RWE-Chef fordert „Realitäts-Check“

„Das gefährdet unsere Wirtschaft“ – Energieversorger und grüne Anbieter im Konflikt über Energiewende

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Ein Disput über die Weiterführung der Energiewende hat begonnen. Verschiedene Gruppen versuchen, die frische Regierung zu beeinflussen. Es geht um Milliarden.

Berlin – Die Finanzierung der Energiewende stellt die neue Regierung bereits vor Herausforderungen, noch ehe die Koalitionsgespräche überhaupt abgeschlossen sind. In einem Kompromiss hatten die Grünen erst vor wenigen Tagen (Stand: 23. März) durchgesetzt, dass 100 Milliarden Euro aus einem insgesamt 500 Milliarden Euro teuren Infrastruktur-Investitionspaket für den Klimaschutz gesperrt sein müssten. Gleichzeitig wächst die Sorge vor Dunkelflauten oder Überlastung durch den zu schnellen Ausbau von erneuerbaren Energien. Die Meinungen sind deutlich gespalten.

Warnung vor „Neustart“ bei Energiewende – „gefährdet unsere Wirtschaft“

Im Rahmen der Sondierungsgespräche zwischen Union und SPD sowie den Koalitionsverhandlungen ist ein grundlegender Streit um den Ausbau der erneuerbaren Energien entbrannt. In einem offenen Brief an die beiden voraussichtlichen Regierungsparteien haben mehrere große Anbieter grünen Stroms dringend davor gewarnt, das Tempo bei der Energiewende zu drosseln. „Eine als ‚Neustart‘ getarnte Rolle rückwärts gefährdet gleichermaßen unsere Energieunabhängigkeit, Wirtschaft und den Klimaschutz“, zitierte das Handelsblatt aus einem dem Magazin vorliegenden Brief.

Windkraftwerke in einer offenen Landschaft bei Sonnenuntergang, bei Ulm (Symbolfoto). Ein Streit um die Fortsetzung der Energiewende ist entbrannt. Mehrere Parteien versuchen, die neue Regierung zu beeinflussen. Es geht um Milliarden.

Damit, so schrieben es jedenfalls die Stromanbieter, würden sie auf die Aussagen mehrerer Unternehmensvertreter und Experten reagieren, die vor einigen Tagen exakt das Gegenteil gefordert hatten. Sowohl der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) als auch die Chefs der zwei Energie-Titanen Eon und RWE hatten sich dafür ausgesprochen, die Geschwindigkeit beim Ausbau von Solar- und Windenergie stark zu verlangsamen – und den Ausbau des Stromnetzes genauso.

„Realitäts-Check“ für die Energiewende: Kosten sollen in die Milliarden gehen

Dafür gibt es laut den beiden Konzernen mehrere Gründe. Erstens steige der Strombedarf in Deutschland langsamer als gedacht. Ein gebremster Netzausbau – zu dem Schluss kam eine Analyse der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group im Auftrag des BDI vor ein paar Tagen (20. März) sei vorteilhaft. Durch eine effizientere Umsetzung der Energiewende könnte Deutschland bis 2035 mindestens 300 Milliarden Euro sparen. Das könnte für Verbraucher die Strompreise senken. RWE-Chef Markus Krebber hatte bereits einen „Realitäts-Check“ für die Energiewende gefordert.

Ein Beispiel dafür sind teure Erdkabel, die beim Ausbau der Stromnetze zum Einsatz kommen. Holger Lösch, stellvertretender BDI-Hauptgeschäftsführer, sagte dazu, die extrem ambitionierte und teure Planung müsste an die aktuellen Nachfrage- und Kostenentwicklungen angepasst werden.

Die Appelle, das Ausbautempo zu drosseln, häufen sich aktuell. Durch steigende Kosten droht das Budget der Bundesregierung überfordert zu werden. Das Forschungsprojekt Kopernikus hatte jüngst in einer Studie ermittelt, dass der klimaneutrale Umbau des Energiesystems Investitionen von 116 bis 131 Milliarden Euro pro Jahr erfordere. Diese Vorstöße kommen nun ausgerechnet mitten während der Gespräche der Union und der SPD.

Regierung muss weiter auf erneuerbare Energien setzen – Ausbremsen schwächt die Wirtschaft

Mittlerweile hat sich die Debatte hochgeschaukelt. Während die Kritiker der Energiewende lauter werden, haben sich wiederum einige Institutionen auf die Seite der erneuerbaren Energien gestellt – und auf die einer konsequenten Weiterführung der Energiewende. Eine Kurzstudie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS), beauftragt von Green Planet Energy (hier als PDF einsehbar), hatte offenlegt, dass ein Rückschritt bei der Energiewende Deutschland ganz im Gegenteil teuer zu stehen kommen könnte.

Konkret sieht das so aus: Eine Verlangsamung des Ausbaus um 25 Prozent bis 2030 kann schon zu Innvestitionseinbußen über 65 Milliarden Euro führen. Die wirtschaftlichen Impulse durch den Betrieb und die Wartung von Erneuerbare-Energie-Anlagen würden geringer ausfallen. Zuletzt könnte die Branche bis zu 65.000 Arbeitsplätze einbüßen.

„Die neue Bundesregierung muss weiter konsequent auf den Ausbau der Erneuerbaren setzen. Ein Ausbremsen des Erneuerbaren-Ausbaus setzt nicht nur die Klimaziele aufs Spiel, sondern schwächt auch die deutsche Wirtschaft“, zitierte die dpa Carolin Dähling, Leiterin Politik und Kommunikation bei Green Planet Energy. „Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Der Ausbau von Wind- und Solarenergie sorgt für Investitionen in Milliardenhöhe, schafft Arbeitsplätze und reduziert unsere Abhängigkeit von fossilen Energieimporten.“

Bundesregierung verfolgt Ziele für Ausbau der erneuerbaren Energien

Die Bundesregierung folgt dabei lange gesteckten Zielen. Bis 2030 soll der Treibhausgasausstoß, verglichen mit 1990, um 65 Prozent sinken. Bis 2045 strebt die Bundesregierung die Klimaneutralität an – soll heißen, es müssen weniger Treibhausgase ausgestoßen werden als wieder in der Natur gespeichert werden. Unter anderem hatten diese Pläne den Ausstieg aus der Energiegewinnung aus Kohle oder Gas beinhaltet. Der BDI hat nun vor, die Kosten der Energiewende „erheblich“ zu reduzieren, ohne aber die langfristigen Ziele zu gefährden.

Aktuell geht der Ausbau der erneuerbaren Energien eher mühsam voran. Bei der Solarenergie ist Deutschland noch eher im Plan; im ersten Halbjahr 2024 waren über 516.000 neue Solaranlagen mit einer Leistung von rund 7,6 Gigawatt in Betrieb gegangen. Ein Solarpaket mit verschiedenen Unterstützungsmaßnahmen sollte den Ausbau weiter vorantreiben.

Bei der Windenergie aber besteht dringender Nachholbedarf. Durch das „Wind-an-Land-Gesetz“ sind alle Bundesländer verpflichtet, zwei Prozent ihrer Landesfläche für die Windkraft zur Verfügung zu stellen. Laut der Bundesnetzagentur lag die 2024 an Land zugebaute Windleistung mit 2,5 Gigawatt unter dem Niveau des Vorjahres. Zum Jahresende lag die Gesamtleistung bei 63,5 Gigawatt – bis 2030 soll sie auf 115 Gigawatt steigen. (laernie mit dpa)

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