„Der deutsche Automarkt ist einer der kompliziertesten der Welt“

BYD-Manager erklärt: „Wir wollen einen Teil des deutschen Kuchens“

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Die chinesische Automarke BYD geht auf der IAA in die Offensive. Deutschland-Chef Lars Bialkowski spricht mit dem Münchner Merkur über Kombis und den deutschen Automarkt.

München – Riesige IAA-Messestände auf dem Königsplatz, dem Odeonsplatz und dem Messegelände, extra auf deutsche Kunden zugeschnittene Modelle und seit Juni mit Lars Bialkowski auch ein neuer Deutschland-Chef, der vom europäisch-amerikanischen Autoriesen Stellantis kommt: Der chinesische Platzhirsch BYD bläst auf der IAA in München im traditionellen Heimatrevier von VW, BMW und Mercedes zum Angriff. Dafür will BYD auch das Händler- und Servicenetz in Deutschland im China-Tempo ausbauen, wie Bialkowski im Interview mit unserer Zeitung ankündigt.

BYD-Manager: „Wir wollen einen Teil des deutschen Kuchens abhaben“

Herr Bialkowski, BYD ist auf der IAA sehr präsent. Es wirkt, als wolle Ihr Unternehmen den deutschen Markt im Sturm erobern. Ist das so?
Wir sind auf jeden Fall auf Wachstumskurs, wir wollen einen Teil des deutschen Kuchens abhaben. Und bedenkt man, dass wir erst seit einem Jahr mit einer eigenen Deutschland-Tochter im Land sind, ist unser Wachstum beachtlich: Wir sind hierzulande inzwischen mit 55 Händlern vertreten, davon allein drei in München. Bis zum Jahresende werden es über 100 sein, im kommenden Jahr über 300. Außerdem wollen wir in Europa 200 Ladesäulen mit einem Megawatt Leistung aufbauen, 50 davon in Deutschland.
Offensiv nahbar: Stehlen chinesische Marken wie BYD den etablierten europäischen Playern auf der IAA Automesse in München die Show?
Also eine Offensive auf dem deutschen Markt?
Ja. Dabei ist es uns wichtig, dass wir als europäischer Hersteller wahrgenommen werden.
Warum? Sie könnten ja auch stolz als chinesischer Hersteller nach Deutschland kommen.
Wir sind sehr stolz auf unsere Technologie, global sind wir in vielen Bereichen spitze. Das ist die chinesische Handschrift. Wir wissen aber auch, dass wir uns auf unsere Kunden einlassen und vor Ort präsent sein müssen. In Ungarn eröffnen wir Ende dieses Jahres deshalb eine neue Fabrik, die in Europa Autos für den deutschen Markt produziert. Auch der Aufbau eines Händlernetzes spielt eine wichtige Rolle, um vor Ort mit deutschen Mitarbeitern präsent zu sein. Außerdem haben wir speziell für Deutschland einen Kombi mit einem Hybrid-Antrieb entwickelt, der 1350 Kilometer Reichweite hat, den BYD Seal 6 DMi Touring.
Weshalb ist der speziell für Deutschland?
Deutschland ist ein Kombi-Land – als eines der ganz wenigen Länder der Welt. Außerdem ist die Reichweitenangst hierzulande stärker ausgeprägt als in anderen Regionen, weshalb der Hybrid als Übergangstechnik zur Elektromobilität bestens zum deutschen Markt passt. Ein potenzieller Diesel-Kunde, der es gewohnt ist, 800 bis 900 Kilometer mit einem Tank zu fahren, kann mit dem Seal 6 nun 1350 Kilometer fahren und freut sich des Lebens.

Lars Bialkowski: „Der deutsche Automarkt ist einer der kompliziertesten der Welt“

In China werden 25 Millionen Autos im Jahr verkauft, in Europa 18 Millionen, davon drei Millionen in Deutschland. Warum ist BYD Deutschland überhaupt so wichtig?
Ich bin ja selbst Deutscher und weiß: Der deutsche Automarkt ist einer der kompliziertesten der Welt. Die Ansprüche der Kunden sind sehr individuell, es gibt viel höhere Anforderungen an Qualität als in anderen Ländern. Deutschen Autokäufern ist außerdem nicht nur das Fahrzeug wichtig, sondern auch der Service. Deshalb bauen wir hier ein engmaschiges Händlernetz auf, in dem man Fahrzeuge ausprobieren und kaufen, sich beraten und BYDs reparieren kann – genauso wie die deutsche Konkurrenz. BYD kann im deutschen Markt einiges lernen und sich dabei als Unternehmen noch verbessern.
Trotzdem gibt es noch Vorbehalte. Umfragen zeigen: Nur wenige Deutsche können sich vorstellen, ein chinesisches Auto zu kaufen.
Doch die Zahl derer, die es sich vorstellen können, wächst jeden Tag. Das ist das Entscheidende. Obwohl die deutschen Kunden an ihren heimischen Marken hängen, stellen wir uns deshalb dem Wettbewerb.
Chinesische Marken wie BYD zeigen rund um die IAA Automesse auch in der Münchner Innenstadt Präsenz – sie wollen die Skepsis der Menschen beseitigen.
Welchen Marktanteil streben Sie in Deutschland an?
Auf Zahlen will ich mich nicht festlegen. Wichtig ist, dass unser Marktanteil kontinuierlich wächst. Wir haben im deutschen Markt die einmalige Chance, die Dinge von Beginn an richtig zu machen. Natürlich müssen wir da gegenüber den heimischen Marken, die über Jahrzehnte ein Service- und Händlernetz aufgebaut haben, kräftig aufholen. Dafür können wir aber schnell agieren, sind dynamisch und haben schlanke Strukturen. Und manches können wir eben auch besser.

Den Deutschen ist nicht nur das Auto wichtig, sondern auch der Service. Deshalb bauen wir ein engmaschiges Händlernetz auf.

Lars Bialkowski
Was denn genau?
Bei unseren Batterien und unseren Schnellladesystemen sind wir weit vorne. Wir bringen Autos auf den Markt, die mit 1000 Kilowatt laden können, etwa den Denza Z9 GT – bei der deutschen Konkurrenz ist es deutlich weniger. Der Z9 lädt 400 Kilometer Reichweite in fünf Minuten oder ein bis zwei Kilometer pro Sekunde. Das ist ein echter Game-Changer. Und ich glaube, dass wir in der Umsetzung von Ideen sehr schnell sind, was man an unseren Modellen sieht.
Wenn man in zehn Jahren in die deutsche Zulassungsstatistik schaut: Ist BYD dann in den Top Ten vertreten?
Ich sag es mal so: Wir haben den Anspruch, in einem überschaubaren Zeitraum sehr nahe an die Spitze zu kommen. Aber jetzt versuchen wir erst einmal, Fuß im deutschen Markt zu fassen.
Beim Kauf eines Autos muss man heute dicke Kataloge an Datenschutzbestimmungen unterschreiben. Ist es nicht verständlich, dass Kunden hier Vorbehalte gegenüber einem chinesischen Hersteller haben?
Das Datenschutzgesetz ist ein europäisches Gesetz – und dem müssen wir folgen. Insoweit gehen wir mit den Datenschutzvorschriften in Europa professionell um.

Rubriklistenbild: ©  IMAGO / Sven Simon

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