Erziehung

Mit der falschen Erziehung werden Eltern zur Gefahr für ihre hochsensiblen Kinder

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Sie reagieren eher auf Geräusche, Berührungen oder helles Licht: Ein Entwicklungspsychologe erklärt, was sich hinter sogenannten „Orchideen-Kindern“ verbirgt.

Für die Methoden, mit denen Eltern ihre Kinder erziehen, gibt es viele Metaphern: Von Abschlepper-Eltern über Rasenmäher-Eltern bis hin zu Leuchtturm-Eltern: Sie alle wollen nur das Beste für ihre Kinder. Um das zu erreichen, sollten sie sich vor allem eine Frage stellen. Sie lautet: Wie sensibel ist mein Kind? Die Antwort beeinflusst, wie Eltern ihr Kind erziehen sollten.

„Höhere Sensibilität bedeutet erst einmal nichts Negatives, sondern kann ein Vorteil oder ein Nachteil sein“, sagt Professor Michael Pluess BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Er lehrt an der Queen Mary University of London und beschäftigt sich seit 15 Jahren mit Hochsensibilität. Gemeinsam mit seinem Team hat er Tests entwickelt, mit denen Eltern und pädagogische Fachkräfte herausfinden können, ob ein Kind eher ein Orchideen-Kind oder ein Löwenzahn-Kind ist.

Orchideen-Kinder: Was dazu führt, dass sie geboren werden

Dass hochsensible Menschen als Orchideen und weniger Sensible als Löwenzahn bezeichnet werden, liegt nahe: Orchideen gehen ein, sobald sie zu viel gegossen werden, während Löwenzahn selbst auf Beton wächst. Die Begriffe „Orchideen-Kinder“ und „Löwenzahn-Kinder“ gehen auf das schwedische „orkidebarn“ und „maskrosbarn“ zurück, das sich vor rund 20 Jahren in der Entwicklungspsychologie etabliert hat.

Vor kurzem haben Pluess und sein Team herausgefunden, dass es nicht nur diese beiden Sorten von Blumenkindern gibt und Sensibilität „relativ normalverteilt“ ist. Bedeutet: Die meisten Menschen (etwa 40 Prozent) sind Tulpen, also irgendwo in der Mitte. Etwa 30 Prozent sind wie Löwenzahn sehr widerstandsfähig oder sehr empfindlich wie eine Orchidee.

Zu etwa 50 Prozent sei diese Hochsensibilität erblich bedingt. „Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei hochsensible Eltern Orchideen-Kinder haben, ist hoch“, sagt Pluess BuzzFeed News Deutschland. Aber auch viel Stress während der Schwangerschaft, eine frühe Geburt und ein niedriges Geburtsgewicht, begünstigten, dass ein Orchideen-Kind geboren werde. Wie können Orchideen-Eltern damit umgehen, ohne zu Helikoptereltern zu werden?

Orchideenkinder sind empfindlicher als andere Kinder. Deswegen müssen ihre Eltern einiges beachten. (Symbolbild)

Wie erkenne ich, ob mein Kind ein Orchideen-Kind ist?

Orchideen-Kinder würden mehr wahrnehmen. Sie seien gut im Beobachten und könnten konzentriert spielen, bräuchten aber länger, um sich an neue Situationen zu gewöhnen, zum Beispiel an fremde Leute oder an die Kita. „Das kann ein Hinweis auf eine hohe Sensibilität sein“, sagt Pluess. Sie würden eher auf Geräusche reagieren, auf Berührungen oder helles Licht und Temperaturunterschiede schneller registrieren.

Test: Ist mein Kind hochsensibel?

Dieser Fragebogen zum Ankreuzen hilft Eltern bei der Ersteinschätzung, ob ihr Kind hochsensibel ist. Sie können sich ihn HIER herunterladen. Er ist in Anlehnung an die Highly Sensitive Person Scale (HSPS) von der US-amerikanischen Psychologin Elaine Aron entstanden, die den Begriff „Hochsensibilität“ (oder auf Englisch: „High Sensitivity“) geprägt hat. Weil es so viele verschiedene Facetten der Hochsensibilität gibt, dient der Test nur als Orientierungshilfe. Für eine ausführliche Beratung und Beurteilung sollten Sie sich immer an einen Experten wenden.


Später als Erwachsene würden hochsensible Menschen stärker auf psychologische Interventionen wie Therapie reagieren, was durchaus positiv sein könne. Doch als Kinder, neigen Hochsensible dazu, „überstimuliert und überfordert zu sein, weshalb sie häufig Pausen brauchen“, sagt der Entwicklungspsychologe BuzzFeed News Deutschland. Sie reagieren „empfindlicher auf Bestrafung“, auch auf verbale Strafen, als andere Kinder. 

Der Begriff „Orchideenkind“ kommt vom schwedischen Wort „orkidebarn“. (Symbolbild)

Orchideen-Kinder richtig erziehen – Experte gibt Tipps

„In einem negativen, chaotischen Umfeld entwickeln Orchideen-Kinder eher Verhaltensprobleme“, hätten ein „höheres Risiko für psychische Probleme“, sagt Pluess. „Orchideen-Kinder brauchen Eltern, die selbst sensibel sind und ihren Kindern helfen, ihre Emotionen zu regulieren. Das Kind einfach machen zu lassen, so wie es bei Löwenzahn-Kindern funktioniert, kann für sie problematisch sein.“ Zu U-Boot-Eltern sollten Orchideen-Eltern von hochsensiblen Kindern also nicht werden.

Auch beim Bestrafen sollten sich Eltern von Orchideen-Kindern „zurücknehmen und ihr Verhalten an die Sensibilität des Kindes anpassen“, sagt der Experte. Die Gute Nachricht: „Wenn hochsensible Kinder in solch einem stabilen Umfeld aufwachsen, wenn ihre Eltern emotional verfügbar sind und ihnen viel Routine bieten, lernen sie mit ihrer Hochsensibilität umzugehen und werden resilient“, sagt Pluess. „Es ist möglich, dass ein Orchideen-Kind zum Tulpen-Kind heranwachsen kann.“

Rubriklistenbild: © Pond5 Images/IMAGO

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