Debatte um spätere Rente: Immer mehr Erwerbstätige hören tatsächlich früher auf
VonMax Schäfer
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Die Politik ringt um eine spätere Rente. Die Fakten zeigen: Viele Erwerbstätige handeln entgegengesetzt – und steigen über Altersteilzeit-Modelle früher aus dem Berufsleben aus.
Frankfurt – Fachkräftemangel und eine Rentenversicherung, die immer mehr an die Grenzen ihrer Finanzreserven kommt: Der Ruhestand der geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer-Generation verschärft gleich zwei Probleme. Die politische Antwort sind derzeit verzweifelte Mahnungen, die Deutschen müssten wieder mehr arbeiten. Dazu ist vor allem die gesetzliche Regelaltersgrenze im Fokus. Erwerbstätige sollen später in Rente, Menschen im Ruhestand noch weiterarbeiten.
Früher in Rente: Immer mehr Erwerbstätige in Altersteilzeit
In der Realität zeigt sich jedoch, dass viele Menschen bereits vor dem gesetzlichen Rentenalter nicht mehr arbeiten. So zeigen aktuelle Zahlen der Deutschen Rentenversicherung (DRV), dass die Zahl der Personen in Altersteilzeit zunimmt. Zwischen 2016 und 2023 haben 50.500 Menschen zusätzlich das Angebot genutzt – insgesamt sind es damit 284.000. Wie das Portal Ihre-Vorsorge.de berichtete, ist das ein Anstieg um 21,6 Prozent, also mehr als ein Fünftel.
Damit zeigt sich eine Trendumkehr, denn bis 2016 war die Zahl der Beschäftigten, die vor ihrer Rente in Altersteilzeit-Modellen sind, seit dem Höchststand von 670.000 im Jahr 2009 rückläufig. Den Rückgang führt das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen auf eine geringere Zahl an Neuzugängen als Abgängen zurück. Hintergrund sei das Ende der Förderung der Altersteilzeit durch die Bundesagentur für Arbeit sowie die Aufhebung der vorgezogenen Altersgrenze bei Arbeitslosigkeit und nach Altersteilzeit.
Ab einem Alter von 55 Jahren können Erwerbstätige Altersteilzeit-Modelle in Anspruch nehmen – wenn der Arbeitgeber es anbietet. Je nachdem, können sie damit früher in Rente.
Den Wiederanstieg der Altersteilzeit habe den Grund, „dass nach und nach die geburtenstarken Jahrgänge nachkommen, wodurch sich eine höhere Zahl potenzieller“ Nutzerinnen und Nutzer der Altersteilzeit ergebe, heißt es in einer IAQ-Veröffentlichung.
Trend zur Altersteilzeit widerspricht dem Renten-Streit: Höhere Altersgrenze gefordert
Der Trend widerspricht damit, was viele Fachleute und Politikerinnen und Politiker für nötig halten: eine längere Lebensarbeitszeit. Zuletzt hatte etwa Wirtschaftsministerin Katherina Reiche gefordert, dass die Lebensarbeitszeit steigen müsse. „Der demographische Wandel und die weiter steigende Lebenserwartung machen es unumgänglich“, hatte die CDU-Politikerin der FAZ gesagt. Es könne „auf Dauer nicht gut gehen, dass wir nur zwei Drittel unseres Erwachsenenlebens arbeiten und ein Drittel in Rente verbringen“.
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SPD-Chef und Finanzminister Lars Klingbeil hatte Reiches Renten-Forderung widersprochen, die Forderung eines späteren Rentenbeginns sei „ein Schlag ins Gesicht für viele“. Man solle hinausgehen „zu den Menschen ins Land, die als Dachdecker auf dem Dach stehen, die als Pflegekräfte arbeiten, die als Erzieherin arbeiten und sich wirklich kaputtmachen und die schon Schwierigkeiten haben, bis 67 zu kommen“, so Klingbeil bei RTL und NTV.
Früher oder später in Rente – Bundesregierung setzt bisher auf Freiwilligkeit
Bisher setzt die schwarzrote Bundesregierung bei der Frage des Rentenbeginns auf Freiwilligkeit. Eine weitere Anhebung der Regelaltersgrenze über 67 Jahre hinaus ist nicht geplant. Auch die abschlagsfreie „Altersrente für besonders langjährig Versicherte“ nach 45 Beitragsjahren, wie die umgangssprachliche „Rente mit 63“ offiziell heißt, bleibt weiterhin möglich, wobei auch hier das entsprechende Alter schrittweise auf 65 Jahre steigt.