Gas strömt aus

Supervulkan in Italien wird immer aktiver – Experte entsetzt über Notfallpläne

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Die Situation am Supervulkan in Italien verschärft sich: Die Hebungsrate hat sich verdoppelt, die Bodentemperaturen und der Gasausstoß steigen.

Pozzuoli – Seit einem Jahr sorgt die riesige Caldera der Phlegräischen Felder im Westen Neapels mit immer heftiger werdenden Erdbeben für Angst in der Roten Zone des Gebiets, in der an die 500 000 Menschen leben. Betroffen sind vor allem die Bewohner der Hafenstadt Pozzuoli sowie deren Nachbargemeinden, zu denen auch die westlichen Bezirke Neapels im Süden Italiens gehören.

Magma im Untergrund verursacht die Beben und Hebung am italienischen Supervulkan

Die Beben sind eine Auswirkung der Bodenhebung, die durch Magma im Untergrund verursacht wird. Aus einer Magmakammer in über vier Kilometern Tiefe dringen vulkanische Fluide nach oben, das ist vor allem Gas und Thermalwasser. Ob, wann und wie Magma nach oben dringen kann, ist Gegenstand einer heftigen Diskussion unter Fachleuten.

Fakt ist: Das Beben Ende Mai mit einer Magnitude von 4,4 war das stärkste, das je vor Ort gemessen wurde. Die Messungen finden seit gut 100 Jahren statt. Und die Bodenhebung ist so hoch wie seit dem letzten Vulkanausbruch in den Phlegräischen Feldern 1538. Heute ist die 16 Kilometer breite Caldera neben Vesuv und Ätna der wohl am besten überwachte Vulkan der Welt.

Langsam werden die Schäden nach dem bislang heftigsten Beben am Supervulkan sichtbar.

Schon seit Wochen meldet das Vesuv-Observatorium, das auch die Vulkane der Phlegräischen Felder und Ischias überwacht und dem Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) untersteht, besorgniserregende Werte. So ist das Tempo der Bodenhebung seit vorigem Jahr auf das doppelte - auf zwei Zentimeter pro Monat - gestiegen. Außerdem zeigten im Mai die Infrarotkameras an den Kratern steigende Bodentemperaturen auf.

Sorge um Supervulkan: Hebung beschleunigt sich, Temperatur steigt, der CO₂-Ausstoß wächst

Im neuesten Wochenbericht von Dienstag (11. Juni) gibt es weitere beunruhigende Daten: Der Ausstoß von Kohlendioxid liegt derzeit bei 5000 Tonnen. Zuletzt lag er meistens bei 4000 Tonnen, was dem Ausstoß eines aktiven Vulkans entspricht. Das INGV sagt dazu: „Die Entwicklung des monatlich gemessenen CO₂-Stroms im Referenzgebiet von Solfatara, bestätigt den wachsenden Trend mit hohen Werten“. Trotz der allmählichen Eskalation der Lage wurde eine Evakuierungsübung, die der Katastrophenschutz für den 30. und 31. Mai geplant hatte, abgesagt. Sie sollte auf Juni verschoben werden. Seitdem hörte man nichts mehr davon.

Giuseppe Luongo (86), emeritierter Professor und ehemaliger Leiter des Vesuv-Observatoriums, das auch die Vulkane der Phlegräischen Felder und Ischias überwacht, übte jetzt bei Facebook harsche Kritik an den Notfallplänen: „Nach den letzten drei seismischen Krisen im April mit Magnituden bis zu 3,9, im Mai bis zu 4,4 und im Juni bislang 3,7, begleitet von einer deutlichen Erhöhung der Hebegeschwindigkeit, hätte ich erwartet, dass der Zivilschutz über die Verschärfung des Phänomens nachdenkt, aber dazu kam es nicht.“

Experte warnt vor brüchigem Untergrund und kritisiert den Katastrophenschutz

Der Senior-Forscher erklärt, wieso er sich große Sorgen macht: „Der Mechanismus der Freisetzung der seismischen Energie durch mehrere Ereignisse mit einer Magnitude von fast vier oder mehr zeigt, dass das System nicht in der Lage ist, die gespeicherte Energie durch ein einziges Ereignis freizusetzen.“ Der Untergrund weise aufgrund seiner Beschaffenheit, die hauptsächlich aus gelösten Stoffen besteht, eine geringe Steifigkeit auf.

Die Dampfwolken des Solfatara-Vulkans sind derzeit sehr hoch.

Luongo: „Er ist brüchig und hat eine hohe Temperatur.“ All dies seien Voraussetzungen für hohe Erdbebengefahr. Doch nicht nur das: „Die Kehrseite der Medaille ist die mögliche Wanderung der Brüche an die Oberfläche, was den Weg für den Aufstieg von unter Druck stehenden Fluiden oder von Magma mit den Fluiden ebnen würde“, so der Professor. Experten warnen schon länger vor einer Phreatischen Eruption, bei der enormer Wasser- und Gasdruck für eine riesige Explosion sorgen kann.

Magma könnte durch Risse nach oben steigen: „Muss mit größter Aufmerksamkeit verfolgt werden“

Kurz gesagt: Sowohl die Gefahr größerer Beben als bislang steigt, ebenso das Risiko eines Ausbruchs. Luongo schließt: „Die mögliche Wanderung von Hypozentren an die Oberfläche als Anzeichen für die Ausbreitung von Brüchen im Zusammenhang mit der seismischen Sequenz muss mit größter Aufmerksamkeit verfolgt werden.“ Im Moment ist es in den Phlegräischen Feldern relativ ruhig, es gibt nur wenige leichte Erdstöße. Doch das kann sich jederzeit ändern.

Rubriklistenbild: © Giuseppe Ciccia/Imago/INGVvulcani

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