„Gletschersterben live“

Ausweichroute für gesperrte Tauernautobahn: Zoff um Urlauber-Rabatt auf Großglockner-Straße

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Weil die Tauernautobahn in Österreich dieses Jahr wegen einer Baustelle nur einspurig befahrbar ist, gibt es auf der Großglockner-Hochalpenstraße Rabatt. Das sorgt für Ärger.

Salzburg/Villach – Die Sanierung mehrerer Tunnels auf der Tauernautobahn sorgt seit Monaten für Verdruss in Österreich: Die mautpflichtige Schnellstraße von Salzburg nach Villach ist pro Fahrtrichtung seit vorigem Herbst jeweils nur einspurig befahrbar, was zu Staus führt. Die benachbarten Orte stöhnen unter Schleichverkehr, der die Baustelle zu umfahren versucht. Zwar sollen die Arbeiten in den großen Ferien während der Hauptreisewellen pausieren. Doch etwa in den Pfingstferien könnte es zu viel Staus und Unmut wie zuletzt in den Weihnachts- und Osterferien kommen.

Die Baustelle auf der Tauernautobahn sorgt für ständige Staus.

Die Manager der Großglockner-Hochalpenstraße AG (Grohag), die ebenfalls mautpflichtig ist, haben die Großbaustelle als Marktlücke für sich entdeckt: „Aufgrund der Tunnelsanierungsarbeiten auf der A10 Tauernautobahn bietet sich die Großglockner Hochalpenstraße in den Zeiten, in denen die A10 einspurig befahrbar ist, als erlebnisreiche und staufreie Alternativvariante auf dem Weg in den Urlaub nach Kärnten, Osttirol oder Salzburg an“, verkündete die Grohag am Donnerstag voriger Woche (18. April) auf ihrer Homepage.

Stau auf Tauernautobahn als Marktlücke für Großglockner-Hochalpenstraße

Wer eine Beherbergungs-Bestätigung als Nachweis vorweisen kann, zahlt am An- bzw. Abreisetag nur einen „ermäßigten Sondertarif“. Autofahrer müssen dann nur 33 statt der sonst verlangten 43 Euro für das Ticket bezahlen, Motorradfahrer nur 26,50 Euro statt 33 Euro, heißt es.

Aber: „Die Aktion gilt nicht im Juli, August und bis Anfang September, wenn die Autobahn-Baustelle pausiert und die Autobahn zweispurig befahrbar ist“, schränkt die Grohag ein. Und die vergünstigten Preise für eine Fahrt gälten nur für alle Gäste, die ihren Urlaub in einem Beherbergungsbetrieb in Salzburg, Kärnten oder Osttirol verbringen. Wer also nach Slowenien, Kroatien oder Italien weiter fahren will, muss voll blechen.

Die Großglockner-Hochalpenstraße lockt diesen Sommer mit Rabatten für Alpenurlauber.

Die Schneeräumung an Österreichs höchster Straße läuft schon

Die Grohag gehört zu 79 Prozent der Republik Österreich, den Rest teilen sich zu je 10,5 Prozent die Bundesländer Salzburg und Kärnten. Die Schneeräumung für den 2576 Meter hohen Pass am Hochtor, von der Abzweigungen zur 2572 Meter hohen Edelweißspitze und zur 2369 Meter hohen Kaiser-Franz-Josefs-Höhe führen, haben schon vor über zwei Wochen begonnen, allerdings warf der Wintereinbruch die Räummannschaften wieder um Tage zurück.

Allerdings ist das Ende der Wintersperre in greifbarer Nähe. Und somit wäre die Bahn bald frei für den Großglockner-Rabatt. Verursacht das Rabattprogramm nicht eine Blechlawine ungeahnten Ausmaßes quer durch den Nationalpark Hohe Tauern? Grohag-Vorstand Johannes Hörl sagte zum ORF. „Wir lösen keine zusätzlichen Pfade und auch keinen Umweg aus. Diese Strecken sind im Wesentlichen gleich lang.“ Stau oder Stop-and-Go-Verkehr auf der Autobahn sei in Sachen CO2-Emissionen weit umweltschädlicher und werde durch die Aktion vermieden oder zumindest gemindert.

Wissenschaftler entsetzt über Alpenstraßen-Rabatt im Nationalpark

Das löst einen Aufschrei der Wissenschaftler von Scientists4Future Österreich aus. Johannes Fiedler, Leiter der Fachgruppe Mobilitätswende, betont im Standard, dass einige dieser Aussagen irreführend seien und nicht den Tatsachen entsprächen. Es werde der Eindruck erweckt, bei der Großglockner-Hochalpenstraße handle es sich um eine klimaschonende Alternative zur A10. Fiedler: „Das ist definitiv nicht der Fall – selbst im Falle starker Staubildung auf der A10.“

Die Strecke von Bischofshofen bis Spittal an der Drau habe auf der A10 eine Länge von 104 Kilometer, über die Glocknerstraße seien es 188 Kilometer. Diese Route führe in hochsensibles alpines Gelände. „Rechnet man mit 1000 Autos pro Tag über drei Monate, ergibt das über zehn Millionen Fahrkilometer. Daraus ergeben sich über 2000 Tonnen CO2-Ausstoß, Feinstaubbelastungen und entsprechende Unfallzahlen“, rechnen die Wissenschaftler vor. Versprochene „Klimaschutzmaßnahmen“ wie Tempo 70 oder neue E-Ladepunkte auf der Glocknerstraße könnten nur als „Greenwashing“ bezeichnet werden, heißt es bei Scientists4Future.

„Schnäppchen für Katastrophentouristen“

Die Grünen brachten am Mittwoch (24. April) im Salzburger Landtag einen Antrag ein, dem zufolge die Landesregierung an das Grohag-Management herantreten solle, „damit die Empfehlung der Großglockner-Hochalpenstraße als Staualternative für die Tauernautobahn (inklusive ermäßigter Tarife) umgehend zurückgenommen wird“. Die Ökopartei fordert einen autofreien Tag pro Monat am Großglockner. Denn bislang gelte für Fahrradtouristen: „Während Radfahrerinnen und Radfahrer wohlgemeinte Tipps gegeben werden, wird dem fossilen Verkehr der rote Teppich ausgerollt.“

Die Standard-Autorin Stefanie Ruep ätzte: „Der Pasterze, dem größten Gletscher Österreichs, kann man beim Sterben zusehen, während man mit dem SUV durch die Hochgebirgslandschaft fährt.“ Die Pasterze verlor 2023 mit mehr als 200 Metern so viel an Länge wie noch nie innerhalb eines Jahres in der Messgeschichte. „Die Zeit für eine Ausfahrt zum ehemals ewigen Eis drängt also, denn in 40 Jahren wird es keine Gletscher mehr in Österreich geben“, so Ruep sarkastisch weiter.

Der Gletscher der Pasterze schmilzt immer mehr zurück.

Der Sondertarif komme „Dark Tourists“ entgegen, die gerne „Katastrophenorte oder Stätten des Todes“ besichtigen. Ab Juni kann man übrigens eine Sonderausstellung zu 50 Jahren Porsche Turbo und 125 Jahren Puch-Motorräder im Besucherzentrum auf der Franz-Josefs-Höhe besuchen. Ruep: „Man muss schließlich schleunigst für neue Attraktionen sorgen, bevor der Gletscher ganz dahin ist.“

Der Alpentransit sorgt ständig für Ärger: Am Achensee wurde eine Dosierampel aufgestellt, da hier viel Ausweichverkehr von Touristen unterwegs war, die sich die Autobahnvignette sparen wollen. An der Brennerautobahn gibt es einen Kleinkrieg um den Neubau der Luegbrücke, der in einer Komplettblockade enden könnte. Der Plöckenpass zwischen Italien und Österreich wurde durch einen Felssturz blockiert, auch hier wird über die Reparatur gezofft.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Daniel Scharinger

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