VonUlrike Hagenschließen
Niedersachsen will den Ausbau der Windkraft beschleunigen. Kommunen könnte das viel Geld in die Kassen spülen, so neue Studien. Der NABU kritisiert die Berechnung scharf.
Hannover – Der Ausbau der Windenergie ist nicht unumstritten. Doch eine am Mittwoch (21. Februar) veröffentlichte Studie legt nahe, dass der Bau von Windparks für die Gemeinden sehr lohnend sein könnte. Allein dem Landkreis Rotenburg (Wümme) und der regionalen Wirtschaft würde die Errichtung mehrerer Windparks bis zum Jahr 2040 potenziell Einnahmen in Höhe von 1,1 Milliarden Euro bescheren. Naturschützer kritisieren den unberücksichtigten Umwelt- und Artenschutz.
Windkraft bringt Geldsegen für Landkreise – Studie rechnet mit Milliardeneinnahmen
Für die Auswertungen der Studie, die die Deutsche WindGuard im Auftrag des Landesverbandes Erneuerbare Energien (LEE) erstellte, wurde beispielhaft der Landkreis Rotenburg/Wümme untersucht. Vor dem Hintergrund des vom Landeskabinett beschlossenen Entwurfs des Niedersächsischen Gesetzes zur Umsetzung des Windenergieflächenbedarfsgesetzes sollen dort in den kommenden Jahren 100 neue Windparks auf über 8.000 Hektar Land entstehen.
NABU kritisiert: „Themen Umwelt- und Artenschutz völlig ausgeklammert“
Der NABU kritisiert das Mammut-Projekt scharf: „Auch wir sehen die Notwendigkeit eines verstärkten Ausbaus der Windkraftanlagen. Die Studie allerdings blickt nur auf die Beschäftigungs- und Wertschöpfungspotentiale“, so Dr. Holger Buschmann, Landesvorsitzender des NABU Niedersachsen, gegenüber IPPEN.MEDIA. Die Themen Umwelt- und Artenschutz seien völlig ausgeklammert, „obwohl wir uns in dem größten Artensterben der Menschheitsgeschichte und dem schnellsten der Erdgeschichte befinden“.
Die Themen Umwelt- und Artenschutz sind hier völlig ausgeklammert, obwohl wir uns in dem größten Artensterben der Menschheitsgeschichte und dem schnellsten der Erdgeschichte befinden.
Während nach den Zielsetzungen der Bundesregierung in ganz Niedersachsen 2,2 Prozent bereitgestellt werden sollen, sind es im Landkreis Rotenburg gigantische vier Prozent der Kreisfläche, die für Windenergie ausgewiesen werden sollen. Landrat Marco Prietz (CDU) kommentierte: „Dass uns vier Prozent der Landkreisfläche für Windenergieanlagen zugewiesen wurden, stellt uns allerdings vor große Herausforderungen. Man wird künftig von jedem Punkt aus ein Windrad sehen können, das verändert das Landschaftsbild“.
Ein solcher Ausbau der Erneuerbaren Energien könnte jedoch den Kommunen und der Wirtschaft bis zu 1,1 Milliarden Euro in die Kassen spülen, ergaben die Analysen. In der Studie sind zum ersten Mal die kommunalen wirtschaftlichen Potenziale der Stromerzeugung durch die Errichtung von Windparks für eine einzelne Region untersucht worden.
Analyse belegt: Niedersächsische Kommunen könnten von der Energiewende profitieren
Jedes Windrad könne danach während seiner 20-jährigen Lebensdauer bis zu zwei Millionen Euro an lokalen Einnahmen in der Planung-, Investitions- und Bauphase sowie in der Betriebs-, Repowering- und Rückbauphase generieren. Darüber hinaus würden Landwirte Einnahmen durch die Verpachtung ihrer Flächen erzielen, was zusätzlich zu den finanziellen Vorteilen für die regionale Wirtschaft beitragen würde.
Horst Mangels vom Landesverband Erneuerbare Energien (LEE): „Wir wussten, dass die finanziellen Effekte von Windparks auf die regionale Wirtschaft und die Kommunen hoch sind, dass sie in Rotenburg so hoch ausfallen, begeistert uns. Das zeigt, dass die Erneuerbaren ‚erwachsen‘ geworden sind und mittlerweile einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellen.“
„Die Studie zeigt sehr plakativ, um wie viel Geld es geht und das nicht nur für Kommunen und für die Anlagenbetreiber, sondern auch für die Flächeneigentümer“, bestätigt auch der NABU-Landesvorsitzende Buschmann.
„Goldgräberstimmung“: Naturschutzverband fordert Rahmenbedingungen zum Schutz der Natur
Er waŕnt: „Bei dieser Goldgräberstimmung muss man sich nicht wundern, dass vermeintlich hinderliche oder demgegenüber scheinbar unwichtige Dinge aus dem Blickfeld geraten“. Ähnliche Probleme entstünden gerade bei der Freiflächenphotovoltaik, auch im Landkreis Rotenburg, wo eine 50 Hektar PV-Anlage mitten in einer Kernzone eines Wiesenvogelbrutgebietes entstehen solle.
Ein Wildwuchs bei der Planung von Windanlagen muss vermieden werden, passiert aber gerade, weil überall Flächen für Erneuerbare Energien gesucht werden, selbst in Schutzgebieten, auf Moorflächen oder im Wald.
Ein Wildwuchs bei der Planung von Windanlagen müsse vermieden werden, passiere aber gerade, weil überall Flächen für Erneuerbare Energien gesucht würden, „selbst in Schutzgebieten, auf Moorflächen oder im Wald“. Buschmann: „Es braucht dringend bessere Rahmenbedingungen für den Ausbau der Erneuerbaren, die die Politik liefern muss, um den Schaden in unserer Natur möglichst gering zu halten“. Der Ausbau müsse naturverträglich erfolgen, Artenschutz dringend Beachtung finden.
Nabu-Vorsitzender warnt: Ohne gesunde Ökosysteme ist Energiewende zum Scheitern verurteilt
„Wir benötigen die Energiewende, aber wir brauchen auch gesunde Ökosysteme mit ihren enormen Kapazitäten der CO₂-Speicherung“, gibt der NABU-Vorsitzende zu bedenken, „ohne sie ist die Energiewende zum Scheitern verurteilt, da kranke Ökosysteme mehr CO₂ abgeben als bei der Energiewende eingespart werden kann.“
Rubriklistenbild: © Michael Krüger

