagt der Infektiologe Bernd Salzberger vom Universitätsklinikum Regensburg, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI).
Medikament gegen Corona: US-Präsident Joe Biden trotz Paxlovid Corona-positiv – mehr die Ausnahme denn die Regel?
Die Paxlovid-Probleme, die damals gesehen wurden, sind mannigfaltig. Einerseits seien Notaufnahmen nicht mit der Anti-Covid-Pille ausgestattet gewesen. Andererseits durften Apotheken das Mittel anfangs nicht vorrätig haben. Dabei ist bei der Einnahme der Zeitfaktor entscheidend: Infizierte müssen in den ersten fünf Tagen nach Symptombeginn anfangen, die Tabletten zu nehmen. Diese Form gilt als großer Vorteil. Schließlich bekommt man manch andere Virusstopper nur als Infusion.
Wie die Anti-Covid-Pillen Paxlovid von Pfizer wirken
Das Coronavirus bindet sich mit einem sogenannten Spike-Protein an die menschliche Zelle. Das Viruserbmaterial, die RNA, dringt im Folgenden in die Wirtszelle ein. Körpereigene Ribosome lesen die RNA ab und es entstehen Polypeptidketten. Diese Ketten werden wiederum durch spezielle Enzyme vom Coronavirus in einzelne Proteine geteilt.
An dieser Stelle greift das Paxlovid, das aus Ritonavir (wird sonst zur Therapie von HIV-Infektionen und AIDS eingesetzt) und Nirmatrelvir (chemische Verbindung mit antiviraler Wirkung zur Behandlung von Covid-19) besteht.
Das Ritonavir verhindert, dass das Medikament zu schnell abgebaut wird. Das Nirmatrelvir wiederum blockiert die Funktion des viralen Proteaseenzyms vom Coronavirus, das Proteine spaltet. Die Folge: Die Ketten werden eben nicht mehr geteilt, wodurch die Bausteine zur Bildung von neuen Coronaviren fehlen.
Für Verunsicherung und eine gewisse Skepsis gegenüber Paxlovid sorgten aber auch Berichte über Fälle, in denen mit dem Medikament behandelte Patienten einen Rückfall erlitten: Auf negative Tests folgten erneut positive. Prominentestes Beispiel war im Sommer 2022 US-Präsident Joe Biden, der nach seiner Paxlovid-Einnahme wieder Corona-positiv wurde. Doch sind Krankenhausaufnahmen und Besuche in Notaufnahmen nach US-Daten in solchen Fällen eher selten. Und einer aktuellen Studie im New England Journal of Medicine zufolge sind Rückfälle bei Paxlovid-Patienten fast so selten wie bei Infizierten, die ein Scheinmedikament erhalten.
Medikament Paxlovid kann das Corona-Risiko um 45 Prozent senken – schnellere Verfügbarkeit gefordert
Doch hat sich in dieser Hinsicht seit dem Frühjahr 2022 einiges getan. Seit kurzem ist es nämlich Arztpraxen, Krankenhäusern und vollstationären Pflegeeinrichtungen erlaubt, mehrere Packungen Paxlovid über ihre regelmäßige Bezugsapotheke zu beziehen und vorzuhalten. Auf diesem Wege sollen die Anti-Covid-Pillen schneller und vor allem unkomplizierter zu den Patienten gelangen.
Zudem liegen neue Daten aus der Paxlovid-Anwendung in anderen Ländern vor, die auch Verläufe bei Menschen mit Covid-19-Impfungen berücksichtigen. Beispielsweise werteten US-Forscher Krankenkassendaten in Hinblick auf Besuche in der Notaufnahme, Krankenhausbehandlungen und Todesfälle wegen Covid-19 aus. Verglichen mit unbehandelten Patienten stellen sie ein verringertes Risiko bei mit Paxlovid behandelten Corona-Infizierten fest. Im wissenschaftlichen Journal Clinical Infectious Diseases wurde die relative Risikoreduktion mit 45 Prozent angegeben.
Anti-Corona-Pille trotz Omikron: Weniger Todesfälle bei Covid-19-Patienten über 65 Jahre nach Paxlovid-Einnahme
Eine Studie mit israelischen Krankenkassendaten wiederum stützt den Einsatz von Paxlovid bei älteren Patienten auch in Zeiten von Omikron. Wie das Autorenteam im New England Journal of Medicine festhält, fielen bei Patienten über 65 Jahre, die Paxlovid bekamen, die Raten von Krankenhausbehandlungen und Tod wegen Covid-19 signifikant niedriger aus als bei nicht damit behandelten Infizierten. Aber: „Bei jüngeren Erwachsenen wurden jedoch keine Hinweise auf einen Nutzen gefunden“.
Methodisch gibt es bei diesen Untersuchungen jedoch einen Haken. Es sind sogenannte Kohortenstudien, für die Daten erst im Nachhinein gruppiert und mit statistischen Methoden verglichen wurden. Als Goldstandard zur Nutzenbewertung von Behandlungen gelten hingegen randomisierte, kontrollierte Studien. Hierbei werden Probanden vor der Behandlung zufällig einer Medikamenten- oder Placebo-Gruppe zugeordnet. Bei den neuen Daten ist eine Verzerrung der Ergebnisse durch weitere Faktoren somit nicht bestmöglich ausgeschlossen.
Vor- und Nachteile der Anti-Covid-Pillen Paxlovid – welche Nebenwirkungen drohen
- die Anti-Covid-Pillen Paxlovid von Pfizer weisen eine hohe Wirksamkeit auf
- Paxlovid ist zudem, das konnte bereits nachgewiesen werden, auch gegen Varianten vom Coronavirus wirksam
- zudem hat Paxlovid keine Einwirkung auf die DNA
- was negativ aufstößt: Paxlovid erfordert die Einnahme einer höheren Tablettenzahl
- zudem ist die frühzeitige Einnahme von Paxlovid zwingend notwendig
- und: bei Paxlovid besteht das Interaktionsrisiko mit anderen Medikamenten
Vor Corona-Herbst und in Omikron-Zeiten: Experte empfiehlt Paxlovid für vulnerable Gruppen
Wie also ist nun mit Paxlovid, vor allem mit Blick auf den Corona-Herbst in Deutschland, umzugehen? „Menschen ab 65 Jahren oder mit unvollständiger Corona-Impfserie oder mit schweren Vorerkrankungen profitieren auch in Omikron-Zeiten von Paxlovid“, sagt Stefan Kluge. Er ist Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und spricht der Anti-Covid-Pille mehr Effektivität zu als der Alternative Molnupiravir.
Nebenwirkungen von Paxlovid
Während in Deutschland der Corona-Herbst langsam Form annimmt, könnte Paxlovid in den kommenden Monaten eine wichtige Rolle einnehmen. Allerdings hat die Anti-Corona-Pille Paxlovid auch Nebenwirkungen, von denen womöglich noch nicht alle bekannt sind, da das Medikament erst seit knapp neun Monaten eine Zulassung hat. Derzeit werden folgende Nebenwirkungen bei Paxlovid gelistet: Dysgeusie, Kopfschmerzen, Durchfall und Erbrechen. Hinzukommt, dass es zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und Paxlovid kommen kann.
Für Jüngere ohne Immunschwäche und vollständig Geimpfte müsse Paxlovid aber nicht propagiert werden. „Es darf auch keinen Verwendungsdruck vor dem Hintergrund zu viel eingekaufter Dosen geben“, mahnt Kluge. Geäußert hat sich auch Martin Scherer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (Degam): „Paxlovid kann gerade bei älteren Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen und einem eingeschränkten Immunschutz schwere Verläufe verhindern, es sollte daher bevorzugt bei Menschen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf eingesetzt werden“.
Paxlovid Nebenwirkungen: Medikament auch für geimpfte Risikopatienten geeignet
Zu befürworten sei der Einsatz von Paxlovid, das auch schon von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) eingenommen wurde, aber auch bei geimpften Risikopatienten, die keinen ausreichenden Immunschutz aufbauen konnten. Es müssen jedoch auch stets die möglichen Nebenwirkungen, also Geschmacksstörungen, Durchfall und Erbrechen, berücksichtigt werden. Für den Infektiologen Salzberger ist es deshalb wichtig, dass sich frisch Infizierte mit Risikofaktoren erst einmal bei ihrem Hausarzt melden.
„Das gibt es leider auch, dass Patienten gar nicht erst losgehen“, heißt es in diesem Kontext. Die Erfahrung habe zudem gezeigt, dass Paxlovid selbst im Fall einer Verordnung nicht immer eingenommen wird – etwa, wenn Erkrankte schon die Covid-19-Impfung ablehnten. Deswegen rufen Experten Mediziner dazu auf, mögliche Wechselwirkungen und Gegenanzeigen bei Paxlovid gründlich zu prüfen. Diese können Infizierten drohen, die zeitgleich bestimmte andere Medikamente nehmen. (mit Material der dpa)
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