VonAnika Zuschkeschließen
Steht Deutschland diesen Winter eine Twindemie bevor? Welche Bedeutung hinter dem Begriff steckt und wie Experten sich dazu äußern.
Berlin – Egal ob im Büro, in der Bahn oder beim Bäcker – derzeit hört man auffällig viele Mitmenschen husten und schniefen. Das liegt aber nur bedingt an den hohen Corona-Zahlen. Denn abgesehen von dem wieder zunehmend kursierenden Coronavirus machen sich aktuell auch klassische Erkältungserreger breit – sowie die gefürchteten Influenzaviren. Steht damit diesen Winter die Twindemie bevor?
Bedeutung einer Twindemie in Deutschland: Was ist das überhaupt?
Der Begriff Twindemie setzt sich aus den Worten „Twin“ (englisch für Zwilling) und Pandemie zusammen und beschreibt das Zusammentreffen einer Corona-Welle mit einer Grippewelle. Dieses Phänomen scheint sich in Deutschland diesen Winter anzubahnen.
In dem aktuellen Wochenbericht der Arbeitsgemeinschaft Influenza schätzt das Robert-Koch-Institut (RKI), dass fast zehn Prozent aller Bürger in Deutschland derzeit an einer Atemwegserkrankung leiden. Während der vergangenen Woche seien demnach „deutlich mehr Influenzameldungen“ an das Robert Koch-Institut (RKI) übermittelt worden „als in den vorpandemischen Saisons um diese Zeit“. In diese Zeit fällt auch die Grippewelle von 2017/18, die binnen weniger Monate allein in Deutschland laut der Zeit mehr als 25.000 Menschenleben forderte.
Grippe- und Corona-Zahlen in Deutschland steigen – kommt jetzt die Twindemie?
Das aktuelle Ausmaß der Erkrankungen ist dabei auf unterschiedliche Viren und Erreger zurückzuführen. Corona mit den neuen Varianten BQ.1.1, Omikron XXB sowie BA 4.6 spielt dabei natürlich eine Rolle, aber auch Erkältungen und die gefürchtete Influenza tragen dazu bei. In Deutschland liegen derzeit „nur“ rund 100 Menschen wegen Influenza im Krankenhaus, doch steigt die Zahl der Infektionen jede Woche an – und es ist erst Oktober.
Üblicherweise erreichen Grippewellen in der Mitte Europas ihren Höhepunkt im Februar, teilweise sogar erst im März oder April. Die tatsächliche Grippewelle hat also noch gar nicht richtig begonnen.
Welche Faktoren für eine Grippewelle im Winter in Deutschland sprechen – Corona-Regeln fehlen
Für eine heftige Grippewelle diesen Winter sprechen dabei mehrere Faktoren. Einerseits gelten in diesem Herbst bisher deutlich weniger Corona-Maßnahmen, die neben Covid in den vergangenen beiden Jahren auch die Influenza in Schach gehalten haben. Denn da Grippeviren etwas weniger ansteckend seien als Coronaviren, hätten Maßnahmen wie der Mund-Nasen-Schutz, Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln möglicherweise sogar noch besser gegen die Grippe gewirkt als gegen Corona. Das erklärte Sandra Ciesek, Virologin an der Universitätsklinik in Frankfurt am Main, der Zeit.
Eine Maskenpflicht in Innenräumen gilt jedoch diesen Herbst nicht – obwohl viele Menschen sich in Anbetracht der Herbstwelle dafür aussprechen – und auch abgesehen davon wurden die meisten Corona-Regeln weitestgehend abgeschafft. Die Gefahr einer Ansteckung wächst damit immens.
Nach zwei Jahren Corona kommt wieder eine Grippewelle – und damit die Twindemie
Zum anderen folgt laut dem Direktor am Institut für molekulare Virologie der Universität Münster, Stephan Ludwig, auf Jahre mit schwächeren Grippewellen meist wieder eine stärkere Welle. Der Direktor sieht deswegen die Gefahr einer Grippe-Ausbreitung in diesem Jahr wieder gegeben.
Die hohe Wahrscheinlichkeit einer stärkeren Grippewelle diesen Winter erklärte Ludwig der Süddeutschen Zeitung (SZ) folgendermaßen: „Dies liegt daran, dass die Erreger mehr Zeit hatten, sich zu verändern und so einer über die schwächeren Jahre hinweg schlecht angepassten Immunität in der Bevölkerung entkommen können.“ Die Influenza trifft infolgedessen diesen Winter auf Immunsysteme, die den Grippeerreger noch gar nicht kennen oder vergessen haben, wie dieser aussieht.
Was passiert bei einer Twindemie in Deutschland in den Krankenhäusern?
Die hohen Coronazahlen und eine grassierende Grippe könnten demnach dieses Jahr die gefürchtete Twindemie hervorrufen. Die Göttinger Forscherin Viola Priesemann ist dem WDR zufolge aktuell noch „relativ optimistisch“, dass das Gesundheitssystem diese Art der Doppelwelle bewältigen kann, da große Bevölkerungsteile geimpft oder durch eine Erkrankung immunisiert seien.
Doch sehen das nicht alle Experten so. „Beide Viren können zum einen zum Ausfall von Personal führen und zum anderen zu schweren Atemwegsinfektionen“, hält Virologin Ciesek im Gespräch mit der Zeit dagegen. Die Ausfälle von Arbeitskräften sowie die Krankheitslast in den Kliniken könnten sich demnach bei einer Twindemie massiv verschärfen.
„Deutlich erhöhtes Patientenaufkommen“ bei Hausärzten – wegen steigender Infektionen
Auch Hausärzte registrieren bereits ein „deutlich erhöhtes Patientenaufkommen“, berichtet Monika Baaken, Pressesprecherin des Hausärzteverbandes Nordrhein, im Gespräch mit dem WDR und fährt fort: „Die Zahl der Erkrankungen ist jetzt schon deutlich höher.“ Viele Menschen wüssten wohl nicht, ob sie Corona haben oder eine klassische Erkältung und suchten deshalb ihren Hausarzt auf.
Deswegen appelliert die Pressesprecherin an die Menschen, immer zuerst in der Praxis anzurufen, eine Maske zu tragen und die Kontakte im Winter zu reduzieren. Eigenverantwortung bleibe in den kommenden Monaten sehr wichtig. Einen Schutz vor der Influenza bietet auch die Impfung, die gemeinsam mit der Covid-Impfung verabreicht werden kann.
