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Altersgrenze im Internet geplant? EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen gibt erste Schritte bekannt. Eine Pädagogin fordert zusätzliche Konsequenzen.
Straßburg – Im Europaparlament in Straßburg hat sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen für eine Altersgrenze in sozialen Medien ausgesprochen und die Einrichtung einer Expertengruppe bis Jahresende angekündigt. Sie zieht einen Vergleich zu Tabak und Alkohol und sagt: „Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir das Gleiche für die sozialen Medien tun.“
Von der Leyen verweist auf die Sorgen von Eltern bezüglich des ungehinderten Zugangs ihrer Kinder zu Plattformen wie Facebook, Instagram oder TikTok. Besonders problematisch seien Algorithmen, die gezielt Schwächen von Kindern ausnutzten, um sie abhängig zu machen.
Von der Leyen fordert Altersgrenze für Soziale Medien – EU arbeitet schon an Kontroll-App
Als Vorbild für eine europäische Regelung nannte die Kommissionspräsidentin Australien. Das Land hat bereits eine Altersgrenze von 16 Jahren für die Nutzung von Plattformen wie X, TikTok, Facebook und Instagram beschlossen und gilt damit als Pionier in diesem Bereich. Die technischen Voraussetzungen für eine solche Beschränkung werden in der EU bereits geschaffen: Die Kommission entwickelt eine Verifizierungs-App zum Jugendschutz, die langfristig in den ab Ende 2026 geplanten digitalen EU-Ausweis integriert werden soll.
In Deutschland stößt das Thema auf breite Zustimmung in der Bevölkerung. Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov ergab, dass mehr als 70 Prozent der Befragten ein Mindestalter für soziale Medien befürworten. Dabei sprechen sich 57 Prozent für eine Altersgrenze von 16 Jahren aus, während 16 Prozent sogar ein Mindestalter von 18 Jahren fordern.
Pädagogin befürwortet Altersbeschränkung im Internet – große Gefahren für junge Menschen
„Da bin ich absolute Fürsprecherin, das finde ich gut“, sagt auch Pädagogin Melanie Hauptmanns zu IPPEN.MEDIA über eine Altersgrenze in Sozialen Medien. Sie plädiert für ein Mindestalter von 16 Jahren.
Neben dem Suchtpotenzial bergen Soziale Medien eine Reihe weiterer Gefahren für junge Menschen, betont die Lehrtrainerin. Allen voran Missbrauch durch Erwachsene, etwa durch sogenanntes Cyber-Grooming. Dabei bauen Fremde im Internet ein Vertrauensverhältnis mit Kindern auf und verleiten sie zu sexuellen Interaktionen oder selbstverletzendem Verhalten bis hin zum Tod.
„Das Bewusstsein ist nicht da, dass Gefahr vom Handy ausgeht“, bemängelt Hauptmanns. Und das könne durchaus in einer Verletzung der Aufsichtspflicht oder sogar Kindeswohlgefährdung münden. Verifizierungs-Schranken könnten Kinder und Jugendliche mit Sicherheit umgehen, die einzige echte Möglichkeit der Kontrolle liege bei den Eltern. Stichwort: Eigenverantwortung. Wenn etwas passiert, dürfe man aber natürlich nicht automatisch eine Verfehlung der Eltern annehmen. Manchmal entziehen sich Kinder der elterlichen Kontrolle, verstecken Apps beispielsweise auf dem Smartphone.
Kinder online nicht beaufsichtigt? Pädagogin bringt Strafen für Eltern ins Spiel
Ein anderes, verbreitetes Problem ist Cyber-Mobbing, Schikane im Internet. „Auch da muss mehr durchgegriffen werden“, fordert Hauptmanns und bringt mögliche Strafen für Eltern ins Spiel. Auch, um das Thema in den Köpfen der Erziehungsberechtigten zu verankern. „Eltern denken mehr darüber nach, wenn sie eine Geldstrafe riskieren oder von der Polizei vorgeladen werden.“ Dabei gehe es auch darum, darauf zu achten, dass Kinder nicht zu Tätern werden, etwa beim Cyber-Mobbing.
Neben einer Anpassung der Altersempfehlungen in den Empfehlungen der Apps plädiert die Pädagogin für eine großangelegte Kampagne in TV und Internet, um Eltern zu sensibilisieren. Außerdem sollten nicht nur klassische Social-Media-Plattformen reguliert werden, sondern alle Medien mit Chats. Prominentestes Beispiel: Das Kinderspiel Roblox, bei dem Spieler miteinander interagieren können.
Social-Media-Altersgrenze in Deutschland umstritten – SPD und Grüne dafür, Söder dagegen
Unter deutschen Politikern bleibt die Frage ob einer Social-Media-Altersgrenze jedoch umstritten. Während Bundesjustizministerin Stefanie Hubig von der SPD und Grünen-Chefin Franziska Brantner eine Altersgrenze unterstützen, äußerte sich CSU-Chef Markus Söder skeptisch. Ein Verbot mache „Tiktok, Instagram und Co. eher noch interessanter für Jugendliche und Kinder“, argumentierte er.
Der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, setzt sich für „strikt abgestufte Altersvorgaben für soziale Medien“ ein, um den hohen digitalen Medienkonsum Minderjähriger zu begrenzen. „Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Kinder und Jugendliche, die in hohem Maße nicht altersgerechte Inhalte konsumieren, anfälliger für riskantes Suchtverhalten und problematischen Drogenkonsum werden“, sagte der CDU-Politiker im August der „Rheinischen Post“. (moe/dpa)
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